Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  Jänner 2005



…und entblöden sich nicht!

Das alte Pensionssystem, das in seinen Grundgedanken noch aus den frühen Tagen  der ersten Republik stammt, hat endgültig ausgedient. Die Milchmädchenrechnung, dass die Jungen den Alten die Pension sozusagen zahlen und diese im Alter die Pension von den „neuen“ Jungen beziehen, hat sich in den letzen Jahrzehnten ad absurdum geführt. Die Geburtenpyramide hat sich in dieser Zeit drastisch verändert. Viel weniger Kinder werden geboren, aber auch die Senioren werden dank medizinischer Fortschritte immer älter und agiler. Unsere Regierung unter Kanzler Schüssel hat im letzten Jahr eine Pensionsreform in Angriff genommen, mit vielen Seitentürln für die ewig Privilegierten, das war aber ohnedies zu erwarten. Und soll auch heute nicht Thema meiner Überlegungen sein.

Denn letzte Woche stolperte ich über einen kleinen Bericht in einer Tageszeitung. Ganz klar, dass Einschnitte nötig waren, weil unser Pensionssystem nicht mehr finanzierbar war. Aber was sich manche so genannte Experten einfallen lassen, um unsere Alterspyramide wieder „positiv“ zu verändern, lässt mich, gelinde formuliert, an der Seriosität dieser Herrschaften zweifeln. Das Institut „Austria perspektiv“, das aus Mitteln der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung finanziert wird, fordert sinngemäß, zur Pensionsentlastung allen Kinderlosen die künftige Pension drastisch zu beschneiden. In einer Höhe von bis zu 50 %, wird da spekuliert…

Vorab, ich persönlich halte diesen Vorschlag der „Austria perspektiv“ nur für einen billigen Versuch, sich österreichweit bekannter zu machen. Wer sich mit der Politik in diesem Land ein wenig auseinandersetzt, wird in der Vergangenheit immer wieder derartige Aktionen von Politikern wie so genannter „Experten“ finden, um sich gekonnt in Szene zu setzen und vor bereitwillig hingehaltenen Mikrophonen den „größten Topfen“ unter ein breites Publikum zu bringen. Und mit einem Schlag bekannt zu sein, auch wenn man von allen Seiten verbal attackiert wird… Hauptsache Schlagzeile, Hauptsache in aller Munde!

Trotzdem habe ich mich grundsätzlich mit dem „schrägen“ Gedankengang der „Austria perspektiv“-Leute auseinander gesetzt. Ich denke, dass es zu den elementaren Grundrechten gehört, sich für oder gegen ein Kind zu entscheiden. Da ich selber kinderlos bin, würde ich natürlich wie viele andere durch eine derartige Regelung krass benachteiligt werden. Aber ehrlich gesagt: ich lasse mir nicht im Geringsten vorschreiben, ob ich ein oder mehrere Kinder habe oder nicht. Ganz abgesehen davon, dass ich ja nicht grundsätzlich gegen Kinder eingestellt bin, ganz im Gegenteil – aber ein Partner, mit dem ich ein Kind hätte haben wollen, hat sich im Grunde nie gefunden und allein ein Kind großziehen, nur weil ich „auf Teufel komm raus“ ein Baby haben wollte – nein, das war nie meines und wird es auch nie sein.

Realistisch betrachtet: Ich werde heuer im Herbst Vierzig, es ist also sehr unwahrscheinlich, dass ich noch ein Kind haben werde. Das hat Vor- und Nachteile, da ich aber immer einen unabhängigen Lebensstil bevorzugt habe, kann ich mit den Gegebenheiten gut umgehen. Es sollte einfach nicht sein. Und ich lasse mich sicher nicht aufgrund von schwerwiegenden Fehlern, die unsere Politiker vor vielen Jahrzehnten aus falschen Einschätzungen heraus begangen haben, womöglich in meinem fortgeschrittenen Alter noch in eine Risikoschwangerschaft drängen. Oder später die Pension kürzen und mich damit in Armut und Abhängigkeit drängen…

So wie ich denken sicher viele Leute, die sich aus ähnlichen oder auch ganz anderen Erwägungen gegen ein eigenes Kind entschieden haben. Dazu kommen nicht wenige, die selber auf normale Weise gar keine Kinder bekommen können: Männer, Frauen, Paare. Medizinisch induziert. Leute, die womöglich ein halbes Leben lang (vergeblich) ihrem Kinderwunsch nachjagen oder ein Vermögen ausgeben müssen, um doch auf die eine oder andere Art zu einem Kind zu kommen, und sei es auch „nur“ durch Adoption. Man stelle sich den fiktiven Fall vor, dass einem Paar, das sich seinen verzweifelten Kinderwunsch nicht finanzieren konnte, im Alter dann die Rente beschnitten wird. Mehrfach bestraft also…

Diskussionen hat dieser völlig verzichtbare Vorstoß des Institutes „Austria perspektiv“ sicher ausgelöst, allein deshalb hat sich diese „schräge Idee“ auch bewährt. Ich denke mir nur, dass die Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung einige seriösere Leute in dieses gemeinsame „Kind“ involvieren sollten. Experten, die wirklich denken und sich nicht nur mediengeil präsentieren wollen. Und vielleicht auch mal brauchbare Vorschläge zu bieten haben und nicht nur „Medienfutter“! Aber vielleicht bin ich zu kritisch: solcherlei Aktionen gehören, wie weiter oben schon erwähnt, nun mal schon längst zum Alltag in der Politik…

Vivienne

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