{"id":27104,"date":"2019-12-25T06:21:02","date_gmt":"2019-12-25T05:21:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/?p=27104"},"modified":"2020-11-24T09:00:11","modified_gmt":"2020-11-24T08:00:11","slug":"die-verfuehrung-litsplit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/die-verfuehrung-litsplit\/","title":{"rendered":"Die Verf\u00fchrung &#8211; Litsplit"},"content":{"rendered":"<p>Der alte Bey stocherte mit einem langen Palmwedel in der verglimmenden Glut.<br \/>\nDie W\u00fcste hatte schon vor Stunden ihr mattes Gelb gegen bleierne Schw\u00e4rze getauscht.<br \/>\nDer Bey schaute mich fordernd an.<br \/>\nIch wusste, dass ich nun wohl an der Reihe w\u00e4re im Rund der Karawanen-Touristen f\u00fcr Unterhaltung zu sorgen. <\/p>\n<p>\u201eErz\u00e4hle uns etwas, das uns deine Welt n\u00e4her bringt. Man sagt, dass Euch das Besitzen oft nur des Besitzes wegen erfreut oder befriedigt.\u201c <\/p>\n<p>Leicht fr\u00f6stelnd schn\u00fcrte ich meine Kapuze etwas fester, schaute in die Runde der in Erwartung Verharrenden und ertappte mich selber dabei, in einer bestimmten Erinnerung zu schwelgen. <\/p>\n<p>\u201eJa, mein lieber Bey, wir im Westen haben oft nur dann das Gef\u00fchl f\u00fcr Reichtum, wenn wir so etwas wie Neid bei anderen erzeugen k\u00f6nnen. Dabei liegt das Gl\u00fcck oft genug vor unseren F\u00fc\u00dfen und wir verm\u00f6gen nur nicht, es zu sehen.\u201c<br \/>\nLeise begann ich meine Schilderung.<\/p>\n<p>\u201eLieber Bey&#8230;\u201c, <\/p>\n<p>fing ich an, wobei nicht extra zu bemerken w\u00e4re, dass dieser Mann, der uns bis hierher an die Flanke des Atlas gebracht hatte, ein \u00fcberaus gebildeter Bey war. <\/p>\n<p>\u201e&#8230; es ist sehr seltsam, doch aus den Ereignissen der letzten Tage blieb mir immer nur ein Begriff im Ged\u00e4chtnis. Wir sind ihnen begegnet, haben unser Wasser mit ihnen geteilt, das Brot mit ihnen gegessen und sie schlie\u00dflich im Sonnenglast wieder aus den Augen verloren. Was war es, das sie trieb?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWar es Verf\u00fchrung, mein Sohn?\u201c<\/p>\n<p>Verf\u00fchrung, in der Tat! Unbotm\u00e4\u00dfige Verf\u00fchrung nur?<\/p>\n<p>\u201eDie Welt war einst geteilt. Zwei Bl\u00f6cke blickten sich, bis an die Z\u00e4hne bewaffnet \u00fcber den Zaun an, der die \u00e4u\u00dferen Grenzen der jeweilig eifers\u00fcchtig bewachten Territorien bildete.<br \/>\nDann, es kam beinahe \u00fcber Nacht, erschien der Engel mit dem Flammenschwert und zerschlug mit gut gef\u00fchrtem Hieb die st\u00e4hlernen Maschen dieser nur Ungl\u00fcck \u00fcber die Menschen bringenden Befestigung.\u201c<\/p>\n<p>Leises Gemurmel aus den M\u00fcndern der Karawanengenossen begleitete meine Ausf\u00fchrung. Des Beys Gesicht reflektierte nun die Glut des Feuers.<\/p>\n<p>\u201eUnd nun, da die Welt ungeteilt einer frohen Zukunft entgegen sah und die letzten Potentaten nur noch durch Schergen der Geheimpolizei, sich in Freiheit w\u00e4hnen konnten, erwachte das geh\u00f6rnte Ungeheuer wieder, fra\u00df die V\u00e4ter und verlangte von den S\u00f6hnen zornig seinen Zoll.\u201c<\/p>\n<p>Die st\u00e4hlerne Sichel des Mondes lie\u00df den fernen Horizont nur erahnen und das Schwarz des nahen Gebirges schien sogar seinen Schatten in die W\u00fcste zu graben.<\/p>\n<p>\u201eUnd das Ungeheuer begann damit. die Menschen in den St\u00e4dten zu verschlingen. Nicht wenige V\u00e4ter scharten ihre Lieben um sich und beschlossen, ohne den Verlust der Heimat \u00fcberm\u00e4\u00dfig zu beweinen, in fremde L\u00e4nder zu ziehen, immer die Furcht vor dem Ungeheuer im Nacken sp\u00fcrend.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa,&#8230;\u201c, <\/p>\n<p>der Bey fixierte mit mich mit scharfem Blick, wobei ich die St\u00e4rke dieses Menschen beinahe k\u00f6rperlich f\u00fchlte, <\/p>\n<p>\u201e&#8230; das Ungeheuer, welches wir mit Allahs Hilfe, dessen Namen ich nicht gen\u00fcgend zu preisen vermag, in die H\u00f6lle verbannt zu haben glaubten, hat nun alle b\u00f6sen M\u00e4chte hinter sich gesammelt. Ihre schwarzen Fetzen Tuch mit den satanischen Versen bringen nun auch Tod und Vertreibung in die einsamsten D\u00f6rfer der Fellachen.\u201c<\/p>\n<p>Diese ungeheure Pr\u00e4senz des Alten machte beinahe betroffen. Mich unbeeindruckt gebend, versuchte ich den Faden meiner Geschichte wieder aufzunehmen.<\/p>\n<p>\u201eUnd die V\u00e4ter, mit den S\u00f6hnen auf dem R\u00fccken, und die Weiber, die T\u00f6chter mit sich ziehend,  querten die W\u00fcsten. Sie erklommen die Felsen, unentwegt in Ermangelung von Wasser ihre Spucke kauend. In der Ferne der Nacht gab ihnen der Mond das Geleit, w\u00e4hrend des Tages die Sonne ihre Stirne d\u00f6rrte. Und dann endlich gelangten sie an die Gestade des Meeres, dessen anderes Ufer die Erf\u00fcllung all ihrer W\u00fcnsche verhies.\u201c<\/p>\n<p>Selber von meiner Berichterstattung ein wenig beeindruckt, verlange mich nun nach k\u00fchlendem Nass. Lediglich die gierigen Blicke meiner Reisegef\u00e4hrten, die seltsam gefesselt an meinen Lippen hingen, lie\u00dfen mich, auch darob Triumph erahnend, den Durst heldenhaft unterdr\u00fccken.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSag schon&#8230;\u201c, <\/p>\n<p>mich unterbrechend, lie\u00df ein kleinw\u00fcchsiger Brite aus dem Kreis der Gef\u00e4hrten mich stocken.<\/p>\n<p>\u201e&#8230;sie wollen nach Europa?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, nicht wollen! Sie kamen! Einer Schwemme gleich, die scheinbar endlos \u00fcber das Meer und die Berge zog, nur von den Einheimischen dann gegr\u00fc\u00dft, wenn ihr Ziel ein weiteres war. Und eines der fernsten Ziele war Britannien!\u201c<\/p>\n<p>Innerlich triumphierend, nun \u00fcber das Betroffenheit signalisierende Gesicht des Angelsachsen, kratzte ich eine einfachst gehaltene Europa-Karte in den sich nun ein wenig feucht anf\u00fchlenden Sand. Mit der Eindruck heischenden Silhuette des Inselstaates gab ich mir besonders gro\u00dfe M\u00fche.<\/p>\n<p>\u201eBritannien, nat\u00fcrlich die Briten! In Calais lassen sie uns einfach wie W\u00e4sche im Wind des Kanals h\u00e4ngen. Schotten dicht, inclusive Linksverkehr. Und wir m\u00fcssen daf\u00fcr ihre R\u00f6hre zum Festland mit Z\u00e4hnen und Klauen verteidigen.\u201c<\/p>\n<p>Es war der spindeld\u00fcrre Mann aus der Normandie, der nun den Faden des Rotb\u00e4ckigen weitersponn.<br \/>\nSeltsam, wenn ich mir diese Beiden so anschaue, die sich stets ein wenig abseits der restlichen Reisenden hielten, so muss ich doch eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit zwei l\u00e4ngst Verstorbenen aus der Kinowelt meiner Kindheit konstatieren.<\/p>\n<p>\u201eWir steigen einfach aus! Der Premier hat uns die Freiheit vom Europ\u00e4ischen Gr\u00f6\u00dfenwahn versprochen.  Solche Sehns\u00fcchte in die K\u00f6pfe dieser Leute zu pflanzen? Wer war es denn, der sie aufforderte? Der ihnen eine Zukunft in Saus und Braus versprach? War das nicht die immer sich in Sorglosigkeit, nett und freundlich Gebende, jedoch dem Volk der Griechen die Kandarre?\u201c<\/p>\n<p>War dieser Apell des Briten scheinbar an den Franzosen gerichtet, so war mir klar, dass ich der Adressat der Beiden sein musste. Ich beschloss also, anstatt mein Gleichnis mit Ungeheuer, Angst und rettendem Hafen vor dem Unheil weiter zu f\u00fchren, es lieber auf die folgende Nacht zu verschieben.<\/p>\n<p>\u201eNun gut, ich verstehe! Nur, die Verf\u00fchrung durch eine von Kamelen in den Sand getrampelte Spur der Karawane liegt nicht etwa in deren Breite, sondern immer nur in der Bereitschaft, der somit auf Tod und Leben aufeinader Angewiesenen. Keiner alleine, nur die Gemeinschaft der Gef\u00e4hrten l\u00e4sst sie das abendliche Ziel erreichen. Und  ich m\u00f6chte auch noch einen Schritt weiter gehen&#8230;\u201c,<\/p>\n<p>nam ich wieder mein Grundthema auf,<\/p>\n<p>\u201e&#8230; und nur gemeinsam werden wir auch mit dem wieder erwachten Ungeheuer fertig.\u201c<\/p>\n<p>Nein, nicht Aplaus hatte ich erwartet, eher Widerspruch. Doch, beide blieben stumm, w\u00e4hrend ich nun doch noch nach der Wasserflasche griff.<br \/>\nMorgen w\u00fcrden wir wieder alle in unseren, fein temperierten Allr\u00e4derfahrzeugen sitzen und, in den W\u00fcstenf\u00fchrern bl\u00e4tternd, die alte W\u00fcstenstadt aus der Historie einer l\u00e4ngst vergangenen Kultur bestaunen.<\/p>\n<p>Ich nahm einen besonders tiefen Schluck und schaute in die Runde.<\/p>\n<p>Milde l\u00e4chelnd schaute mich der alte Bey an und ich bemerkte, dass das beinahe erloschene Feuer auf sein sonnengebr\u00e4untes Gesicht, immer noch das goldene Leuchten legte. <\/p>\n<p>\u00a9 Chefschlumpf Weihnachten 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der alte Bey stocherte mit einem langen Palmwedel in der verglimmenden Glut. 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