{"id":809,"date":"2010-01-18T18:50:56","date_gmt":"2010-01-18T17:50:56","guid":{"rendered":"http:\/\/bohnenzeitung.com\/wp\/?p=809"},"modified":"2010-01-18T18:50:56","modified_gmt":"2010-01-18T17:50:56","slug":"vom-leben-in-der-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/vom-leben-in-der-stadt\/","title":{"rendered":"Vom Leben in der Stadt&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wie schnell die Zeit vergeht! Bald ist es wieder ein Jahr her, dass ich in die Stadt gezogen bin, von einer l\u00e4ndlichen Gemeinde immerhin in die Landeshauptstadt von Ober\u00f6sterreich, Linz. Ein Jahr, in dem sich viel bei mir getan hat, in dem ich mit der Midlife-Crisis gek\u00e4mpft habe (und noch k\u00e4mpfe), in der sich beruflich manches ver\u00e4ndert hat und in der ich die Metamorphose von der Rothaarigen zur Blondine vollzogen habe &#8211; endg\u00fcltig. Wie das Tatoo, das ich seit letztem Sommer auf der linken Schulter trage, und zu dem sich heuer noch das eine oder andere gesellen wird. \u00a9 Vivienne ist \u00fcber Vierzig, \u00a9 Vivienne will es noch einmal wissen und all die Dinge und Unarten ausprobieren, bevor sie in f\u00fcnf Jahren wirklich zu alt daf\u00fcr ist\u2026 Nun, nicht ganz, eine gewisse Bodenst\u00e4ndigkeit werde ich nie ablegen k\u00f6nnen, aber sonst k\u00f6nnte es schon sein, dass ich \u00f6fter \u00fcber meinen Schatten springe als sonst\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was allerdings nur bedingt mit meiner \u00dcbersiedlung nach Linz zu tun hat sondern vielmehr mit meiner Midlife-Crisis\u2026 Aber die Menschen in meinem Alter kennen das Ph\u00e4nomen ohnedies zu gut. Zur\u00fcck zu meiner Linzer Wohnung in Kleinm\u00fcnchen, die ich hei\u00df liebe und die ich zu einer gr\u00fcnen Oase wachsen lie\u00df, mit Zimmerbrunnen, und meine stacheligen Freunde, die Kakteen, wuchern dort \u00fcppig. Eine gr\u00fcne Lunge vor den Fenstern, ein beschaulicher Park mit wundersch\u00f6nen B\u00e4umen und gem\u00fctlichen B\u00e4nken sowie nat\u00fcrlich die Stra\u00dfenbahnhaltestelle fast vor der Haust\u00fcr veredeln den Standort, an dem ich Wurzeln geschlagen habe. Zum Einkaufen ist nicht weit, und Gott sei Dank brauche ich kein Auto, denn die Kosten w\u00fcrden mich wohl in Zeiten wie diesen um meine Existenz bringen. Ich liebe meine bunte Wohnung, bunt und lebendig wie das Leben von \u00a9 Vivienne, auch wenn sich oft viel zu viel tut und mancher gut gemeinte Ratschlag zu einer Last wird. Teilweise habe ich im letzten Jahr durchaus gewollt die Einsamkeit gesucht und es zu sch\u00e4tzen gelernt, dass ich in meiner Wohnung ungest\u00f6rt bin und niemanden einlassen muss, den ich nicht will. Eine negative Erfahrung mit einer Bekanntschaft im letzten Herbst \u2013 der fragw\u00fcrdige Herr wollte eine unverbindliche Einladung auf einen Kaffee als Entree in mein Schlafzimmer verstanden wissen \u2013 liegt mir zeitweise noch immer ein wenig im Magen. Hier in meiner Zweizimmerwohnung meine Ruhe zu haben, wann immer ich sie suchte, sollte der gr\u00f6\u00dfte Luxus in einer Zeit werden, in der manches nicht lief wie gew\u00fcnscht\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mittlerweile hat sich vieles eingependelt. Ich habe Ballast abgeworfen, ungef\u00e4hr 25 kg K\u00f6rpergewicht in den letzten eineinhalb Jahren, und Menschen aus dem Leben gestrichen, die dort nie Platz haben h\u00e4tten d\u00fcrfen. Zudem genie\u00dfe ich die so genannten kleinen Dinge viel mehr als fr\u00fcher. Vogelgesang vor meinem Fenster und bl\u00fchende Rosen im Park erfreuen mich weit mehr als gro\u00dfartige lukullische Gen\u00fcsse, die ich mir ohnedies nicht leisten kann \u2013 bei diesen Lebensmittelpreisen&#8230;! Im \u00dcbrigen vermisse ich das Landleben nicht: das Pendeln wurde f\u00fcr mich in \u00fcber f\u00fcnfundzwanzig Jahren zu einer echten Last. Ich bin eine St\u00e4dterin geworden, ich liebe das Leben in der Stadt und die Schnelligkeit, von einer Destination zur anderen zu kommen, mit der Stra\u00dfenbahn und mit Linienbussen. Daher werde ich es sicher nicht gegen ein ohne Auto sehr umst\u00e4ndliches Leben am Land tauschen. Ich habe trotz F\u00fchrerscheins kein Talent zum Auto fahren und will mich auch nicht herumqu\u00e4len. Hier in der Stadt habe ich alles, was ich brauche \u2013 mehr als das, ich f\u00fchle mich wohl, wirklich wohl. An einen gewissen L\u00e4rmpegel habe ich mich gewohnt, das ging auch schnell und ansonsten habe ich keine wichtigen Gr\u00fcnde, meine Meinung zu \u00e4ndern. Sieht man von Stippvisiten ab &#8211; ins M\u00fchlviertel oder ins Donautal, wo meine Freunde und nat\u00fcrlich die Familie residieren. Es ist wundersch\u00f6n, wenn man in seiner Wohnung bei einer Schale Kaffee sitzen und sagen kann: \u201eHier bin ich daheim!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stadt schl\u00e4ft nie, die Stadt pulsiert auch in der Nacht, was ich oft beobachten kann, da ich abends als Nachtmensch gerne das Treiben in der Stadt in mich aufnehme. Etwa bei einem Blick aus dem Fenster oder bei einem kurzen Spaziergang um den Block. Ich hatte gro\u00dfes Gl\u00fcck mit dieser meiner Wohnung, das wird mir fast jeden Tag neu bewusst. Mein gro\u00dfz\u00fcgiges Bad etwa mutiert zu einer kleinen Wellnessoase, in der ich es mir gut gehen lasse \u2013 mit Schaumb\u00e4dern und Bade\u00f6len, ausgestattet mit Muscheln und allerlei passendem Tand. Die \u00dcbersiedlung in die Stadt und das Gew\u00f6hnen an die neue Atmosph\u00e4re war in diesem letzten Jahr sicher mein geringstes Problem. Schlimmer wirkten sich bittere Erkenntnisse, \u00c4nderungen und Erfahrungen auf mein Leben aus. Freundschaften zerbrachen, neue kamen hinzu, aber die Flut der wohlgemeinten Ratschl\u00e4ge von allen Seiten hatte oft die gegenteilige Wirkung. Auch wurden und werden die Stimmen nicht leise, dass die gute \u00a9 Vivienne jetzt doch endlich einen Mann braucht. Vergeudete Energie, da ich mein Gl\u00fcck nicht dort suche, wo man es mir aufdr\u00e4ngen will.  Das kann nur schief gehen\u2026 Bereit sein ist alles, sagt Shakespeare, und wenn es wirklich passt, kann man der Liebe ohnedies nicht entkommen. Mein Fazit nach manch hartem Jahr in der Vergangenheit: Liebe l\u00e4sst sich nicht zwingen und man kann ihr nicht nachhelfen \u2013 sie ist oder sie ist nicht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Gr\u00fcn w\u00e4re mein Leben hier in der Stadt ganz sicher nicht denkbar. So sehr ich zwischen Kaktus, Gummibaum, Hibiskus und Philodendron aufbl\u00fche, so wenig interessiert mich wiederum echte Gartenarbeit. W\u00e4hrend meine Mutter mit \u00fcber siebzig Jahren noch jede freie Minute Unkraut j\u00e4tet oder Pfl\u00e4nzchen setzt und meine Schwestern alle viel Zeit in ihren eigenen G\u00e4rten verbringen, scheue ich pers\u00f6nlich die r\u00fcckenfeindliche Arbeit beim selbst gezogenen Gem\u00fcse. Nein, Gartenarbeit geht mir sicher am allerwenigsten von allen \u201eFreuden\u201c des Landlebens ab. Dazu fehlt mir jeder Bezug weil ich, im Gegensatz zur restlichen Familie, viel mehr Zeit am PC verbringe und mich mehr oder weniger schriftstellerisch bet\u00e4tige. DAS ist mein Leben und nichts anderes. Mir gen\u00fcgt es ab und an die gr\u00fcnen Freunde am Fenster zu gie\u00dfen, umzutopfen oder welke Bl\u00e4tter abzuzupfen. Ein Bekannter stellte diese meine Einstellung leicht ironisch in Frage: er meinte, es h\u00e4tten doch alle Frauen irgendwie einen Hang zum \u201eGarteln\u201c, aber ich schlage da aus der Familie und wohl auch aus der Art. Soll so sein\u2026 Und das Leben in der Stadt kommt mir aus diesem Grund noch mehr entgegen, ich kann mein Leben und meine vier W\u00e4nde doch so gestalten wie ich will. Das birgt viele Vorteile, die ich mehr und mehr genie\u00dfe: Freiheit und Eigenverantwortung \u2013 und wo ist der, der mir das streitig machen will?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a9 Vivienne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie schnell die Zeit vergeht! 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