{"id":7250,"date":"2010-07-03T11:31:16","date_gmt":"2010-07-03T10:31:16","guid":{"rendered":"http:\/\/bohnenzeitung.com\/wp\/?p=7250"},"modified":"2010-07-03T11:31:16","modified_gmt":"2010-07-03T10:31:16","slug":"die-religionslehrerin-die-bunte-welt-von-vivienne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/die-religionslehrerin-die-bunte-welt-von-vivienne\/","title":{"rendered":"Die Religionslehrerin &#8211; Die bunte Welt von Vivienne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich manchmal in  meine fr\u00fchere Heimatgemeinde komme, spaziere ich gerne durch die  l\u00e4ndliche  Gegend, sei es mit Albert, meinem Mann, oder ab und an auch alleine.  Meistens  f\u00fchrt mich mein Weg auch an den beiden Schulen vorbei, die in den 70er  Jahren,  als ich dort meinen Unterrricht empfing, noch ganz anders aussahen. Die  damals  so modernen Flachd\u00e4cher mussten weichen, weil sie undicht geworden  waren. Und  der Schulhof war ganz anders bepflanzt und gestaltet&#8230; Bei so einer  Gelegenheit  erz\u00e4hlte ich Ali einmal die Geschichte der Religionslehrerin Konstanze  M\u00f6rtenthaler, die in der Volksschule versuchte, meinen Schulkollegen und  mir  Gott n\u00e4her zu bringen. In Erinnerung behielt ich sie aber wegen ihrer  unz\u00e4hligen  Geschichten voller Gottvertrauen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bestellten in dem  \u201eneuen\u201c Caf\u00e9, das es auch erst seit ein paar Jahren gab, zwei Melange  und ich  sch\u00fcrfte in dem Kessel mit meinen Kindheitserinnerungen&#8230; \u201eWei\u00dft du,  Ali, Frau  M\u00f6rtenthaler war schon damals keine junge Frau mehr, allerdings ist mir  das  lange nicht\u00a0 aufgefallen. Ihre Haare waren gef\u00e4rbt und sie sprach mit  uns mit  dem Feuer echten Gottvertrauens. Und das hielt sie jung, zweifellos.  Eine gro\u00dfe  Rolle in ihren anschaulichen Geschichten spielte ihre Familie: ihr Mann,  eine  Tochter und zwei S\u00f6hne. Nat\u00fcrlich wusste sie auch das \u201egottgewollte\u201c  Rollenspiel  in Beziehung und Familie geschickt einzuflechten. War sie doch selber  davon  \u00fcberzeugt. Und so hatten ihre \u201eM\u00e4nner\u201c daheim das Sagen. Eine Erz\u00e4hlung,  in der  ihrer Tochter, der \u00c4ltesten, so richtig von ihren j\u00fcngeren Br\u00fcdern  bewusst  gemacht wurde, dass sie halt \u201enur\u201c ein M\u00e4dchen w\u00e4re und die Burschen  schon  w\u00fcssten, wo es lang ginge, blieb mir besonders klar in der Erinnerung  haften&#8230;  Da war ich n\u00e4mlich nicht ihrer Meinung, absolut nicht, damals schon.\u201c  Ich  blickte meinen Mann mit einem entwaffnenenden L\u00e4cheln an&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ali lachte laut. \u201eDas  wundert mich jetzt aber sehr!\u201c Die Servierkraft brachte unseren Kaffee  und  Albert fuhr fort. \u201eHast du sie eigentlich gemocht, die Frau  M\u00f6rtenthaler?\u201c Ich  dachte angestrengt nach. \u201eNat\u00fcrlich, sie war ja eine gro\u00dfe  Geschichtenerz\u00e4hlerin. Und das gefiel mir, ich liebte Geschichten. Und  damals  habe ich den Kern ihrer religi\u00f6s angehauchten Fabeln weniger in Frage  gestellt,  das kam erst nach und nach. Mancher Mitsch\u00fcler von mir lachte schon  damals mehr  oder weniger heimlich \u00fcber sie, durchaus auch zynisch gemeint. Denn Frau   M\u00f6rtenthalers Geschichten, die sich rund um ihr eigenes Leben spannten,  hatten  den recht offensichtlichen Sinn, uns klar zu machen, dass sich mit Gott  und  Gottvertrauen alles zum Rechten wenden w\u00fcrde. Eine sehr eindimensionale  Sichtweise&#8230;\u201c Ich r\u00fchrte gedankenverloren in meinem Kaffee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Frau M\u00f6rtenthaler  hatte sicher den zweiten Weltkrieg miterlebt, sie wusste bestimmt durch  das  Grauen der Kriegs- und Nachkriegszeit genau, dass nicht alles gut wird \u2013  sondern  einfach seinen Sinn hat. Und die Dynamik in sich tr\u00e4gt, dass irgendwann  einmal  etwas Besseres und Sch\u00f6neres daraus erw\u00e4chst&#8230; Aber viele der Kinder  merkten  schon recht bald, dass die Frau Religionslehrerin eigentlich nur fromme  M\u00e4rchen  erz\u00e4hlte \u2013 und keine wirklich realen Geschichten. Der Vater einer  Schulkollegin  war an einem Hirntumor gestorben \u2013 wie h\u00e4tte man dem M\u00e4dchen, das seinen  Vater  nie gekannt hatte, vermitteln k\u00f6nnen, das mit Gottvertrauen alles gut  wird?\u201c Ali  nickte betroffen. \u201eDavon hast du einmal gesprochen, richtig. In einem  anderen  Zusammenhang. Du hast die Familie gut gekannt, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich blickte aus dem  Fenster und lie\u00df meinen Blick schweifen. So vieles hatte sich hier  ver\u00e4ndert in  all den Jahren&#8230; Ich seufzte und legte die Hand auf Alis Unterarm. Nach  ein  paar Momenten nahm ich den Faden wieder auf. \u201eNun, irgendwann kam im  Leben der  Frau M\u00f6rtenthaler der Punkt, in dem sich ihre eigenen Erz\u00e4hlungen ad  absurdum  f\u00fchrten. Diese \u2013 sagen wir mal \u2013 unheilvolle Pechstr\u00e4hne begann mit  einer  scheinbar chronischen Erk\u00e4ltung ihres j\u00fcngsten Sohnes. Zum Entsetzen der  Familie  wurde aber Leuk\u00e4mie diagnostiziert. Der junge Mann k\u00e4mpfte, und er  schien die  schwere Krankheit in den Griff zu bekommen. Kurz darauf traf die Familie   M\u00f6rtenthaler der n\u00e4chste Schicksalsschlag. Bei einem T\u00fcrkeiurlaub des  \u00e4ltesten  Sohnes mit seiner Frau geriet das Hotel in Brand. W\u00e4hrend der Sohn durch  einen  gl\u00fccklichen Zufall noch mit einem Freund in der Stadt unterwegs war,  verbrannte  seine Gattin hilflos im Schlaf.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ali sah mich ersch\u00fcttert  an. \u201eSo eine Trag\u00f6die! Das ist ja furchtbar!\u201c Ich nickte. \u201eAber das war  noch  nicht alles, Albert. Der j\u00fcngere der Br\u00fcder, der selber nie viel Gl\u00fcck  in der  Liebe gehabt hatte, war immer eifers\u00fcchtig auf die harmonische Ehe des  \u00c4lteren  gewesen. An dessen furchtbaren Verlust zerbrach er dann selber, weil er  sich so  schuldig f\u00fchlte. Wenige Monate nach seiner Schw\u00e4gerin wurde auch er  begraben&#8230;  Er hatte einfach aufgegeben, nicht mehr gek\u00e4mpft.\u201c Wir schwiegen eine  Weile. Ali  hielt meine Hand. Dann fragte er mich in die Stille hinein. \u201eWas ist aus  ihr  geworden? Ich nehme an, sie lebt nicht mehr&#8230;\u201c \u201eDa hast du wohl Recht,  Albert\u201c,  antwortete ich\u00a0 \u201eIch habe sie Jahre sp\u00e4ter einmal im Zug getroffen und  ich h\u00e4tte  sie kaum wieder erkannt. Ihre Haare waren schlohweis geworden. Das ist  fast  zwanzig Jahre her und damals war sie schon weit \u00fcber siebzig. Ich habe  allerdings ihren Tod nicht bewusst registriert. Wenn ich ehrlich bin,  dann  glaube ich, dass ihr Gottvertrauen sehr tief ersch\u00fcttert worden ist in  dieser  furchtbaren Zeit. Und doch hatte wohl alles seinen tieferen Sinn&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vivienne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich manchmal in meine fr&uuml;here Heimatgemeinde komme, spaziere ich gerne durch die l&auml;ndliche Gegend, sei es mit Albert, meinem &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Die Religionslehrerin &#8211; Die bunte Welt von Vivienne\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/die-religionslehrerin-die-bunte-welt-von-vivienne\/#more-7250\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Die Religionslehrerin &#8211; Die bunte Welt von Vivienne\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-7250","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-bunte-welt-von-vivienne","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7250","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7250"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7250\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7250"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7250"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}