Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  Februar 2005


Unfaires Spiel mit Gefühlen

Sie kennen die Situation sicher: nicht selten finden Sie eine Email im Posteingang, erhalten von einer lieben Freundin oder einem guten Kumpel mit einer zu Herzen gehenden Geschichte. Der Plot ist immer ziemlich ähnlich gestrickt und drückt auf die Tränendrüse: Ein sterbenskrankes Kind braucht dringend einen Rückenmark- oder Organspender und wenn diese Mail, die jedes Mal wieder in eine neue Email kopiert werden soll, vom ISP (Internet Service Provider) zig Millionen Mal gezählt worden ist, übernimmt dieser die Kosten für die lebenswichtige Operation. Ja, wenn helfen immer so einfach ist! werden Sie sich denken und wer schickt in so einem Fall nicht mit einem Gefühl der Wärme diese Email an alle Freunde und wähnt sich in der Hoffnung, damit seinen Beitrag am Gelingen dieser wichtigen Aktion geleistet zu haben…

Ja, wer also nicht, obwohl diese Aktion nichts anderes als ein riesiger Betrug und eine gemeine Lüge ist. Hoax ist der Fachausdruck für derartige Mails und soll eigentlich nichts anderes erreichen, als die Server auf dieser Welt wegen permanenter Überbelastung lahm legen. Eine Art Virus in Verkleidung, könnte man auch formulieren, denn die Betreiber lassen nichts unversucht, um ihr Ziel zu erreichen. Wie im Fall eines Hoax, den ich erst heute erhalten habe und in dem sogar der alte Söllner Hans – vermutlich ungewollt – als „Geburtshelfer“ für den Erfolg dieser miesen Aktion herhalten musste. Aber auch Parallelen zu einem realen Fall, an den sich so mancher noch zu erinnern vermeint, lassen die Vorsicht und die Logik bei vielen dann hintan stehen. Je tragischer das Schicksal in der erzählten Geschichte, desto größer ist die Gewissheit, dass viele Menschen auf solche miesen Tricks reinfallen.

Immer wieder versteckt sich auch hinter einer vermeintlichen Viruswarnung ein Hoax. Je hektischer der Text und je bedrohlicher die Schilderung, desto sicherer darf man davon ausgehen, dass die Mail jeder realen Grundlage entbehrt. Dabei darf man sich nicht davon irritieren lassen, dass in solchen Hoax’ Institutionen bekannter Unternehmen (etwa Microsoft selber) fälschlicher weise zitiert werden und damit den Wahrheitsgehalt scheinbar bestätigen sollen. Die Verbreitung eines Hoax verläuft viel zu schnell, als dass man den ursprünglichen „Täter“ noch eruiren könnte. Mein Tipp jedenfalls: solche auffälligen bis merkwürdigen Mails einfach ignorieren und nur Virenwarnungen des eigenen Providers oder in seriösen Medien ernst nehmen.

Zudem: Viren haben es nun mal so an sich, das sie oft ganz ohne Warnung auftreten und Computer lahm legen. Weltweit. Ausreichender Virenschutz und aktuelle Versionen von Virenschutzprogrammen sind immer noch der sicherste Schutz vor neuen Viren, Trojanischen Pferden und Ähnlichem. Zurück aber zu den eingangs erwähnten, verlogenen Märchen von todkranken Kindern, die eine dringende Operation brauchen: absolut niemand sammelt für derartige Eingriffe Geld über das Internet und kein ISP oder Ähnliches zahlt Geld dafür, wenn eine Mail möglichst oft um die Welt gegangen ist. Schon die Zählung allein ist über kein Internetsystem gewährleistet oder machbar.

Das klingt jetzt sehr hart, ich weiß, aber wer ernsthaft helfen möchte, sollte sich lieber an reale Fälle halten. Es kostet zwar Geld, wenn man jemandem in Not unter die Arme greift, aber wenn das über seriöse Dachorganisationen geschieht, hat man auch die Gewähr, dass tatsächlich etwas geschieht und die Spende gut ankommt. Per Mausklick werden, so traurig es auch irgendwie ist, keine Leben gerettet und keine operativen Eingriffe bezahlt. Ärgern Sie sich also nicht, wenn Sie schon öfter geglaubt haben, mit dem Weitersenden derartiger Mail etwas Positives zu bewegen. Auch Ihre Vivienne hat ihr Lehrgeld bezahlen müssen, hatte aber das Glück, schon vor ein paar Jahren effektiv „aufgeklärt“ zu werden.

Bemühen wir uns also lieber, den Verrückten, die sich solcher Methoden bedienen, um weltweit Computernetzen zu schaden, einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und schicken Sie solche Hoax nicht mehr weiter. Sie tun weder sich noch anderen einen Gefallen, denn das todkranke Kind existiert nicht wirklich bzw. das gefährliche Computervirus gibt es im Moment zumindest nur im Kopf  eines Spinners. Wenn Sie schon gern Mails weitersenden: halten Sie sich vielleicht doch lieber an das gute alte Funmail, das zwar auch nicht wirklich hilfreich ist aber wenigstens auch unterhaltsam.  Und im guten, alten Google finden Sie zudem jede Menge Möglichkeiten um im Zweifelsfall zu klären, ob eine Mail wirklich „echt“ ist oder doch nur ein Hoax….

Vivienne

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