Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  März 2005


Von schreienden Kindern und Besserwissern

Die Straßenbahn hielt mit einem Ruck. Albert stieß unabsichtlich mit der linken Schuhspitze gegen mein Schienbein und entschuldigte sich peinlich berührt… „Sorry, Liebes…“ Ich schüttelte den Kopf. Was konnte er dafür? Ich war im Grunde selber Schuld, denn ich hatte Albert vorgeschlagen, nicht mit dem Auto zum Bahnhof zu fahren, sondern unsere Freunde aus dem Salzkammergut mit der sensationellen neuen Mini-U-Bahn vom Bahnsteig abzuholen. Eine Schnappsidee, wie ich jetzt selber befand, allerdings war das nun nicht mehr zu ändern. Wenigstens begann sich die Straßenbahn, „le bim“, wie ich sie in überzogenem Französisch immer wieder boshaft nannte, nun doch zu leeren und Albert und ich kamen zu einem Sitzplatz.

Eine Station später stieg eine ältere Frau ein. Sorgfältig tuppiertes Haar, gepflegte aber harte Gesichtszüge und teuer gekleidet. Albert folgte meinem Blick, wusste genau was ich dachte und grinste boshaft. Weiter hinten stand eine junge Frau mit einem kleinen Kind und einem zweiten im Kinderwagen. Das Kleine machte sich immer wieder bemerkbar, schrie und weinte und war nicht zu beruhigen. Wahrscheinlich war das Baby krank, oder es hatte Blähungen – bei kleinen Kindern  gibt es viele Gründe, warum sie manchmal nicht zu weinen aufhören. Manchmal loten sie auch nur ihre Grenzen aus…

Sieben Kinder haben meine Geschwister mittlerweile in die Welt gesetzt, da lernt man auch als kinderlose Tante dazu. Erst nach einer Weile fiel mir auf, dass die ältere Frau die ganze Zeit schon ärgerlich schnaubte. Immer wieder schüttelte sie den Kopf. Schließlich sagte sie deutlich vernehmbar. „Das ist doch unglaublich! Keine Ahnung von Kindern haben, aber welche in die Welt setzen müssen!“  Ich zog die Stirne kraus. Was faselte die Frau da? Bevor ich überhaupt richtig nachgedacht hatte, hörte ich mich schon mit unverhohlener Ironie sagen. „Wie meinen, gnä’ Frau?“ Die Alte sah mich scharf an. „Ja, hören Sie denn nicht wie das Kind schreit? Eine gute Mutter lässt es erst gar nicht so weit kommen!“

Albert fixierte mich mit amüsiertem Gesicht und stachelte mich  damit noch mehr an. Ich hob meine Stimme: „Ein Kind schreit. Na und? Ist das ein Problem für Sie? So sind Kinder bisweilen!“ Ich verschränkte die Arme etwas provokant und setzte eine grinsende Maske auf. Die Dame rümpfte die Nase empört ob meiner Majestätsbeleidigung. „Na hören Sie, eine Mutter muss  ihre Kinder im Griff haben! Vor allem in der Öffentlichkeit. Dieser Lärm ist doch anderen Leuten nicht zuzumuten!“ Ich stützte mich mit den Armen an meinen Oberschenkeln auf und reckte meinen Kopf der Frau entgegen. „Ihnen ist das wohl nie passiert, was? Haben Sie bei sich daheim immer gleich zugeschlagen oder die Kinder vorher mit Mohnschnullern beruhigt?“

Der Alten verschlug es die Sprache. Schließlich zitterte ihre Stimme vor Empörung: „Das ist unerhört! Ich habe gar keine Kinder!“ Ich hob meine rechte Hand belehrend. „Das merkt man, Sie haben nämlich keine Ahnung. Ein kleines Kind schreit halt einfach mal und ist nicht immer gleich zu beruhigen. Glauben Sie, deswegen sind jetzt alle Rabenmütter?“ Die Dame warf mir einen wütenden Blick zu. „Sie gehören wohl zusammen, nicht wahr? Da wundert mich gar nichts!“ Ich drehte mich kurz zu der jungen Mutter um, die uns etwas verwirrt ansah und nicht wusste, was sie von unserem Streit halten sollte. Dann sah ich die Alte energisch an. „Reden Sie keinen Blödsinn! Aber ich gebe Ihnen einen guten Rat: wenn es Ihnen in den öffentlichen Verkehrsmittel zu laut ist, sollten Sie auf Taxis umsteigen.“

Albert bog sich vor unterdrücktem Lachen, klopfte mir auf die Schulter und flüsterte glucksend: „Lass gut sein, Vivi, sie springt dich noch an, wenn du nicht aufhörst!“ Sie sprang nicht, sie stieg aber wortlos aus, jeder Zoll eine beleidigte Majestät. Albert legte den Arm um mich. „Warum hast du das getan? Lass die Alte doch einfach keifen!“ Ich grinste ihn an. „Mir war danach!“ Die junge Mutter hinter uns verlor kein Wort, sie war bemüht uns nicht anzusehen, der Vorfall schien ihr mehr peinlich als alles andere zu sein. Mir war das egal. Außerdem mussten wir jetzt ohnedies aussteigen, mit lautem Quietschen hielt die Straßenbahn am neuen Bahnhof in Linz. Wir stiegen aus und fuhren mit der Rolltreppe nach oben. Ich hielt Ausschau nach der großen Tafel mit den Zugankünften.

Während ich mich umsah, erinnerte ich mich an einen Vorfall, den ich vor Jahren in Salzburg in einem O-Bus beobachtet hatte. Ein älterer Mann hatte eine junge Frau mit Kind beflegelt, weil sie ihr kränkelndes Kind nicht beruhigen hatte können, und zwar so lange, bis diese völlig genervt den O-Bus verlassen hatte. Ungeheuerlich, wenn man ehrlich war und im Grunde auch nicht nachzuvollziehen. Damals hatte ich geschwiegen, aus der ganzen Befangenheit meiner knapp zwanzig Jahre heraus. Aber man muss nicht immer schweigen, wenn Leute sich derartig verhalten, ohne selber die geringste Ahnung von der Materie zu haben… In welchem Fall auch immer.

Vivienne

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