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09.11.2005, © Vivienne
Ich habe auf dich gehört
Was warst du immer für eine wichtige Instanz für mich!
Wenn ich ein Problem hatte:
Du warst es oft das Zünglein an der Waage!
Ein väterlicher Freund.
Mehr als das:
Ein Mann, zu dem ich aufsah.
Den ich gerne hatte.
Und wenn ich ehrlich bin:
Als Teenager habe ich auch einmal für dich geschwärmt.
Du warst immer so ruhig und gelassen.
Wenn ich so stürmisch zu dir gelaufen kam.
Wenn ich mir nicht sicher war.
Wenn ich mich unglücklich fühlte.
Oder mich aufregte.
Über das Unrecht auf der Welt.
Über Menschen, die an Kinder Drogen verkaufen.
Ich konnte vieles nicht verstehen.
Meist wollte ich es auch nicht.
Und ich muss zugeben.
Auf dich habe ich immer gehört.
Obwohl ich so temperamentvoll bin.
Kaum zu zügeln.
Und stur
Gott, war ich stur.
Aber du wusstest, wie du mit mir reden musst.
Immer hast du den richtigen Ton getroffen.
Und die richtigen Worte gefunden.
Auch später.
Als ich längst erwachsen war.
Und meine eigenen Wege ging.
Ich habe gern bei dir vorbei gesehen.
Auf einen Schwatz.
Oder nur um zu aufzunehmen:
Wie du auf mich wirkst.
Positiv.
Lebendig.
Belebend fast.
Dabei warst du nicht einmal mit mir verwandt.
Nur ein Freund der Familie.
Der mir fast der Liebste war.
Weil du mich besser verstanden hast.
Als mein ganzer Anhang.
Was hätte ich ohne dich getan!
In all den Jahren.
Was tue ich jetzt?
Ohne dich?
Ich habe es erst letzte Woche erfahren.
Du liegst im Sterben.
Krebs.
Dabei hast du nie davon gesprochen.
Ich hatte keine Ahnung von deiner Krankheit.
Du hast es vor mir verborgen.
Ganz geschickt.
Mir fiel schon auf, dass du dünner geworden warst.
Und deine Haare waren plötzlich ganz grau.
Aber das du krank bist.
Dass du manchmal schlimme Schmerzen hast.
Dass du sterben würdest.
Davon ahnte ich nichts.
Gar nichts.
Und gestern saß ich an deinem Krankenbett.
Du warst schon im Koma.
Hast nichts mehr gespürt.
Gott sei Dank.
Aber ich konnte dir auch nicht mehr sagen.
Was du für mich warst.
Wie oft du mir geholfen hast.
Mit allem klar zu kommen.
Ich war nie ein leichter Mensch.
Alles andere.
Aber mit dir war das Segeln leichter.
Durch mein stürmisches Leben.
Ich habe geweint.
Als ich so dasaß bei dir.
Ich habe deine Hand gehalten.
Und hätte weiß Gott was gegeben.
Für einen Blick aus deinen Augen.
Für einen sanften Händedruck von dir.
In der Nacht bist du gestorben.
Jetzt bin ich allein.
Das erste Mal in meinem Leben wirklich.
Was wird jetzt nur aus mir?
Ich habe doch immer auf dich gehört.
Immer
Vivienne/Gedankensplitter
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