{"id":487,"date":"2010-01-12T18:27:37","date_gmt":"2010-01-12T17:27:37","guid":{"rendered":"http:\/\/bohnenzeitung.com\/wp\/?p=487"},"modified":"2018-09-29T10:42:11","modified_gmt":"2018-09-29T08:42:11","slug":"sterben-mussen-sterben-durfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/sterben-mussen-sterben-durfen\/","title":{"rendered":"Sterben m\u00fcssen &#8211; sterben d\u00fcrfen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Fall einer italienischen Komapatientin, die nach 17 Jahren im Koma endlich \u201esterben durfte\u201c, hat seit einigen Wochen immer wieder f\u00fcr Schlagzeilen gesorgt. W\u00e4hrend der Vater der Frau seit Jahren gro\u00dfe Anstrengungen unternahm, den \u201eklinischen\u201c Tod seiner Tochter, die nach einem Autounfall im Wachkoma lag, durchzusetzen, gab es immer wieder Gegenstr\u00f6mungen: vor allem von klerikaler Seite, und mit Bestrebungen, den gezielten Tod der Frau, f\u00fcr deren Genesung oder Erwachen aus diesem Zustand von Anfang an keine g\u00fcnstigen Prognosen mehr gestellt werden konnten, zu verhindern. Ministerpr\u00e4sident Berlusconi selber war noch kurz vor dem Ableben der Frau rege bem\u00fcht, deren Sterben zu unterbinden\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorab, sterben m\u00fcssen wir alle einmal, der eine fr\u00fcher, der andere sp\u00e4ter. Wenige Menschen begreifen eigentlich, dass der Tod nichts Furchtbares ist, sondern eine gro\u00dfe Gnade darstellt. Sich vorzustellen wie es w\u00e4re wenn man ewig leben w\u00fcrde (einmal abgesehen vom Platzproblem auf dem Planeten), w\u00e4re ganz sicher nicht wundervoll: zu altern, geistig wie k\u00f6rperlich, zu degenerieren, krank zu werden, gepflegt werden zu m\u00fcssen, nicht mehr Herr \u00fcber seine K\u00f6rperfunktionen zu sein \u2013 das hat etwas Alptraumhaftes an sich. Man halte sich nur einmal vor Augen, ein \u201eewiger Alzheimer-Patient\u201c zu sein \u2013 f\u00fcr sich und die Angeh\u00f6rigen! Der Tod kann also durchaus als Geschenk betrachtet werden, vor allem nach einem erf\u00fcllten Leben und der Gewissheit einiges geschafft zu haben in seinem Dasein, sei es im Gro\u00dfen wie im Kleinen. Wie aber, wenn man nun nicht sterben \u201edarf\u201c: bei schwerer, schmerzhafter Krankheit etwa wie einem unheilbaren Tumor, verbunden mit langem Siechtum?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon oft wurde diskutiert, warum man in so einem Fall nicht lebenserhaltende Systeme einfach abschaltet oder jede weitere Behandlung verweigert, die keine Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t mit sich bringt sondern nur den Schmerzzustand verl\u00e4ngert. Die Situation hat sich in den letzten Jahren durchaus verbessert, man hat mit guter Medikation durchaus die M\u00f6glichkeit Schmerzen zu reduzieren, aber oft m\u00fcssen sich Patienten und Angeh\u00f6rige auf die F\u00fc\u00dfe stellen um diese auch zu erhalten (wie ich von betroffener Seite schon erfahren habe): vertrat doch mancher Arzt lange die fragw\u00fcrdige These, dass ein schmerzvoller Abschied von dieser Welt dann die Bu\u00dfe im Jenseits verk\u00fcrzen w\u00fcrde (!!!). Abgesehen davon, dass ich mich als moderner, aufgekl\u00e4rter Mensch gegen ein solches Jenseitsdenken strikt verwehre: das ist Zynismus pur und der Wunsch nach k\u00fcnstlich herbeigef\u00fchrtem Tod ist in manchen F\u00e4llen durchaus nachvollziehbar: wenn er im Vollbesitz der geistigen Kr\u00e4fte ge\u00e4u\u00dfert wird und Folge einer unheilbaren wie mit gro\u00dfen Schmerzen verbundenen Krankheit ist. Nat\u00fcrlich sollte es nur im \u00e4u\u00dfersten Fall so weit kommen, andererseits: warum einen Menschen lange und sinnlos leiden lassen, der ohnedies sterben wird, weil ihn kein Arzt mehr heilen kann? Gerade in diesen F\u00e4llen ist der Tod mehr als nur Erl\u00f6sung, er ist eine gro\u00dfe Gnade\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber sollte im Fall eines Komapatienten wie jener Italienerin zu entscheiden sein? Im Grunde ist es unm\u00f6glich zu wissen, ob die Frau in diesem Zustand gelitten hat beziehungsweise ob sie von ihrem Wachkoma \u00fcberhaupt etwas mitbekommen hat. Eines d\u00fcrfte aber nach siebzehn Jahren feststehen: an ihrer Verfassung h\u00e4tte sich wohl nichts mehr entscheidend ver\u00e4ndert. Was sich aber auch nicht ver\u00e4ndert h\u00e4tte, w\u00e4re das Leid der Anverwandten der Frau. Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich wohl einigerma\u00dfen vergegenw\u00e4rtigen, wie furchtbar es ist, wenn man einen Menschen verloren hat, der zwar genau genommen noch lebt, aber an Maschinen h\u00e4ngt und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie mehr aus dem Krankenbett herauskommen wird\u2026 W\u00e4hrend die Italienerin fast zwanzig Jahre k\u00fcnstlich am Leben erhalten wurde, haben sich au\u00dferdem all ihre Organe und K\u00f6rperfunktionen vor allem aber auch ihr Gehirn zur\u00fcckentwickelt. Die emotionale Belastung f\u00fcr die Familie muss unbeschreiblich gewesen sein, dass sie sich letztlich dazu entschlossen hat, f\u00fcr den Tod der Tochter zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr einen toten Menschen kann man Trauerarbeit leisten, man kann Abschied von ihm nehmen und nat\u00fcrlich sch\u00f6n langsam zum Alltag zur\u00fcckkehren und das Geschehene verarbeiten. Im Fall jener Italienerin war das sicher nicht m\u00f6glich, ganz im Gegenteil. Die Situation, die \u00fcber eine so lange Zeit wie ein Damoklesschwert \u00fcber der Familie schwebte, muss manchmal fast unertr\u00e4glich geworden sein. Und jenen, die im Namen Gottes in so einem Fall von Mord sprechen, m\u00f6chte ich entgegenhalten: kein liebender Gott will dass jemand in seinem Namen dahinsiecht\u2026 Im \u00dcbrigen nehme ich gerne die Gelegenheit war um darauf hinweisen, welche Doppelmoral in diesem Zusammenhang in Wirklichkeit hochgehalten wird. Die Schwiegermutter meiner Schwester erlitt vor ziemlich genau zwei Jahren einen schweren Schlaganfall nach dem sie ins Koma fiel und nicht mehr daraus erwachte. Wer nun  glaubt, dass die Frau noch immer k\u00fcnstlich am Leben erhalten wird, den muss ich entt\u00e4uschen: die lebenserhaltenden Maschinen wurden nach nicht einmal drei Wochen (!!!) abgeschaltet, weil keine Besserung der Situation zu erwarten war\u2026 Kein Bischof und kein hoher Politiker haben in diesem Fall dagegen protestiert!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a9 Vivienne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fall einer italienischen Komapatientin, die nach 17 Jahren im Koma endlich &bdquo;sterben durfte&ldquo;, hat seit einigen Wochen immer wieder &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Sterben m\u00fcssen &#8211; sterben d\u00fcrfen&#8230;\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/sterben-mussen-sterben-durfen\/#more-487\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Sterben m\u00fcssen &#8211; sterben d\u00fcrfen&#8230;\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-487","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kritisch-betrachtet","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/487","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=487"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/487\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=487"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=487"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=487"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}