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03.04.2005, © Vivienne
Die Ballade von der enttäuschten Frau
Engel 1717 hatte sich eben in einen Menschen verwandelt.
Er sah sich um.
Hier befand er sich in einem Gerichtsgebäude.
Auf der Suche nach seinem nächsten Auftrag.
Sein Blick schweifte durch den langen Gang.
Ganz weit oben saß eine Frau.
Sie hatte den Kopf gesenkt.
Blaue Ringe unter den Augen ließen ihr Gesicht noch blasser wirken.
Engel 1717 nickte.
Hier war er richtig.
Scheinbar beiläufig begab er sich zu ihr.
Nahm ein Stück entfernt von ihr Platz.
Und begann in einer Zeitung zu lesen.
Die Frau musterte ihn.
Sie war nicht mehr jung.
Schon über Vierzig.
Und ihr Gesicht drückte Sorge aus.
Und tiefen Kummer
Entschuldigen Sie
Wie spät ist es?
Die Frau wandte sich mit unsicherer Stimme an 1717.
Der Engel lächelte verhalten.
Er hatte das erwartet.
Warten Sie
Es ist gleich dreiviertel neun.
Wann sind Sie vorgeladen?
1717 hatte die Frage mit Bedacht gestellt.
Die Frau schüttelte den Kopf.
Das dauert noch.
Um halb zehn
Ich habe meinen Scheidungstermin.
1717 blickte sie freundlich an.
Sie sind früh dran
Die Frau nickte.
Tränen standen in ihren Augen.
Ich habs daheim nicht ausgehalten.
Wissen Sie, wir waren über zwanzig Jahre verheiratet
1717 stand auf.
Fand in seiner Jackentasche ein Taschentuch.
Drückte es ihr in die Hand.
Die Frau brach nun vollends in Tränen aus.
1717 bot ihr seine Schulter an.
Zum Anlehnen.
Zum Ausweinen.
Nach einer Weile beruhigte sich die Frau wieder.
Beide setzten sich.
Die Frau begann zu reden.
Zuerst noch langsam.
Dann immer schneller.
Ich war immer für ihn da.
Nach der Geburt der Kinder bin ich arbeiten gegangen.
Damit wir das Haus bauen konnten.
Hab mich um die Kinder gekümmert.
Um den Haushalt.
Um den Garten.
Dazu mein Job
Aber ich glaubte immer:
Wir führen eine gute Ehe.
Bis vor fünf Jahren.
Die Frau stockte.
Tupfte sich das Gesicht trocken.
Mein Mann erlitt einen Bandscheibenvorfall.
Wurde operiert.
Aber die Operation misslang.
Mein Mann hatte sehr oft Rückenschmerzen.
Konnte nur mehr mit Stock gehen.
Und wurde schließlich in Pension geschickt.
Mit ganz wenig Geld.
Also nahm ich noch einen Job an.
Abends.
Putzte bei den Nachbarn.
Am Wochenende servierte ich in einem Wirtshaus.
Manchmal glaubte ich zugrunde zu gehen.
Ich schlief kaum mehr.
Wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand.
Engel 1717 unterbrach sie sanft.
Und Ihr Mann?
Konnte er Ihnen nicht etwas abnehmen?
Ihnen wenigstens daheim helfen?
Die Frau schüttelt den Kopf.
Ihre Hände verkrampften sich.
Nichts.
Nie hat er mir geholfen.
Nur sich selbst Leid getan.
Er legte sich immer ins Spital.
Wenn Handwerker kamen.
Wenn die Kinder ihn gebraucht hätten.
Nein
Die Frau schüttelte erneut den Kopf.
Sie schwieg.
Engel 17171 ließ sie gewähren.
Er wusste, sie würde weiter sprechen.
Nach einigen Minuten hob die Frau wieder ihre Stimme.
Eines Tages ging er zu einer speziellen Therapeutin.
Die Frau war ihm empfohlen worden.
Eine Art Wunderheilerin.
Sie gewann großen Einfluss auf ihn.
Und sie glaubte die Gründe für seine Probleme zu wissen.
Die Frau drehte sich zu 1717.
Ihr Gesicht war ganz Schmerz.
Ich sei das Problem.
Ich sei Schuld an seinem Rückenleiden.
Weil ich nicht gut für ihn wäre.
Sein Körper wehre sich unbewusst gegen mich.
Das sei der wahre Grund für seine Krankheit.
Engel 1717 sah sie voller Mitgefühl an.
Derartigen Unsinn hatte selbst er noch nie gehört.
Aber er verstand nun.
Er hat sie verlassen, nicht wahr?
Die Frau nickte.
Tränen standen wieder in ihren Augen.
1717 nahm ihre Hand.
Ich verstehe, wenn Sie weinen.
Sie haben viel mitgemacht.
Aber dieser Mann hat Sie nicht verdient.
Nicht Sie sind nicht gut für ihn.
Er ist nicht gut für Sie.
Seien sei froh, dass er geht.
Er hat Sie wie ein Stein behindert.
Lange Jahre.
Ein selbstgerechter, egoistischer Mann.
Lassen Sie Ihn ziehen.
Sie brauchen Ihn nicht.
Der Engel sah der Frau fest in die Augen.
Fangen Sie von vorn an.
Eine neue Tür geht heute auf für Sie.
Nehmen Sie diese Chance wahr.
Mit Menschen, die Sie wirklich lieben
Die Frau lächelte leise.
Ihre Augen hatten plötzlich wieder einen leichten Glanz.
So wie Sie das sagen
Ich glaube, Sie haben Recht.
Sie stand auf.
Drückte die Hand von 1717.
Ich danke Ihnen.
So habe ich es vorher nicht gesehen
Vivienne
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