von Vivienne – März 2005
Lillys Gedanken zum Perfektionismus
Auszug aus den Stellenangeboten in den Tageszeitungen:
- gesucht wird eine Bürokraft mit perfekten EDV-Kenntnissen (Office XP)
- in unserem Unternehmen wird die Position einer Sachbearbeiterin (Englisch und Italienisch perfekt in Wort und Schrift) neu besetzt
Man könnte die Liste beliebig fortsetzen.
Man könnte auch den Eindruck gewinnen:
Am Arbeitsmarkt haben nur perfekte Menschen etwas verloren.
Perfekte Menschen.
Die keine Fehler machen.
Wie Maschinen
Aber ist der Mensch eine Maschine?
Ganz abgesehen davon:
Auch Maschinen sind nicht perfekt.
Sie laufen mitunter sehr lange reibungslos.
Aber bei einem technischen Problem hat der Perfektionismus ein Ende.
Denn Maschinen sind von Menschen geschaffen.
Können also gar nicht perfekt sein.
Denn kein Mensch ist perfekt.
Zurück zur Arbeitswelt.
Unfehlbar ist also niemand.
Man kann sich bemühen Fehler zu vermeiden.
So gut es geht.
Aber Fehler passieren jedem.
Auch der besten und routiniertesten Arbeitskraft.
Ich erhebe an mich erst gar nicht den Anspruch des Perfektionismus.
Ich darf mir Fehler erlauben
Als Mensch.
Derartige Inserate führen einem aber die eigene Unzulänglichkeit vor Augen.
Machen sogar mutlos.
Ängstlich.
Man kann sich nicht aufraffen, sich zu bewerben.
Weil man Angst hat nicht zu bestehen.
Weil man fürchtet zu versagen.
Obwohl das Verlangte genauso genommen niemand schafft.
Ich kann jedem nur raten:
Ignoriert solche Inserate!
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dort menschlich zugeht.
Menschlich und fair.
Wo perfekte Leute gefordert werden.
Damit kein Irrtum entsteht:
Jede Firma hat einen Anspruch auf die besten Leute.
Vor allem, wenn sie fair bezahlt.
Aber dieser hervorgehobene Perfektionismus:
Stellt den Mensch selber in den Hintergrund.
Ein Mitarbeiter ist nicht nur Arbeitskraft.
Er ist vor allem auch Mensch.
Und der Mensch kann gar nichts anders.
Er macht Fehler.
Manchmal mehr.
Manchmal weniger.
Und er ist deswegen kein schlechterer Mensch.
Vielleicht nur eine durchschnittliche Arbeitskraft.
Bisweilen auch unzulänglich.
Aber sollte das einen Unterschied ausmachen?
Ist jemand ein schlechter Mensch?
Mit weniger Anspruch auf Zuwendung oder Liebe?
Weil er beruflichen Anforderungen nicht entspricht?
Oder nicht immer?
Unsere Gesellschaft urteilt da oft sehr hart.
Sie presst die Leute in Schablonen und Rahmen.
Und fordert.
Vor allem auch beruflichen Erfolg.
Aussicht auf Karriere.
Wer dem nicht entspricht ist ein Versager.
Im Extremfall auch ein Sozialschmarotzer.
Oder ein Asozialer.
Wenn er mit seinen Fähigkeiten oder seiner Ausbildung in der Arbeitswelt nicht besteht.
Auch wenn er nicht dumm ist.
Auch wenn er tolle Fähigkeiten besitzt.
Ich habe diese Einschätzung schon selber am eigenen Leib verspürt.
Und man fühlt sich schlecht dabei.
Und schuldig.
Aber lassen wir uns nicht einschüchtern.
Nicht die Perfekten machen die Welt lebenswert.
Sondern wir.
Die Unperfekten.
Man denke an Albert Einstein.
Oder Bruno Kreisky.
Lauter schlechte Schüler.
Die nie perfekt waren.
Und trotzdem auf ihre Weise die Welt verändert haben
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