Der Kater, der nie nach Hause fand

Der Tag begann wie ein schlechter Witz: Regen, kalt und gleichgültig. Die Stadt roch nach altem Müll, Pfützen und Hoffnungslosigkeit.
Ich stand vor meiner Wohnungstür, kaffeehungrig, tropfnass, und dann saß da ein Kater. Schwarz, zerzaust, ein Ohr halb weg wie jemand, der schon alles gesehen hatte und immer noch gelangweilt war.

„Na, was willst du?“, fragte ich.
Der Kater sah mich an, als hätte er alle meine Fehler gesammelt und bereit, sie mir ins Gesicht zu spucken. Ich zog die Jacke an. Der Regen war stärker als meine Ambitionen.

Wir gingen die Straße runter. Menschen rannten vorbei, Autos quietschten, Fahrräder kollidierten mit Mülleimern.
„Perfekter Morgen“, murmelte ich.

Der Kater sprang auf einen Bordstein, als wäre er der Kapitän eines kaputten Schiffes. Ich folgte. Hinter uns tauchte ein Mann mit einem Regenschirm auf. Er bewegte sich wie ein Schatten, der sich selbst nicht ernst nahm.

In der Gasse hockte ein alter Mann neben einem Berg toter Tauben. Er summte leise.
„Dein Kater?“, fragte er.
„Ich hab keinen Kater.“
„Niemand hat diesen Kater. Er sucht sich seine Leute selbst“, antwortete er, und lachte. Knarrend wie eine alte Tür. „Und wer ihn bekommt, landet irgendwo zwischen Wahnsinn und… nun ja… noch mehr Wahnsinn.“

Der Kater schnurrte. Ich hätte ihn schlagen können aus purem Überlebenstrieb, aber ich tat es nicht. Er wusste zu viel.

Wir gingen weiter. Zwei Tauben flogen vorbei. Ich ignorierte alles, weil das Leben das schon erledigt hatte.

Am Spätkauf trafen wir ein Mädchen, zwölf, dreizehn Jahre alt. Sie hielt den Kater wie einen Schatz.
„Da bist du ja“, flüsterte sie.
„Danke“, murmelte sie mir zu. Ich hatte nichts getan. Gar nichts. Aber manchmal reicht es, einfach da zu stehen.

Draußen tauchte ein Hund auf. Groß, faul, sah aus wie ein misslungener Wachhund. Er legte sich mitten auf den Gehweg. Niemand störte ihn. Ich auch nicht.
„Er ist faul, genau wie du“, sagte das Mädchen.
„Ich beobachte nur“, antwortete ich.

Wir liefen durch die Straßen. Überall Graffiti, das sich über die Welt lustig machte. Ein sprechender Regenschirm wehte vorbei und maulte: „Zu nass für Gefühle.“
„Ignorier es“, schnurrte der Kater.

Am Ende einer Sackgasse eine alte Fabriktür. Rostig, halb offen, wie ein Portal in ein absurdes Universum.
„Hier endet der Weg“, sagte das Mädchen.
Der Kater sprang hinein. Sie folgte ihm. Ich blieb draußen, tropfnass und überflüssig.„Alles in Ordnung?“, fragte ich.
„Ja, wollte nur Hallo sagen“, antwortete das Mädchen laut.
Der Kater schnurrte. Ich starrte. Die Straße war leer, bis auf ein paar Obdachlose, die Schach spielten gegen Geister, die niemand sah.
Ich trank meinen Kaffee. Er schmeckte verbrannt und bitter. Genau wie das Leben. Aber er wärmte.

Und der Kater? Er schnurrte. So laut, dass die Stadt kurz innehielt. Dann lief er weiter, als hätte er einen Job zu erledigen, den niemand sonst verstehen würde.

 

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