22. Kapitel: Ausbruch

In der Shopping Mall dröhnte die Musik, aus jedem Laden etwas anderes. Die Leute, die an einem vorbeiliefen, taten ihr Übriges zur gehetzten Atmosphäre. Sie stritten, flirteten, beratschlagten, tratschten, husteten, niesten, atmeten. Das Gemisch der Geräusche konnte einen verrückt machen.

Constanze sollte einfach mal ein bisschen bummeln gehen, das hatte ihre Mutter gesagt. Einfach ein bisschen rumschlendern, vielleicht was Schönes kaufen, ein bisschen Ablenkung. Sie setzte einen Schritt vor den andern. Eine Modeboutique, Loungemusik, drinnen nur coole Frauen unter 30. Bemühte Verkäuferinnen. Dann ein Gummibärchenladen. Knallbunte Auslagen. Dieselbe Gelatine-Masse in hundert verschiedenen Variationen. Ein Ehepaar kam raus, ein Junge von vielleicht 3 Jahren saß auf den Schultern seines Vaters und biss hingerissen den Kopf eines riesigen roten Gummibären ab. Ein Teegeschäft. Es roch gut, sie blieb vor der Tür stehen. Die Verkäuferin hinter der Theke lächelte sie an. Constanze drehte sich um und ging weiter. Einen Schritt vor den andern. Noch eine Modeboutique, jetzt für erheblich jüngeres Publikum, von drinnen wummerte Musik, die Constanze schon nicht gehört hatte, als sie selbst jünger gewesen war. Mit einer kleinen Tüte in der einen und einem etwa zweijährigen Mädchen an der anderen Hand kam eine junge Frau um die 20 aus dem Laden. Das Mädchen hatte einen Pferdeschwanz, der von einem rosafarbenen Haargummi mit kleinen Figürchen drauf zusammengehalten wurde. Ihre Haare waren noch nicht lang genug, vorne fielen einige Strähnen heraus. Die Kleine war quengelig, sie wehrte sich gegen das Ziehen ihrer Mutter, die viel zu jung war für das Kind, zu stark geschminkt und mit zu dunklen Ringen unter den wässrigblauen Augen. Das Kind ließ sich nun auf den Boden fallen, es wollte getragen werden. Die Mutter zog es aber einfach auf dem glatten Boden hinter sich her.

Constanze ertrug das nicht mehr, lief hinter den beiden her und ergriff die Hand des Mädchens. Sie war warm und etwas klebrig. Sie zog die Kleine hoch und hob sie schwungvoll ein kleines Stück in die Luft. Engelchen, Engelchen, flieg!, rief sie und lächelte das Kind an. Lächelte das erste Mal seit dem, was ihr passiert war.

Aber das Kind sah sie nur verängstigt an, schaute zu seiner Mutter, fing an zu weinen. Die junge Frau war verdutzt und brauchte einige Zeit, um zu reagieren. Dann riss sie Constanzes Hand weg von der ihres Kindes: Spinnst du? Mach die Finger weg von meinem Kind!

Constanze starrte die beiden an, sprach mit freundlicher Stimme: Ich kann ihr Haarspangen kaufen, ihre Haare fallen ihr doch ins Gesicht. Da hinten in der Boutique gibt es ganz süße Haarspangen für kleine Mädchen.

Die Mutter des Kindes schaute Constanze ungläubig an, tätschelte das Köpfchen des Kindes, nahm es hoch und maulte nur vor sich hinWas geht’n bei dir? Komplett verpeilt oder was? und ging.

Constanze stand nun mitten im Durchgang zur Rolltreppe. Von allen Seiten rempelte man sie an und schubste sie. Es war wie in einem reißenden Fluss, der einen hin und her schleudert. Man drängte sie immer mehr in Richtung des Metallgeländers. Dort lehnte sie sich an.

Sie spürte es nun unter der Haut, spürte, wie es sich Raum verschaffte und Beachtung suchte. Es begann mit einem schmerzhaften Prickeln, vielen winzigen Nadeln tief unter ihrer Haut. Das Prickeln wurde langsam zu einem Flächenbrand, der sich Schicht um Schicht durch ihr Gewebe drängte, durch alle Hautschichten bis zur Oberfläche.

Constanze brannte. Brannte lichterloh. Sie stand in Flammen, aber die Leute liefen einfach an ihr vorbei, niemand schaute sie an. Nur die ein oder andere Einkaufstüte streifte ihre brennenden Beine, aber auch das fiel niemandem auf. Ihr Herz wurde schwer, es wurde groß, es schien explodieren zu wollen. So viel Platz war nicht in ihrer Brust. Constanze hörte nichts mehr, die Menschen, die Musik, das Rascheln der Plastiktüten, alles verschwamm zu einem dumpfen Wabern, das auf ihre Ohren drückte. In ihr begann es zu vibrieren, tief in ihrer Brust kroch es nach oben, sie fühlte es in ihrem Hals, wo es noch mehr Macht gewann. Schließlich öffnete sich ihr Mund und ein Schrei kam aus ihr heraus. Sie selbst hörte ihn nur dumpf, aber sie spürte, dass es ein mächtiger Schrei war. Solange noch Atem in ihr war, dauerte er an. Dann erstarb er.

Um sie herum standen ein paar Menschen. Ein paar andere schauten sie an, aber gingen vorüber. Neben ihr stand eine ältere Dame mit freundlichen Augen, sie sagte etwas zu ihr, aber Constanze konnte sie nicht verstehen. Die Dame legte ihr sanft die Hand auf den Arm, Constanze sah es, aber sie spürte es kaum, höchstens so, wie man eine Berührung durch einen dicken Verband spürt. Nichts mehr vibrierte. Nichts mehr passierte. Ihre Haut brannte nicht mehr. Ihr Herz war noch schwer, aber es wehrte sich nicht mehr.

Constanze schüttelte die Hand der Dame ab und ging.

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