{"id":628,"date":"2010-01-13T18:46:15","date_gmt":"2010-01-13T17:46:15","guid":{"rendered":"http:\/\/bohnenzeitung.com\/wp\/?p=628"},"modified":"2010-01-13T18:46:15","modified_gmt":"2010-01-13T17:46:15","slug":"das-bordell-in-der-kleinen-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/das-bordell-in-der-kleinen-stadt\/","title":{"rendered":"Das Bordell in der kleinen Stadt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Gesellschaft, die an sich keine Tabus mehr kennt, pflegt allerdings auch ihre besonderen Scheinheiligkeiten, und das in bestimmten F\u00e4llen sehr gekonnt. Mir fiel das schon beim Tod des homosexuellen Modezaren Mooshammer auf, als jeder die Nase r\u00fcmpfte \u00fcber die sexuellen Vorlieben dieses Mannes, der nicht so viel anders gewesen war als die meisten anderen: manchmal so und dann wieder ganz anders und der sich \u00fcberdies sozial einmal sehr engagiert hatte. Als k\u00fcrzlich der \u201eBulle\u201c Ottfried Fischer einer quasi \u201eHalbseidenen\u201c auf den Leim gegangen war, die scheinbar jetzt noch mit Nacktfotos und einem Tagebuch aus der Zeit mit dem in Liebesdingen eher biederen bayrischen Mannsbilds Kapital schlagen m\u00f6chte, musste ich meinem Unmut allerdings lautstark Luft machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem als ich an einem Nachmittag zu lesen bekam, wie manche Leute die Nase r\u00fcmpften \u00fcber die verstohlenen Bordellbesuche des bayrischen Schauspielers und Kabarettisten, die der Aff\u00e4re einhergegangen waren, lie\u00df ich daheim ein paar spitze Bemerkungen vom Stapel. \u201eDie sollen doch einmal vor der eigenen T\u00fcr kehren! Scheinheiliges Pack! Lies dir das einmal, Ali!\u201c Meine bessere H\u00e4lfte lachte auf. Rein zuf\u00e4llig hat Ali ja am selben Tag Geburtstag wie Ottfried Fischer, n\u00e4mlich am 7. November, auch wenn er sonst gar nichts mit ihm gemeinsam hat. \u201eIch geb\u2019 dir v\u00f6llig Recht!\u201c meinte er, nachdem er den Artikel \u00fcberflogen hatte. \u201eWas kaufst du dir dieses Waschblatt \u00fcberhaupt? Steht doch nur Dreck drin!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich musste r\u00e4uspern und zugeben, dass ich mich die Neugierde gepackt hatte \u2013 ansonsten w\u00fcrde ich doch nie\u2026 Ali lachte noch lauter. \u201eNat\u00fcrlich. Und bei mir in der Arbeit in der Abteilung h\u00e4ngt auch nur rein zuf\u00e4llig ein Kalender mit Damen in d\u00fcrftigen Dessous\u2026\u201c Mein Mann griff nach der Zeitschrift und entsorgte das Blatt mit den f\u00e4rbigen Seiten im Karton mit den alten Zeitungen. \u201eAber du hast ganz sicher Recht, und was soll ich als Mann schon Gro\u00dfartiges dazu sagen? Schlie\u00dflich habe ich dir selber erz\u00e4hlt, dass ich in meiner Sturm- und Drangzeit auch ein paar Sch\u00f6ne f\u00fcr ihre Spezialdienste bezahlt habe\u2026 Mein Gott, ich wollte es ausprobieren, ich wei\u00df nicht genau, warum. Wir waren meist kollektiv dort, Freunde von mir und ich, und ich glaubte mich irgendwie selber beweisen zu m\u00fcssen, als w\u00e4re es etwas Besonderes\u2026 aber ich habe es getan. Wie so viele\u2026\u201c Albert schien  einen Moment zu \u00fcberlegen. \u201eIn so einem Zusammenhang dann einem popul\u00e4ren Schauspieler wie Fischer das Ende der Karriere vorauszusagen, weil er, der sexuell sicher als eher unbedarft einzusch\u00e4tzen ist, im Bordell war, ist geradezu grotesk.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ali zuckte die Achseln. \u201eIm Grunde geht fast jeder Mann einmal in ein Bordell, der eine \u00f6fter, der andere weniger oft. Kein Wunder, dass dieses Gewerbe daher floriert wie kaum eines und keine konjunkturellen Einbr\u00fcche kennt. Wei\u00dft du\u2026\u201c Ali drehte sich zu mir und grinste breit. \u201eEin Onkel von mir, Gerald, hat uns, meine Familie, sehr gern besucht, bevor er \u00fcberraschend fr\u00fch vor bald zwanzig Jahren verstorben ist. Onkel Gerald stammte aus der Provinz und immer wieder hat er uns augenzwinkernd erz\u00e4hlt, was sich in dem kleinen Caf\u00e9 bei ihm in der Kleinstadt dort so zu n\u00e4chtlicher Stunde abgespielt hat.\u201c Albert in Redelaune und ich ganz Ohr, ohne selber ein Wort zu verlieren \u2013 das gab es nicht so oft. Mein Mann fuhr fort, w\u00e4hrend er sich wieder zu mir setzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJa, und Onkel Gerald war ein netter \u00e4lterer Mann, der die Menschen kannte. Dieses Caf\u00e9 in seiner Heimatstadt grenzte n\u00e4mlich an ein Bordell. Nat\u00fcrlich hatte das Bordell einen eigenen Eingang, aber um abzuk\u00fcrzen nutzten viele Kunden der k\u00e4uflichen Damen einen Durchgang im Caf\u00e9, der direkt zu den R\u00e4umlichkeiten der \u201eSch\u00f6nen der Nacht\u201c f\u00fchrte.\u201c Ali sah mich am\u00fcsiert an. \u201eUnd Onkel Gerald konnte von seinem Sitzplatz aus stets illustre G\u00e4ste dieses Bordells beobachten, G\u00e4ste, die im Verlangen nach k\u00e4uflicher Liebe nicht scheuten, mitten durch die Tische im Kaffeehaus zu dr\u00e4ngen und dabei auch erkannt zu werden\u2026\u201c Mein Mann  strich sich eine seiner leicht angegrauten Locken aus der Stirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eM\u00e4nner, die sich durchaus offiziell f\u00fcr die Erhaltung der Tugend engagierten und Prostitution manchmal auch verdammten. Sogar den B\u00fcrgermeister seiner Stadt will Onkel Gerald \u00f6fter gesehen haben, wie er sich ins Bordell begab. Obwohl daheim eine Frau und f\u00fcnf Kinder auf ihn warteten. Gerald hat erz\u00e4hlt, dass er sich aus diesem Grund gern in das Kaffeehaus setzte um sich anzusehen, wer sich denn heute wieder besondere Dienste erf\u00fcllen lassen wollte. Ein interessanter Beobachtungsposten, den der Onkel da entdeckt und eingenommen hatte\u2026 Albert suchte in seiner Hosentasche nach seinen Zigaretten. \u201eUnd genau aus dem Grunde verstehe ich deinen Unmut wirklich gut. Was die Leute in der Causa Fischer mit ihren Entr\u00fcstungen aufgef\u00fchrt haben, ist verlogen, nichts als widerliche Doppelmoral. Wie hei\u00dft es so sch\u00f6n im Neuen Testament? Korrigiere mich, Vivi, wenn ich mich irre, aber da steht doch irgendetwas von Wer frei von S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein! Dieses Denken w\u00e4re in der Tat mehr als nur angebracht!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a9 Vivienne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Gesellschaft, die an sich keine Tabus mehr kennt, pflegt allerdings auch ihre besonderen Scheinheiligkeiten, und das in bestimmten F&auml;llen &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Das Bordell in der kleinen Stadt\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/das-bordell-in-der-kleinen-stadt\/#more-628\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Das Bordell in der kleinen Stadt\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-628","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-bunte-welt-von-vivienne","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/628","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=628"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/628\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=628"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=628"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=628"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}