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17.07.2005, © Vivienne

Ich bin so dick

Ja, der Österreicher ist zu dick. Nicht nur er, auch die meisten Menschen aus der so genannten westlich zivilisierten Welt kämpfen mit zu vielen Kilos. Und in dem Zusammenhang fallen dann die typischen Beschreibungen und Vergleiche: Wohlstandskrankheit, falsche Ernährung, zu viele Fette, zu wenig oder falsche Bewegung… Dinge, die durchaus zutreffen, aber ein Faktum sollte man trotzdem nicht außer Acht lassen: dick sein ist mehr als nur viel essen und falsch herumsitzen. Hinter großem Übergewicht steckt oft genau so eine seelische Krankheit wie hinter Magersucht. Der Körper wird zum Ausdruck der Seele…

Ich selber bin wohl auch ein Musterbeispiel für diese Erkenntnis. Selber in einer Gewichtsachterbahn gefangen, in der ich manchmal mehr und manchmal weniger wiege, aber nie über Gardemaße verfügt habe. Von Kleidergrößen unter Vierzig konnte ich bisher nur träumen, das Höchste aller Gefühle war eine Jeans in Größe 42, die ich selbstredend nicht lange tragen konnte. Der Mensch ist bequem, und so findet er gerne Ausreden für sein Fett – ich redete mich häufig auf ein Schildrüsenleiden aus, eine Unterfunktion, die ich seit Ewigkeiten mit der niedrigsten Dosis des handelsüblichen Präparats behandle, ohne dass mir jemals ein merkbarer Einfluss auf mein Gewicht aufgefallen wäre.

Der Punkt ist, dass ich – welche Frau eigentlich nicht? – Schokolade liebe, die nicht zu den Schlankmachern zählt. Und damit sind wir eigentlich auch schon beim Punkt: Schokolade regt eine Art Glückshormon im Körper an. Frustessen. Man ist traurig, man ist unglücklich, unzufrieden mit dem Leben, verdrängt Probleme, brennende Fragen und Krisen. Schokolade macht glücklich, viel und gutes Essen hilft einem symbolisch, einen Schutzmantel um die geknechtete Seele aufzubauen, Je mehr Fett, desto weniger spüre ich von meinem Kummer – vermeintlich, denn diese unbewusste Logik hat einen Haken: je mehr die Figur aus den Fugen gerät, desto mehr wird der Frust genau deshalb auch wieder geschürt. In einer Gesellschaft in der wir alle nicht schlank, schön und begehrenswert genug sein können, wird der Dicke immer mehr zum Außenseiter. 

So wie man bei Alkoholismus oder einer Depressionen zuerst einmal nach den Gründen der Erkrankung forschen muss, genügt es logischerweise nicht, jemandem mit Übergewicht zu predigen: Na, dann nimm halt ab! Eine genaue Analyse der Lebenssituation – von einem krank machenden Job bis hin zu einer toten Beziehung – kann die Ursachen für die generelle Unzufriedenheit mit dem Leben aufdecken. Ursachen, deretwegen man sich ins Essen flüchtet. Und genau aus dem Grund reicht es nicht, einfach abzunehmen (was ja gar nicht so einfach ist, wenn man es genau betrachtet) sondern mehrere Faktoren im Leben zu ändern. Das Leben neu organisieren, eine Beziehung zu beenden, die ohnedies nur noch Kraft gekostet hat, sich neue Ziele setzen und sich außerdem bewusst zu machen: man ist so oder so ein wertvoller Mensch.

Auch das Abnehmen selber gehört gründlich überlegt und durchdacht. Einfach nur weniger essen oder viel Bewegung machen allein, kann durchaus einige Zeit die Kilos purzeln lassen. Aber irgendwann steht man, weil unser Körper die fatale Neigung hat, sich auf geänderte Bedingungen einzustellen. Oder anders formuliert: er lernt, mit weniger auszukommen, das Auslangen zu finden. Isst man jetzt nur ein wenig mehr oder fällt der Sport mal aus, steigt das Gewicht schon wieder. Bei den Mahlzeiten heißt das: der Grundumsatz muss stimmen. Vielleicht haben Sie den Begriff schon bei den Weightwatchers gehört. Aus dieser Erkenntnis heraus sollte man mehrere fixe Mahlzeiten zu sich nehmen, über den Tag verteilt, nicht weniger essen, sondern die Ernährung umstellen. Möglichst mageres Fleisch, versteckte Fette und Würste meiden, viel Salat und immer wieder kleine Belohnungen in Form von fett- und zuckerreduzierten Riegeln.

Für sportliche Betätigung gilt Ähnliches. Immer nur ein paar Mal in der Woche eine halbe Stunde am Hometrainer wird auf Dauer nicht viel bringen. Auch daran gewöhnt sich der Körper rasch. Ein wenig Powertraining bisweilen einzustreuen, kann Wunder wirken und täuscht den Körper erfolgreich. In einem guten Fitnesscenter gibt es für Interessierte echte Fitnesspläne, mit Hilfe derer man regelmäßig wie gezielt seine Problemzonen bearbeiten kann. Wo immer man nun den eigenen Weg zu einem besseren Gewicht findet, eines sollte man beachten. Werfen Sie nicht alles gleich hin, wenn Sie mal gesündigt haben. Eine einmalige Eskapade verkraftet der Körper leicht, wenn man dann wieder normal weiter isst und sein Programm durchzieht. Und machen Sie sich nicht zum Sklaven der Waage: Gewichtsschwankungen können unterschiedliche Ursachen haben, während des Zyklus der Frau etwa variiert das Gewicht bisweilen sogar um zwei oder drei Kilos.

Bitte deshalb nicht hysterisch werden, wenn mal ein halbes Kilo mehr angezeigt wird. Und reden Sie sich auch nicht ein, dass ein (verbotener) Schokoriegel sich gleich in einem Kilo mehr auf der Waage niederschlägt. Dauernder Missbrauch schadet, nicht kurzfristiger. Und wenn Sie sich jetzt die Frage stellen, wenn die Vivienne so eine Abmagerungsspezialistin ist: warum kämpft sie dann so wegen ihres Gewichts? Die Wahrheit ist, dass ich heuer schon ein paar Anläufe startete, aber immer wieder versandeten meine Bemühungen, weil dieses oder das passierte. Darum auch noch ein letzter Rat. Lassen Sie sich auch Zeit damit, dass alles passt, wenn Sie diesen Schritt angehen, und werfen sei bei Problemen nicht gleich die Flinte ins Korn. Einmal passt es, und dann ziehen Sie es auch durch – so wie ich!

Vivienne

 

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