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18.10.2005, © Vivienne

Lillys Gedanken
Der Wandel im Verhältnis zu den Eltern

Eltern.
Das vierte Gebot.
Du sollst Vater und Mutter ehren.
Und ich habe sie gefürchtet.
Als Kind.
Stets bemüht.
Die Erwartungen in mich zu erfüllen.
Gehorsam.
Gute Noten.
Darauf war ich als Kind immer bedacht.
Natürlich gibt es auch andere Kinder.
Solche, die früher den Aufstand wagen.
Bei mir hat es gedauert.
Eine ganze Weile.
Ich erinnere mich mit Vergnügen an das Entsetzen.
Als ich eines Tages vom Friseur heimkam.
Mit Kurzhaarschnitt!
Nie mehr Dauerwelle!
Nie mehr wie meine Mutter aussehen!
Sich daran zu gewöhnen fiel meinen Eltern schwer.
Es dauerte Jahre, bis sie zugaben:
Mit kurzen Haaren siehst du wirklich besser aus…

Eltern.
Und ja nicht anders anreden als mit:
Vati und Mutti.
Mama und Papa.
Je nachdem.
Aber ja nur nicht mit dem Vornamen!
Der Teufel wäre los gewesen.
Und jetzt?
Die ältesten Enkelkinder sind schon fast erwachsen.
Meine Eltern nenne ich Oma und Opa.
Selbstverständlich kommt mir das über die Lippen.
Anfangs habe ich noch gezaudert.
Ich fand es immer furchtbar.
Wenn man alte Leute zu Oma und Opa degradiert.
Nie wollte ich das selber tun.
Und heute mache ich es selber.
Trotzdem.
Ohne mit der Wimper zu zucken.
Obwohl ich ihre älteste Tochter bin.
Und selber schon Kinder haben könnte.
Oder sogar Enkel…

Eltern.
Und wie siehst es aus mit eigenem Nachwuchs?
Ich meine:
Der Zug ist abgefahren.
Dennoch denke ich manchmal darüber nach.
Eigentlich möchte ich nicht Mama oder Mutti genannt werden.
Zumindest nicht immer.
Ab einem gewissen Alter könnten mich meine Kinder beim Vornamen nennen.
Ich würde es ihnen erlauben.
Was sich schon aus meiner persönlichen Haltung erklären lässt.
Irgendwann ist man nicht mehr Eltern.
Vater oder Mutter.
Die Kinder brauchen einen nicht mehr.
Man muss sie nicht mehr beschützen.
Aber dann ist wichtig:
Dass man Freund sein kann.
Freund den eigenen Kindern.
Denn das überdauert ein überholtes Eltern-Kind-Verhältnis.
Meine ich.

Tante.
Meine Nichten und Neffen nennen mich beim Vornamen.
Immer schon.
Als Tante fühlte ich mich nicht alt genug.
Tante.
Das klingt alt und schrullig.
Verzopft.
Zumindest in meinen Ohren.
Freund sein ist wichtiger als alles andere.
Verwandte kann man sich nicht aussuchen.
Die hat man einfach.
Aber Freunde werden ausgewählt.
Mit Bedacht.
Es ist ein Vorzug, Freund zu sein.
Das ist mir wichtig.
Bei den Kindern meiner Geschwister.
Das wäre mir wichtig.
Bei einem eigenen Kind.

Und Ihnen?

Vivienne/Lilly

 

 

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