{"id":36067,"date":"2023-02-17T11:41:31","date_gmt":"2023-02-17T10:41:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/?p=36067"},"modified":"2023-02-17T11:50:47","modified_gmt":"2023-02-17T10:50:47","slug":"ausnahmezustand-buchtipp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/ausnahmezustand-buchtipp\/","title":{"rendered":"Ausnahmezustand &#8211; Buchtipp"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wolfgang Bittner: \u201eAusnahmezustand \u2013 Geopolitische Einsichten und Analysen unter Ber\u00fccksichtigung des Ukraine-Konflikts\u201c, 280 Seiten, Verlag zeitgeist 2023, ISBN 978-3-943007-47-3.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Transatlantische Vormundschaft<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang Bittner \u00fcber den Ausnahmezustand<br \/>\nBuchtipp von Harry Popow<\/p>\n<p>Es ist wieder so weit. Man erinnert sich an den 1. September 1939 und an den Satz, mit dem die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe des 20. Jahrhunderts begann: \u201eSeit 5 Uhr 45 wird jetzt zur\u00fcckgeschossen!\u201c Und noch am 18. Februar 1943 jubelten 15.000 Delegierte im Berliner Sportpalast, als Goebbels die Frage stellte: \u201eWollt ihr den totalen Krieg?\u201c Jetzt rollen erneut deutsche Panzer gegen Russland und best\u00e4tigen den Ausspruch von Bertolt Brecht: \u201eDer Scho\u00df ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.\u201c Es will kein Ende nehmen. Der sogenannte Wertewesten kreischt im Chor: \u201eBrutaler Angriffskrieg! Die Russen kommen!\u201c <\/p>\n<p>Nur wenige sind politisch wach geblieben und durchschauen die hochgef\u00e4hrliche<br \/>\nSituation, die von den Brandstiftern aus Washington provoziert worden ist. So der Schriftsteller Wolfgang Bittner, der in seinem neuen Buch \u201eAusnahmezustand\u201c den Verdrehungen, L\u00fcgen und Hetzparolen auf den Grund geht. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und nennt die Verursacher f\u00fcr Chaos und Krieg. Mit gedanklicher Sch\u00e4rfe und reichem Faktenwissen fasst er zusammen, wie es dazu gekommen ist, dass die Welt am Abgrund steht. Seine Diagnose ist schmerzhaft, aber die Therapie gibt \u2013 trotz allem \u2013 Hoffnung auf einen Politikwechsel. <\/p>\n<p>Wolfgang Bittner geht systematisch vor. Gleich zu Anfang erinnert er an die Kriege, die von den USA mit vorget\u00e4uschten Zwischenf\u00e4llen provoziert wurden: Vietnam, Serbien, der erste und zweite Irakkrieg, die Zerst\u00f6rung Libyens \u2013 \u201ehumanit\u00e4re Interventionen\u201c, so wurde es genannt. Angeblich ging es um die \u201eEinf\u00fchrung demokratischer Strukturen\u201c, die Verteidigung \u201ewestlicher Werte\u201c und um den Kampf gegen das \u201eReich des B\u00f6sen\u201c. Das wird auch im Ukraine-Krieg propagiert, einem Stellvertreterkrieg, der den USA Nutzen bringt und Europa,<br \/>\ninsbesondere Deutschland, in den Ruin treibt.<\/p>\n<p>Wer empfindet angesichts der Fernsehbilder aus der Ukraine mit zerst\u00f6rten H\u00e4usern, verst\u00fcmmelten Leichen und weinenden Frauen nicht Mitgef\u00fchl. Auch wenn das zur psychologischen Kriegsf\u00fchrung geh\u00f6rt, die viele \u201evergiftete Fr\u00fcchte\u201c tr\u00e4gt, wie Bittner es nennt (S. 54). Das ist die Unterdr\u00fcckung missliebiger Meinungen, die Diffamierung Andersdenkender, es sind Auftrittsverbote f\u00fcr Friedensaktivisten und<br \/>\nK\u00fcnstler, Demonstrationsverbote oder auch die Aussonderung von russischen Klassikern aus Bibliotheken.<\/p>\n<p>Wieder einmal triumphieren diejenigen, die sich auf der richtigen, der guten Seite w\u00e4hnen und alles verteufeln, was nicht ihren von Washington und aus den Medien oktroyierten \u00dcberzeugungen entspricht. Erstaunlich, so der Autor, \u201ewie bereitwillig und bedenkenlos Politikerinnen und Politiker Behauptungen \u00fcber Ereignisse \u00fcbernehmen, die weder untersucht noch bewiesen wurden.\u201c (S. 68) Ein Beispiel ist<br \/>\ndas Massaker in Butscha, das sofort den Russen angelastet wurde, obwohl der B\u00fcrgermeister unmittelbar nach dem Abzug der russischen Truppen in einer Videobotschaft von keinen russischen Gr\u00e4ueltaten berichtet hatte.<\/p>\n<p>Die Folgen dieses Krieges wie \u00fcberhaupt der Aggressions- und Sanktionspolitik der USA mit ihrer NATO sind Verarmung, Gefahr eines Atomkrieges und f\u00fcr viele Menschen das Ende eines friedlichen, zivilisierten Lebens. Hinzu kommt, dass es den USA gelungen ist, \u201eRussland von Westeuropa zu trennen, noch dazu unter Mitwirkung der europ\u00e4ischen NATO-Staaten\u201c. Wolfgang Bittner bezeichnet das als eine Jahrhunderttrag\u00f6die, (S. 17) verursacht von den USA. Denn bekanntlich hat Wladimir Putin, bereits 2001 in seiner Rede im Deutschen Bundestag und danach immer wieder f\u00fcr Zusammenarbeit und einen gemeinsamen Wirtschaftsraum von Wladiwostok bis Lissabon geworben. \u201eAber jede Ann\u00e4herung wurde strikt unterbunden und Russland mehr und mehr von der NATO eingekreist.\u201c<\/p>\n<p>Bittners klare Einsch\u00e4tzung: \u201eDie Ukraine als Br\u00fcckenland zwischen Russland und Westeuropa wurde zur Durchsetzung des Weltmachtanspruchs der USA zu deren Frontstaat gegen Russland und zum Schlachtfeld eines Stellvertreterkrieges.\u201c So geriet Westeuropa politisch und wirtschaftlich \u201eimmer mehr in Bedr\u00e4ngnis und schlie\u00dflich in eine Sackgasse.\u201c Sind es Unbedarftheit, mangelnde Geschichtskenntnisse oder sind es L\u00fcgen, fragt Bittner, \u201ewenn deutsche Politiker die Ursachen, die zum Einmarsch Russlands in die Ukraine gef\u00fchrt haben, einfach<br \/>\nausblenden?\u201c Wenn zum Beispiel behauptet wird, Nord Stream 2 nicht in Betrieb zu nehmen, sei eine der Reaktionen des Westens auf die Unzuverl\u00e4ssigkeit der Russen und deren Einmarsch in die Ukraine gewesen. Eine offensichtliche L\u00fcge! Denn \u201edie Inbetriebnahme der Pipeline zu verhindern, war seit Jahren ein Hauptanliegen der USA, und Russland hat selbst auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges seine<br \/>\nvertraglichen Verpflichtungen eingehalten\u201c. (S. 129 f.)<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bringt Wolfgang Bittner die imperialen Ziele der USA auf den Punkt: Es gehe darum, Russland und China \u201eals wirtschaftliche und milit\u00e4rische Konkurrenz auszuschalten und letztlich dem unipolaren Anspruch zu unterwerfen.\u201c Kurz gesagt: \u201eDie USA verfolgen eine Langzeitstrategie, die allein ihren Interessen dient.\u201c (S. 76 und 190) Die Ukraine sei als Wirtschaftsraum und Br\u00fcckenland f\u00fcr die<br \/>\ngeostrategischen Interessen der USA von gro\u00dfer Bedeutung, mit ihrer Vereinnahmung k\u00f6nne man Russlands \u201emachtpolitischen Aufstieg dauerhaft verhindern\u201c, so Bittner. Er zitiert den langj\u00e4hrigen Pr\u00e4sidentenberater Zbigniew Brzezinski, der schrieb, Eurasien sei das \u201eSchachbrett\u201c, auf dem die USA ihre Z\u00fcge im Kampf um die globale Vorherrschaft machten. (S. 19)<\/p>\n<p>Die USA sind \u201ekein Vorbild f\u00fcr Frieden und Freiheit\u201c, das stellt sich immer mehr heraus. Seit 1798 haben sie weltweit 469 Interventionen zu verantworten, 251 milit\u00e4rische Eingriffe seit dem Ende des ersten kalten Krieges im Jahr 1991. (S. 136f.) Auch die Liste \u201eder L\u00e4nder, gegen die von den USA seit 1945 unter dem Vorwand der Einf\u00fchrung von Demokratie und Freiheit milit\u00e4risch vorgegangen wurde, ist lang\u201c, insgesamt 33 werden aufgez\u00e4hlt. Dass die Alliierten des Zweiten Weltkrieges \u2013mit Ausnahme Russlands \u2013 Deutschland einen Friedensvertrag verweigert haben ist eine Tatsache, auf die Bittner hinweist. (S.187) Fakt ist ebenfalls, dass die USA \u201eneben kleineren Milit\u00e4rbasen \u00fcber elf gro\u00dfe Hauptst\u00fctzpunkte auf deutschem Territorium verf\u00fcgen\u201c, und dass Deutschland nur eingeschr\u00e4nkt souver\u00e4n ist. (S. 24<br \/>\nund 66)<\/p>\n<p>Jetzt wird Deutschland als Vasallenstaat und \u201eSpeerspitze gegen Russland\u201c aufgebaut, Japan und S\u00fcdkorea werden gegen China aufger\u00fcstet. Die Ukraine sollte als neuer Frontstaat gegen Russland dienen, aber gerade das will Russland verhindern. Weiterf\u00fchrend stellt der Autor die Frage, ob sich Russland beim Einmarsch in die Ukraine auf Selbstverteidigung berufen kann (Notwehr oder Nothilfe nach Artikel 51 der UN-Charta, S. 97 ff.).<\/p>\n<p>F\u00fcr \u00dcberraschung mag in diesem Zusammenhang ein Zitat von Papst Franziskus sorgen, der in einem Interview am 19. Mai 2022 meinte, man k\u00f6nne die Komplexit\u00e4t der Auseinandersetzung nicht auf die Unterscheidung zwischen Guten und B\u00f6sen reduzieren, ohne \u00fcber die Wurzeln und Interessen nachzudenken. Wir w\u00fcrden \u201enur das sehen, was ungeheuerlich ist, und nicht das ganze Drama sehen, das sich hinter diesem Krieg abspielt, der vielleicht in gewisser Weise entweder provoziert oder nicht verhindert wurde.\u201c (S. 46)<\/p>\n<p>F\u00fcr Journalisten w\u00e4re eine derartige Aussage existenzgef\u00e4hrdend, schreibt Wolfgang Bittner. (S.47) Zu den Ursachen des gro\u00dfen Konfliktes zitiert er unter anderem Albrecht M\u00fcller, den Herausgeber der NachDenkSeiten: \u201eHeute ist sichtbar, dass das Gro\u00dfe Geld und insbesondere die R\u00fcstungswirtschaft unsere Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik bestimmt und uns in kriegerische Auseinandersetzungen treibt, und<br \/>\ndar\u00fcber hinaus ist sichtbar, dass diese Politik zu einem gro\u00dfen Konflikt mit Russland gef\u00fchrt hat und die Sanktionspolitik zu Gegenma\u00dfnahmen gef\u00fchrt hat, die uns wirtschaftlich und sozial zu ruinieren drohen.\u201c(S. 130) Das k\u00f6nnte eine gute Ausgangsbasis daf\u00fcr sein, eine Gegen\u00f6ffentlichkeit aufzubauen, vielleicht eine neue Partei zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Auch international g\u00e4rt es seit L\u00e4ngerem. Wolfgang Bittner schreibt: \u201eOffenbar ist westlichen Medien und Politikern entgangen, dass sich die Mehrheit der Menschheit nicht mit der Arroganz und Kriegsl\u00fcsternheit der USA und ihrer Vasallen abfinden und andere Wege gehen will.\u201c (S.133) Wir erfahren: Im September 2022 trafen sich in Usbekistan die Staatschefs der Mitgliedstaaten der Schanghaier Organisation f\u00fcr<br \/>\nZusammenarbeit (SOZ), der neun L\u00e4nder angeh\u00f6ren: die Volksrepublik China, Indien, der Iran, Kasachstan, Kirgisistan, Pakistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan. Auf der Tagesordnung stand die Vertiefung der Zusammenarbeit. \u201eObwohl weitreichende Beschl\u00fcsse f\u00fcr die politische und wirtschaftliche Entwicklung auf dem eurasischen Kontinent gefasst wurden, berichteten westliche Medien kaum dar\u00fcber.\u201c(S. 133)<\/p>\n<p>In dem Kapitel \u201eDie neue Realit\u00e4t\u201c geht Bittner dann auf die Absichten des \u00fcberaus einflussreichen Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum; WEF) ein, das eine private Weltregierung anstrebt. Bittner schreibt: \u201e Das WEF plant demokratische Organisationsformen, in denen die Macht im Staat vom Volk mittels gew\u00e4hlter Vertreter ausgehen soll, durch ein Herrschaftssystem zu ersetzen, in dem eine Gruppe von \u201aStakeholdern\u2018, also \u201af\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten\u2018, ein globales Entscheidungsgremium bildet. Positiv gesehen, w\u00e4re das eine Herrschaft der Weisen, wer auch immer das sein mag. Kritisch gesehen, bedeutet es eine plutokratische Diktatur in einer grenzenfreien, \u00fcbernationalen Welt.\u201c(S. 163)<\/p>\n<p>Bittner schlussfolgert: \u201eEine selbsternannte \u201aElite\u2018 w\u00fcrde also die Macht \u00fcbernehmen und eine Art Weltregierung bilden. Insofern stellt sich das WEF als eine au\u00dferordentlich einflussreiche quasimafi\u00f6se Organisation dar, die eine Macht\u00fcbernahme nicht demokratisch legitimierter \u201aF\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten\u2018 in globalem Ausma\u00df vorbereitet. Zur Durchsetzung der Programmatik k\u00f6nnen dann Phasen globaler Instabilit\u00e4t genutzt werden, zum Beispiel die Corona-Pandemie, Hungersn\u00f6te oder die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine.\u201c (S. 163)<br \/>\nDer Kommunikationsforscher und Autor Nick Buxton, der sich eingehend mit dem WEF befasst hat und den Bittner zitiert, kommt zu dem Ergebnis, \u201edass wir zunehmend in eine Welt eintreten, in der Zusammenk\u00fcnfte wie Davos keine l\u00e4cherlichen Milliard\u00e4rsspielpl\u00e4tze sind, sondern die Zukunft der Global Governance\u201c. Es sei \u201enichts weniger als ein stiller Staatsstreich\u201c. (S. 163 f.) Das sind beunruhigende Einsichten, \u00fcber die in den Medien nichts zu erfahren ist, wie \u00fcber vieles andere auch nicht.<\/p>\n<p>Ich habe schon mehrere B\u00fccher von Wolfgang Bittner besprochen, und ich bin jedes Mal aufs Neue beeindruckt von seinen umfassenden Kenntnissen, der geschliffenen Diktion und seiner F\u00e4higkeit, komplizierte Sachverhalten allgemeinverst\u00e4ndlich und dennoch differenziert darzustellen. Es lohnt sich, dieses Buch und auch andere Werke Wolfgang Bittners zu lesen. Sie sind eine Offenbarung!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/cover_ausnahmezustand.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"240\" \/><\/p>\n<p><strong>Dr. Wolfgang Bittner: \u201eAusnahmezustand \u2013 Geopolitische Einsichten und Analysen unter Ber\u00fccksichtigung des Ukraine-Konflikts\u201c, Klappenbroschur mit 37 Abb., 280 Seiten, 19,90 \u20ac, Verlag zeitgeist 2023, ISBN 978-3-943007-47-3.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Wolfgang Bittner<\/strong> lebt als Schriftsteller und Publizist in G\u00f6ttingen. Der promovierte Jurist schreibt B\u00fccher f\u00fcr Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen und ist Mitglied im PEN. Von 1996 bis 1998 geh\u00f6rte er dem Rundfunkrat des WDR an, von 1997 bis 2001 dem Bundesvorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller. Ausgedehnte Reisen f\u00fchrten<br \/>\nihn nach Vorderasien, Mexiko, Kanada und Neuseeland, Gastprofessuren 2004 und 2006 nach Polen. Wolfgang Bittner war freier Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, H\u00f6rfunk und Fernsehen und hat mehr als 60 B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht,<br \/>\ndarunter die Romane \u201eDer Aufsteiger\u201c, \u201eNiemandsland\u201c und \u201eDie Heimat, der Krieg und der Goldene Westen\u201c.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Bittner: &bdquo;Ausnahmezustand &ndash; Geopolitische Einsichten und Analysen unter Ber&uuml;cksichtigung des Ukraine-Konflikts&ldquo;, 280 Seiten, Verlag zeitgeist 2023, ISBN 978-3-943007-47-3. 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