Ausgetrickst – Die bunte Welt von Vivienne

Nach unserem Großeinkauf für das Wochenende ließ sich Albert auf der Couch fallen. Er war müde und das verspätete Mittagessen hatte sein Übriges getan. Ich stellte uns wohl gekühlten Eistee und zwei Gläser auf den Couchtisch hin. Dann musste mein Mann rücken und ich fand auch noch Platz. Während Ali einschenkte, merkte ich auch, dass ich die lange Woche in den Gliedern spürte. Spielerisch stießen wir an und genossen das eiskalte Getränk… Albert schloss die Augen. „Bin ich froh, dass wir wieder ein Wochenende vor der Tür haben…“ murmelte er… „Rossecker kann schon ein Grantscherbn sein…“ Nichts Neues also in der Firma, dachte ich bei mir. „Wollte Dein Chef nicht im Geschäft einen Posten einsparen?“ fiel mir plötzlich wieder ein…

Mein Mann lachte breit. „Oh ja, das wollte er. Und das hat er auch. Vor vierzehn Tagen ist Sarah Wirthmann gekündigt worden. Die war vielleicht fertig…“ Das verstand ich. In diesen Tagen war es auch, wenn man jung war, nicht einfach, etwas Adäquates zu finden. Hoffentlich hatte die Frau Glück, es war ihr zu wünschen. Albert leerte das Glas zügig. Wäre Bier drin gewesen, hätte ich mir vielleicht Gedanken machen müssen. „Die Wirthmann hatte wirklich Pech gehabt. Denn eigentlich hätte Rossecker Margit Bucher im Auge gehabt. Sie widersprach ihm gern und hatte so eine Art, mit der man schnell aneckt.“ Ali schenkte wieder nach. „Ich weiß, dass Rossecker mehrmals gedroht hat, er würde einmal kurzen Prozess machen mit ihr.“ Ich nickte. „Seltsam, dass er sich dann anders entschieden hat.“

Ali grinste. „Die Bucher ist eine sehr berechnende Person. Die wusste, dass sie auf der Liste ganz oben stand und hat sich mit ihrem Freund etwas ausgedacht.“ „Da bin ich aber gespannt.“ Ali hatte mich neugierig gemacht. „Den Rossecker austricksen? Wie ist ihr das geglückt?“Mein Mann zündete sich eine Zigarette an. „Erst mal muss man sich fragen, wieso überhaupt. Denn die Bucher hat kein gutes Haar an der Firma gelassen und immer wieder über Rossecker und seine rechte Hand, die Neumeier, geschimpft. Ich frage mich, warum sie nicht von selbst gegangen ist und warum sie sich dann doch an diesen Job in der ihrer Meinung nach schlechtesten Firma der Welt geklammert hat.“ Er zuckte die Achseln. „Aber sie hat. Und ihr Plan dazu war wohl überlegt…“

Ein Schluck Eistee, dann legte Albert seinen Arm um mich und spannte mich nicht länger auf die Folter. „Grundsätzlich glaube ich, dass der Plan von ihrem Freund ausging. Persönlich halte ich die Bucher nicht für schlau genug, sich das auszudenken. Auf jeden Fall brachte die Frau geschickt das Gerücht in Umlauf, ihre Periode wäre ausgeblieben und sie fürchtete schwanger zu sein. Sie muss das so geschickt lanciert haben, dass bald die halbe Firma Bescheid wusste und damit auch Rossecker.“ Ich verstand. So war die Bucher also vorgegangen. Schwanger war sie unkündbar und das musste natürlich auch Rossecker klar gewesen sein. Ob ihm das geschmeckt hatte oder nicht, er musste sich eine andere Kandidatin suchen, die den Platz räumen musste. Und das war die Wirthmann… Alles klar?“

Das war natürlich Pech für die betroffene Kollegin gewesen. Während die Bucher fast jedem erzählte, wie sie ihrer Periode entgegenhoffte, war die Wirthmann auf dem Schleuderstuhl gelandet. Eine Intrige fast schon, musste man sagen. Aber die Arbeitswelt war nicht fair, nie gewesen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Und so hatte Margit Bucher ihren Arbeitsplatz gerettet. „Sie war natürlich nicht schwanger…“ vollendete ich Alberts Bericht. Er nickte. „Das steht mittlerweile zweifelsfrei fest.“ Ich blickte auf. „Aha. Und wieso?“ Albert dämpfte die Zigarette aus. „Vor ein paar Tagen ist die Bucher zu spät in die Arbeit gekommen. Mit starker Alkfahne vom Vortag. Rossecker hat das mitbekommen und hat sich die Mitarbeiterin zur Brust genommen… Vor den Kolleginnen.“ Ali sah mich an. „Er hat sie angeschrien, wenn sie sich nicht in den nächsten Tagen schwanger melden würde, wäre sie bei notwendigem Personalabbau die nächste. Und wenn sie später Fünflinge erwarten würde…“

Das klang ganz nach Rossecker und seinem sonnigen Naturell. Keine Frage, diese Geschichte hatte der Chef der kleinen Angestellten sehr übel genommen. Fraglos war sie durchgekommen damit, aber der Vorgesetzte hatte sie jetzt noch mehr im Visier als zuvor. Und da würde wohl eine Kleinigkeit genügen und sie den Job kosten. Das war der Bucher wohl mittlerweile klar geworden. Ob der Plan nun wirklich so schlau gewesen war, darüber ließ sich jetzt streiten. Aber ihrer Kollegin Wirthmann konnte jetzt niemand mehr helfen. Sie konnte nur hoffen, dass sich ein neuer Arbeitsplatz schnell ergeben würde… „Mach dir jetzt keine Gedanken wegen der Wirthmann“, riss mich Ali aus meinen Gedanken. „Ist ja kein Zufall gewesen, dass sie als nächste ausgesucht wurde. Das kannst du mir ruhig glauben…“

Nein, das war wirklich nicht nötig, dass uns die Geschichten aus Alberts Firma bis ins Wochenende verfolgten. Aber wenn es um einen Arbeitsplatz ging, war vielen jedes Mittel Recht. Und es war durchaus verständlich, weil es für sie um die Existenz ging. Ich war vor vielen Jahren in der Situation gewesen und es hatte mich große Kraftanstrengung gekostet, mich aus dem Dilemma zu befreien… ich erinnerte mich gut…
Aber Gott sei Dank war das lange her.

 

Vivienne/Gedankensplitter

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