Das Auge

Wenn er fotografierte, verschwand er nicht hinter der Kamera. Die Kamera verschmolz mit seinem Gesicht. Er redete mit seinen Modellen, lachte mit ihnen, bis sie schließlich sie selbst waren. Diese Fotos entwickelte er, alle vor diesem Zeitpunkt entstandenen Bilder wurden vernichtet, verschwanden wie nie gewesen, weil sie für ihn nicht zählten.

Jeder wollte sich von ihm fotografieren lassen. Jeder Star, jede Schauspielerin wollte von ihm abgelichtet werden. Aber am liebsten, so sagte er immer, fotografierte er seine Frau. Anfangs hatte sie sich gewehrt, weil sie nie gern vor Kameras gestanden hatte. Aber es war passiert, was immer in seinen Sessions geschah. Er erzählte dem Beleuchtungsassistenten, dass keiner so hart verhandeln kann wie seine Frau und dass sie das beste Risotto der Welt kocht. Er plauderte mit ihr über den letzten Urlaub, den sie in Ligurien verbracht hatten. Wie sie sich in einem kleinen Künstlerdorf Farben geschnorrt und mit wichtiger Miene Klecksbilder gemalt hatten, die jetzt auf dem Gästeklo hingen. Irgendwann nahm sie nur noch ihn war, die Kamera war nun nicht mehr als die Verlängerung seiner Augen. Dann fotografierte er ihr Inneres auf ihrem Äußeren

Manchmal erschrak man vor dem Bild, das er gemacht hatte. Aber immer waren die Bilder schön. Vielleicht ist alles schön, wenn man es authentisch zeigt. Wenn man es auf die Essenz reduziert, das Eigentliche hervorholt.

Jetzt diese riesige Ausstellung in einer Berliner Galerie und hier hingen Bilder von ihr. Sie neben Oscar-Preisträgern. Sie stand vor ihrem eigenen Foto, fast lebensgroß vor ihr an der Wand, und bestaunte sich selbst. Und der schmallippige Mann neben ihr schaute sie mit gerunzelter Stirn an und sagte: „Auf den Fotos ihres Mannes sehen Sie aus wie die schönste Frau der Welt…“

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