{"id":8657,"date":"2010-12-08T17:19:23","date_gmt":"2010-12-08T16:19:23","guid":{"rendered":"http:\/\/bohnenzeitung.com\/wp\/?p=8657"},"modified":"2013-07-12T06:15:17","modified_gmt":"2013-07-12T04:15:17","slug":"urlaub-urlaut-gastbeitrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/urlaub-urlaut-gastbeitrag\/","title":{"rendered":"Urlaub-Urlaut &#8211; Gastbeitrag"},"content":{"rendered":"<p>Nach sechzehn Stunden h\u00e4lt der Bus vor dem Hotel in Finale Ligure.Mir war es, seit der Abfahrt aus Berlin, vergangene Nacht um dreiundzwanziguhrdrei\u00dfig, bis kurz vor der Ankunft, spei\u00fcbel. Nicht das erste Mal in meinem Leben, aber nie f\u00fcnfzehn Stunden hindurch, inmitten von 46 Fahrg\u00e4sten, inklusive mich, eingepfercht zwischen meinem dampfenden Mann, der viel zu warmen Heizung am linken Bein und der kalten Nacht, die an der eiskalten Scheibe an meiner linken Schulter klebte.<br \/>\nJeweils nach zwei Stunden beruhigte ich mich, doch weil eine geheime Statistik sagt, dass der deutsche Rentner alle zwei Stunden mal muss, musste ich auch alle zwei Stunden, wie ein Lemming, hinter den anderen das Innenleben der Autobahnrastst\u00e4tten erkunden. Um nachher wieder zu leiden, bis sich mein Unwohlsein nach circa zwei Stunden erneut etwas zurechtger\u00fcttelt hatte. Und nach diesem Intervall gr\u00fc\u00dfte wieder das Murmeltier. Und Innocentia Quark.<br \/>\nInnocentia Quark hei\u00dft nicht Innocentia Quark, doch ich habe Innocentia Quark aus der Taufe gehoben und zwar im vergangenen Jahr, als wir zusammen die Cinque Terre rauf und runter fuhren. Vielleicht hei\u00dft sie schlicht nur Agathe Bauer.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df in diesem Jahr in der vierten Reihe links, am Fenster, und sie in der vierten Reihe rechts, am Fenster. Von dort fixierte sie mich f\u00fcnfzehn Stunden lang. Vielleicht hatte sie den b\u00f6sen Blick und ich litt deswegen so f\u00fcrchterlich. Irgendwo, als wir vor einer Toilette mit T\u00fcr ohne Klinke standen, sah ihr kleiner IQ treuherzig aus den gro\u00dfen braunen Augen zu mir hoch und ihr schmaler Mund sagte: \u201eIch kenne Sie doch von der Islandreise her!\u201c \u201eVergangenes Jahr Cinque Terre\u201c, wagte ich zu widersprechen. \u201eJa genau, von Island her\u201c, sagte sie zufrieden und ich bin kein Unmensch.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Bus steige, schnappt mich sofort die f\u00fcnfunddrei\u00dfiggradige Hitze, getr\u00e4nkt mit 85%-ige Luftfeuchtigkeit und quetscht den Rest der Fl\u00fcssigkeit aus mir, die zwischen dem dampfenden Angetrauten und der mittlerweile gl\u00fchenden Scheibe \u00fcbriggeblieben war.<\/p>\n<p>Ich halte meinen Mantel, den ich des Oktobers wegen mitgeschleppt habe, krampfhaft fest und stehe in einer Schlange an, wo man schlie\u00dflich als Belohnung einen Schl\u00fcssel mit einem bleischweren Anh\u00e4ngsel mit Zimmernummer bekommt. Aber erst, wenn man der alten Frau am Empfang, der eher nach einem Altar aussieht, alle erforderlichen Papiere gezeigt hat: Ausweis, Geburtsurkunde, Ehevertrag, Stammbaum bis hin zu Adam und Eva und nat\u00fcrlich die Reiseunterlagen. Oh, auch nicht genug. Die des Mannes m\u00fcssen auch her. Nur wo ist mein Mann? Ein ganzes Jahr hindurch werde ich ihn nicht los und wenn ich ihn mal brauche, ist er nicht anwesend.<br \/>\nDann, nach einem harten Kampf, zwischen 46 Fahrg\u00e4sten, inklusive mich, achtundsiebzig Koffern und Taschen, zwei Fahrern, drei Angestellten, dem alten Hausdrachen, den ein Gast sp\u00e4ter als Schleiereule betiteln wird und hundertneunundvierzig Vasen in allen Gr\u00f6\u00dfen und Farben, \u00fcberall dort, wo man leicht dr\u00fcberfallen kann, halb ohnm\u00e4chtig an meinem Mantel festgeklammert, endlich das erl\u00f6sende Zimmer 205. Duocentocinque.<br \/>\nDie Rollos sind unten, es ist dunkel und es ist schw\u00fcl, sehr, sehr schw\u00fcl.<\/p>\n<p>Ich ziehe die Rollos hoch, rei\u00dfe die Fenster auf, aber es bringt nichts, als die tief h\u00e4ngenden Wolken herein, und neue Fl\u00fcssigkeit setzt sich auf meine Haut fest. Tropfen, die vor Tagen aus irgendeiner Kloake in Mumbay verdunstet sind, oder aus dem toten Meer, oder aus einem Eisberg aus Spitzbergen, oder was wei\u00df ich von wo.<br \/>\nIch werfe mich entkr\u00e4ftet auf das Feldbett mit der rutschigen Matratze. Mein Mantel liegt friedlich neben mir. Es wird mir sofort bewusst, dass ich das Gl\u00fcck habe, mein Bett mit einer recht geringen Anzahl von Milben teilen zu m\u00fcssen, da Milben bekanntlich Metall nicht m\u00f6gen. Meine Knochen werden nach vier N\u00e4chten das Gleiche behaupten.<\/p>\n<p>Ich mache einen fatalen Fehler. Ich gehe duschen. Die T\u00fcr zum Bad \u00f6ffnet sich und blockiert die Eingangst\u00fcr. Mein Mann treibt sich irgendwo herum und wird staunen, wenn er wiederkehrt, dass die T\u00fcr zum Paradies f\u00fcr ihn unbezwingbar ist. Zum Gl\u00fcck bemerke ich die Stufe zum Bad, die man leicht nach oben fallen kann, sonst h\u00e4tte ich meine Z\u00e4hne im Waschbecken auflesen m\u00fcssen. Erschrecke, denn die erste Fliese, auf die ich trete, macht ein h\u00f6llisches Ger\u00e4usch. Die anderen verhalten sich aber doch manierlich.<\/p>\n<p>Die Toilette kann man nur benutzen, wenn man mit dem einen Fu\u00df in der Duschwanne steht, denn vor der Sch\u00fcssel haben zwei F\u00fc\u00dfe nebeneinander keinen Platz. Daf\u00fcr dr\u00fcckt man vergeblich den stolz gl\u00e4nzenden Knopf der Sp\u00fclung, denn der hat seinen Geist gleich nach seiner Montage aufgegeben. Doch wenn man an der Kette ohne Griff, die \u00fcber der rechten Schulter baumelt, kr\u00e4ftig zieht, erbarmt sich ein mickriger Wasserstrahl, die ihm zustehende Pflichten zu erf\u00fcllen.<br \/>\nDuschen belebt und macht frisch. Umsomehr, wenn man danach ein Handtuch benutzt, das sich wie grobes Schleifpapier anf\u00fchlt! Schmirgel macht lustig und ich werde tats\u00e4chlich etwas lebendiger. Doch diese T\u00e4tigkeit gebe ich bald auf, denn jetzt schie\u00dft das Wasser aus all meinen Poren und ich liege wieder da wie ein brutzelnder Kugelfisch im eigenen Saft, auf diesem, in steifgest\u00e4rkten Laken verkleideten Grill, und leide.<\/p>\n<p>An diesem Sp\u00e4tnachmittag gehen wir nicht mehr au\u00dfer Haus. Es ist tr\u00fcb, es blitz und donnert und es sieht nach Weltuntergang aus. Vom Balkon sieht man am Ende der Stra\u00dfe das tiefdunkle Meer mit den tiefdunkleren Wolken dr\u00fcber. Ich bewundere Menschen, die jetzt wie ein Salatblatt zwischen diesen Himmel- und Meeressandwichscheiben unterwegs sind. Brrrr! Doch Langeweile kommt auch bei mir nicht auf, denn ich besch\u00e4ftige mich damit, mich an die neuen Ger\u00e4uschkulissen zu gew\u00f6hnen. Das Haus und die Stra\u00dfe haben ein eigenartiges Echo.<\/p>\n<p>Wenn zwei deutsche Nachbarinnen, weit nach Mitternacht, auf dem Balkon miteinander sprechen, hallt es dreimal wider. Sprechen zwei Italiener auf der Stra\u00dfe miteinander, hallt es f\u00fcnfzehnmal wider. Bei zwei Italienerinnen hallt es dann f\u00fcnfundvierzigmal wider und das in den verschiedensten Tonlagen, denn bei jedem dritten Wort entfernen sie sich voneinander immer mehr, weil sie ja nachhause eilen. Und je gr\u00f6\u00dfer die Distanz zwischen ihnen wird, desto lauter werden sie und das Echo freut sich dreiundsechzigmal. Wenn sie hundert Meter voneinander entfernt sind, schreien sie sich noch immer an, dass man denkt, gleich geht eine Vendetta los. Dabei erz\u00e4hlen sie sich nur, wie toll das neue Pastarezept schmeckt. Und das hundertzweiunddrei\u00dfgmal widerhallend.<\/p>\n<p>Geht einer der Nachbarn ins Bad und mach das Licht an, und man muss es einschalten, weil es kein Fenster gibt, dann bl\u00e4st die L\u00fcftung gleich automatisch wie ein schottischer Dudelsacker los. Auch in der gleichen Lautst\u00e4rke. Lustiger wird es, wenn sie auch noch duschen, die lieben Nachbarn. Das klingt, als w\u00fcrde es Zinnsoldaten regnen.<br \/>\nMein Mann schl\u00e4gt sich den Sch\u00e4del schon das dritte Mal an dem nur halb hochgezogenen Rollo an der T\u00fcre zum Balkon ein, ohne dass es ihm in den Sinn kommt, diesen richtig hochzuziehen. Dabei schimpft er, dass die W\u00e4nde wackeln.<br \/>\nDiese wackeln auch, wenn alle zweiundsiebzig Sekunden ein Motorrad vorbeischeppert, vorbeidonnert, vorbeistottert oder vorbeirattert. Wenn in eine Pause von siebenundzwanzig Sekunden f\u00fcnfzig Personenwagen vorbeiflitzen, ist das wie Grabesstille.<br \/>\nVor dem Hotel flie\u00dft ein abgespeckter Fluss oder ein vollgefressenes B\u00e4chlein, wie man\u2019s nimmt, vorbei. Man h\u00f6rt ihn oder es nicht, was f\u00fcr einen auch noch so abgespeckten italienischen Fluss ungew\u00f6hnlich ist, weil halt alles Italienische ringsherum lauter ist.<br \/>\nDie Wildenten, zum Beispiel, die da scheinbar zuhause sind. Herrgott, haben die ein schrilles Geschnatter drauf!<br \/>\nBeim Abendessen geistert die alte Nona um die Tische. Sie hat die Augen \u00fcberall, schaut in alle Teller rein, sammelt pedantisch jeden einzelnen Bon ein, nicht ohne ihn minutenlang zu untersuchen, ob er auch g\u00fcltig ist. Wo sie etwas Unregelm\u00e4\u00dfiges bemerkt, muss eine Angestellte dolmetschen, bis die Sache gekl\u00e4rt ist.<br \/>\n\u201eSchleiereule\u201c, schimpft mein Tischnachbar, weil er den falschen Essensbon mitgenommen hat und jetzt die Schuld auf diese arme Frau abw\u00e4lzen will.<br \/>\nNachts stelle ich fest, dass ein Nachbar, oder eine Nachbarin, kann das Geschlecht nicht festlegen, weil das ununterbrochene Schnarchen neutral klingt, meine Nachtruhe sehr beeintr\u00e4chtigen wird. Als ich morgens um drei das Apog\u00e4um meiner Geduld erreicht habe, trage ich mich mit dem Gedanken, den einzigen Stuhl, den wir zeitweilig besitzen, an die Wand zu knallen. Wenn ich nur w\u00fcsste, an welche Wand, denn ich wei\u00df bei Gott nicht, ob das gemeine S\u00e4gen von links, von rechts, von oben oder von unten kommt.<\/p>\n<p>Halleluja! Jetzt ist der Faden der Geduld auch einem anderen Nachbar gerissen und grade wirft der seinen Stuhl an die Wand.<br \/>\nZu fr\u00fch gefreut! Den (die) Schnarcher(in) hat es nicht beeindruckt. Es war wohl die falsche Wand.<br \/>\nWer jetzt denkt, ich n\u00f6rgle nur, der ist auf dem Holzweg. Das hier ist ein Tatsachenbericht und au\u00dfer meinem \u00dcbelsein und dem n\u00e4chtlichen Schnarcher, st\u00f6rt mich hier garnix. Es ist Italien, wie es leibt und lebt und wie ich es liebe. Jedes Jahr brennt mir eine Tr\u00e4ne im Herzen, wenn ich das Land wieder verlassen muss und in diesem Jahr wird mir erst ein Schneegest\u00f6ber in den Schweizer Alpen, bei San Bernardino, dieses Feuer l\u00f6schen.<br \/>\nNizza, Cannes, Monte Carlo haben mich zum Schreiben nicht inspiriert. Von da habe ich nur sch\u00f6ne Bilder mitgenommen. Es war sch\u00f6n, sie zu sehen, aber das wahre Leben ist in den engen Gassen meiner Traumwelt.<br \/>\nMia bella Italia!<\/p>\n<p>\u00a9 Lisa Nicolis<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach sechzehn Stunden h&auml;lt der Bus vor dem Hotel in Finale Ligure.Mir war es, seit der Abfahrt aus Berlin, vergangene &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Urlaub-Urlaut &#8211; Gastbeitrag\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/urlaub-urlaut-gastbeitrag\/#more-8657\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Urlaub-Urlaut &#8211; Gastbeitrag\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28639,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[54],"tags":[],"class_list":["post-8657","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lyrik-gastbeitrage","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","resize-featured-image"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8657","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8657"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8657\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/28639"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bohnenzeitung.com\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}