{"id":720,"date":"2010-01-13T19:10:57","date_gmt":"2010-01-13T18:10:57","guid":{"rendered":"http:\/\/bohnenzeitung.com\/wp\/?p=720"},"modified":"2010-01-13T19:10:57","modified_gmt":"2010-01-13T18:10:57","slug":"das-boudoir-der-steuerpruferin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/das-boudoir-der-steuerpruferin\/","title":{"rendered":"Das Boudoir der Steuerpr\u00fcferin"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Albert, mein Mann, r\u00fcmpfte die Nase. Er blickte der mit Brachialgewalt verf\u00fchrerisch sein wollenden Blondine in ihren Stilettos nach und verzog sein Gesicht wegen ihrer auff\u00e4lligen Duftwolke sichtlich angewidert. Ich grinste meinen Mann an. \u201eJa, manche meinen es zu gut. Damen wie Herren. Da war doch einmal der Kerl von der Wohnungsgenossenschaft, der stank wie ein Iltis. Erinnerst du dich noch? Aber halten wir uns nicht auf mit der \u00fcberparf\u00fcmierten Dame\u2026\u201c Eigentlich hatten wir es n\u00e4mlich eilig. Wir waren in den Supermarkt gefahren, weil wir heute Mittag bei Alis Eltern grillen wollten. Alis Eltern hatten vorhin noch den Bedarf an einigen saftigen Koteletts angemeldet, deshalb hatten wir uns diesen Umweg in den Supermarkt \u00fcberhaupt erst angetan. Aber nun stand mein Mann da, grinste breit \u00fcber das Gesicht und schien in Erinnerungen  versunken, so, als h\u00e4tten wir alle Zeit der Welt. \u201eWas ist?\u201c fragte ich Ali nun etwas irritiert. Er riss sich los von den Gedanken und legte den Arm um mich. \u201eDa muss ich dir was erz\u00e4hlen, ist schon eine halbe Ewigkeit her. Ich glaube, die Dame hatte tats\u00e4chlich dieselbe penetrante Duftnote\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Minuten sp\u00e4ter sa\u00dfen wir im Auto und Ali reversierte aus der Parkl\u00fccke heraus. Die Koteletts und manches andere waren im Kofferraum in der K\u00fchltasche verstaut und Ali fuhr schon auf die Stadtautobahn auf. \u201eDie Geschichte, die mir jetzt eingefallen ist, liegt schon lange zur\u00fcck, genau genommen fiel sie in die Zeit, in der wir zwei keinen Kontakt hatten, weil du deinem Kurzzeitfreund in dessen windige Firma folgen musstest\u2026\u201c Mein Mann warf mir einen leicht sp\u00f6ttischen Seitenblick zu. \u201eNa ja, irgendwann in der Zeit hatte unser Boss, Rossecker, dann die Steuerpr\u00fcfung am Hals. Alle Belege, Abrechnungen, etc. der letzten Jahre mussten genau gepr\u00fcft werden. Rossecker tobte, aber er musste mit dem Finanzamt ausmachen, dass die Dame selber ins Haus kam und ein eigenes B\u00fcro f\u00fcr die Zeit der Pr\u00fcfung erhielt.\u201c Ali kicherte. \u201eSeine damalige Assistentin, noch vor der Prager, rotierte, weil sie sich zu den anderen Schreibkr\u00e4ften setzen musste. Aber ihr B\u00fcro war f\u00fcr die Steuerpr\u00fcferin vorgesehen. Lass mich nachdenken, ich glaube, sie hie\u00df Frau Mag. Schweiger, ja, ich glaube, das stimmt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hielten an einer Ampel. Ich konnte reges Verkehrsaufkommen in den Stra\u00dfen beobachten, ehe Ali wieder auf das Gaspedal trat. \u201eGlaub mir, Vivi\u2026\u201c fuhr Ali fort. \u201e\u2026die Dame kam nicht einfach herein, sie erschien: in einer gewaltigen, penetranten Parf\u00fcmwolke, vergleichbar mit der jener Person, die wir vor dem Supermarkt getroffen haben. Frau Schweiger war nicht mehr ganz jung, kleidete sich aber in auff\u00e4lligen, tief ausgeschnittenen und kurzen Kleidern in nicht unbedingt dezenten Mustern und war stark geschminkt. Mit all dem h\u00e4tte man ja leben k\u00f6nnen, aber die Duftintensit\u00e4t weckte fast Assotiationen an eine Puffmutter: etwas \u201e\u00fcberwutzelt\u201c \u2013 du wei\u00dft, was ich meine \u2013 aber in dem Glauben verhaftet, sie w\u00e4re noch eine attraktive Frau, die es mit allen Jungen aufnehmen k\u00f6nne\u2026\u201c Ich dachte kurz nach, warum so viele Frauen sich getrieben f\u00fchlten, auf ewig eine femme fatale sein zu m\u00fcssen \u2013 und dabei die Grenzen des guten Geschmacks oft schmerzhaft \u00fcberschritten. War es das Wert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ali fuhr in der Zwischenzeit auf die Bundesstra\u00dfe auf. \u201eKurz und gut, innerhalb einer Stunde stank, will sagen: roch es in der ganzen Firma nach Frau Schweiger. Sogar vor dem Lager machten die Duftschwaden nicht halt und das morgendliche Erscheinen der Steuerpr\u00fcferin k\u00fcndigte sich immer dadurch an, dass sich die Geruchsintensit\u00e4t fast unerh\u00f6rt verst\u00e4rkte. Rossecker war in den Wochen ihrer Anwesenheit vor lauter Grant fast nicht auszuhalten. Die Leute in der Firma gingen ihm aus dem Weg, wo m\u00f6glich, und zu bedauern waren die armen Teufel, die Rossecker in der Zeit eine unangenehme Sache zu \u00fcbermitteln hatten. Sie sahen allesamt danach wie begossene Pudel aus und genossen unser Mitgef\u00fchl. Schlie\u00dflich konnte jeder von uns der n\u00e4chste sein\u2026 Frau Steuerpr\u00fcfer nahm ihren Job \u00fcbrigens sehr ernst und Rossecker kam sehr schnell von der Idee ab, die Dame mit Warengeschenken zu bes\u00e4nftigen \u2013 wie er das sonst oft machte, in den unterschiedlichsten Situationen. Wer Frau Schweiger etwas bringen musste, schilderte immer dieselben Eindr\u00fccke: es war so, als w\u00fcrde man ein orientalisches Boudoir betreten, so intensiv lag das starke Parf\u00fcm in der Luft. Wie die Dame dann aber meistens da sa\u00df, mit ihrer \u00fcppigen, kaum verh\u00fcllten Oberweite, gewann man eher den Eindruck, sie w\u00fcrde eigentlich einen potentiellen Liebhaber erwarten und nicht Belege aus dem Jahre Schnee&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir sind fast da!\u201c Ali nahm meinen Zwischenruf gar nicht wahr. \u201e..nach einer halben Ewigkeit war sie dann endlich wieder weg. Rossecker regte sich gar nicht mehr auf, obwohl ihm die Dame auch noch Nachzahlungen ank\u00fcndigen musste. Als sie die Firma verlassen hatte, ging er mit ein paar Leuten in sein B\u00fcro und dort wurde dem Vernehmen nach gefeiert. Mit ein paar Flaschen Sekt und einem besonderen Schnaps, den Rossecker von einem Urlaub aus Frankreich mitgenommen hatte. Ganz was feines, habe ich mir sagen lassen, ganz was Feines\u2026 Aber wei\u00dft du was, Vivi? Ihr Parf\u00fcm hing auch noch Tage sp\u00e4ter im ganzen Haus und besonders im B\u00fcro von Rosseckers damaliger Chefsekret\u00e4rin. Die soll sich \u00fcbrigens beklagt haben, dass der Raumduft fast nicht zu ertragen w\u00e4re. Rossecker soll aber durch den Abgang der Steuerberaterin so milde gestimmt gewesen sein, dass er ihr sogar ein paar Tage frei gab \u2013 damit das B\u00fcro ordentlich durchgel\u00fcftet werden konnte!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a9 Vivienne\/Gedankensplitter<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albert, mein Mann, r&uuml;mpfte die Nase. 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