Ich wollte es fast nicht glauben.
Als man es mir sagte.
Du?
Ausgerechnet du?
Immer unterwegs.
Immer viel zu tun.
Überall dort.
Wo man dich brauchte.
Richtig.
Geredet.
Haben wir schon lange nicht mehr.
Nicht mehr richtig.
Du warst einfach…
Beschäftigt.
Ständig.
Da Not am Mann.
Dort einfach unentbehrlich.
Kein Wunder.
Dass du keine Frau mehr hattest.
Die deine…
Sie war gegangen.
Schon vor ein paar Jahren.
Und Kinder hattet ihr nie…
Du wolltest keine.
Was ich so hörte.
Und es war wohl auch besser so.
Denn Zeit hättest du keine gehabt.
Für deinen Nachwuchs.
Mir war so.
Als wärst du immer davon gelaufen.
Ein wenig zumindest.
Vor der Liebe.
Vor der Nähe.
Vor der Intimität…
Das war so nicht deines.
Deine Frau.
Sie musste wohl eher Kumpel sein.
Und darum fand sie sich einen.
Dem sie Frau sein konnte.
Und Geliebte…
Es war wohl nicht dein Fehler.
Du konntest nicht anders.
Und die viele Arbeit.
Die sollte wohl nur bemänteln.
Dass deine Gefühle dir Angst machten.
Dass du sie nicht zeigen konntest.
Immer versteckt.
Hinter Umtriebigkeit.
Und „Ich hab’s eilig…“
Du bist krank gewesen.
Schon länger.
Und wenn ich ehrlich bin.
Mir war doch einmal aufgefallen.
Dass deine Hosen ziemlich weit geworden waren…
Du hast dich nicht geschont.
Und weiter gearbeitet.
Wolltest dich nicht stellen.
Deiner schweren Krankheit.
Und der Diagnose „unheilbar“.
Du bist weiter davon gelaufen.
Vor der Angst.
Und vor dem Unausweichlichen.
Und der Gewissheit.
„Ich werde sterben!“
Du wolltest dir auch dafür nicht Zeit nehmen.
Wie du auch nie Zeit für deine Frau hattest.
Und für deine Freunde.
Und schon gar nicht wolltest du reden.
Über deine Schmerzen.
Über die furchtbare Angst.
Über die qualvolle Behandlung.
Und das Wissen.
Dass sie gar nichts brachte…
Gar nichts…
Nein, du wolltest nicht reden.
Es schien eher.
Als wolltest all das ignorieren.
Es nicht zur Kenntnis nehmen.
Wie immer.
Wie du davon gelaufen bist.
Vor den wichtigen Dingen im Leben.
Vor der Liebe.
Vor der Verantwortung.
Und vor der Wahrheit…
Du starbst wie du gelebt hast.
Einsam.
Allein.
Und ohne Wärme.
Du bist gestorben.
In deinem Büro.
Mitten in der Nacht.
Weil du nicht daheim sein wolltest.
Wo dir die Decke auf den Kopf gefallen wäre…
Was dir wohl durch den Kopf ging?
In den letzten Momenten?
Hast du gespürt?
Wie der Tod nach dir griff?
Oder dachtest du nur an Zahlen?
An Geschäfte?
Oder machtest du Pläne?
Niemand kann es je sagen.
Aber war je ein Mensch dabei so einsam wie du…?
Vivienne/Gedankensplitter