Das Ende aller Geschichten – Buchrezension

Katja Leonhardt

Das Ende aller Geschichten

Buchrezension

 

Eine junge Frau, Constanze, führt – so scheint es – das perfekte Leben. Vorzeigetochter ihrer Eltern ist sie Lehrerin geworden, Stolz der Familie. Nun ist sie verheiratet, hat einen kleinen Sohn und bei einem Familienfest wird die zweite Schwangerschaft bekanntgegeben…

Aber dieses scheinbar perfekte Glück hat durchaus verborgene Risse. Die Schwester, ein Enfant terrible, unangepasst, unstet, ist heimlich neidisch auf ihre Schwester. Der despotische Vater, ist ein herzloser Mann, der die aufmüpfige Tochter als Kind immer brutal züchtigte, wenn sie nicht funktionierte wie die „brave“. Der Ehemann zuletzt stellt einer jungen Mitarbeiterin in seiner Firma nach, wie selbstverständlich aus einer Laune heraus.

 

An einem Abend verliert Constanze ihr ungeborenes Baby, ohne Vorankündigung. Auf sich allein gestellt. Ihr Mann ist nicht erreichbar, weil er die junge Mitarbeiterin abgeschleppt hat. Constanze kommt ins Spital, wird versorgt und die Familie ist überzeugt, dass sie bald darüber hinwegkommt, spätestens mit der nächsten Schwangerschaft. Aber in ihr hat sich etwas verändert, das sie nicht zeigen kann – bevormundet von ihrem ganzen Umfeld, das am besten zu wissen glaubt, was gut ist für sie. Diese innerliche Tragödie eskaliert, als Constanze ein fremdes Baby entführt und nur mit Mühe (oder Glück?) ihr Mann diesen Vorfall vermeintlich noch einmal regeln kann.

 

Mit diesem Tag wird alles anders. Einmal mehr möchte die Familie dafür sorgen, dass die bisherige Parade-Tochter wieder funktioniert. Aufenthalt in der Klinik, Therapie, Constanze lebt und doch auch nicht. Sie agiert wie ein Zombie, in der keinen Menschen wirklich interessiert was sie fühlt, oder man ihr hilft, mit dem schweren Verlust umzugehen…

Kein Stein bleibt auf dem anderen. Die Mutter leidet, aber nur, weil sie nicht mehr mit der erfolgreichen Tochter angeben kann. Der kalte Vater meint ohnedies, dass seine Frau die Kinder verweichlicht erzogen hat. Die Eheleute entfremden sich völlig. Constanzes Mann, der seine Kollegin in jener Nacht geschwängert und danach ungerührt zur Abtreibung genötigt hat, fühlt sich zwar einerseits schuldig, andererseits fürchtet er sich nur vor der Einsamkeit. Die Schwester, das schwarze Schaf, die von dem Seitensprung ihres Schwagers weiß, freut sich heimlich, dass das perfekte Leben ihrer Schwester gar nicht so makellos ist. Auch sie scheitert daran, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben… Und die junge Mitarbeiterin, die sich von der Affäre mit Constanzes Gatten mehr erwartet hat, kommt über die Enttäuschung nicht hinweg…

Die Autorin Katja Leonhardt beschreibt in diesem eBook eindringlich, wie eine junge Frau allein gelassen wird in ihrem Schmerz nach dem Drama eines verlorenen Kindes. Sie, die „brave“ Tochter, die immer artig alle Erwartungen erfüllt hat – als Kind, als Ehefrau, als Mutter – ist bei der Verarbeitung des Verlusts auf sich alleine gestellt. Und wichtig ist allen nur, dass bald alles wieder läuft wie zuvor. Aber das wird es nie mehr…

 

Ein Baum wird vom Sturm umgerissen und reißt die anderen Bäume mit um… so beschreibt die Autorin diese Geschichte. Mehr als das ist diese ein Drama über eine Frau, die ihr ganzes Leben immer nur „ein gutes Kind“ sein wollte und letztlich, als es darauf ankommt, im Stich gelassen wird. Keine/r hilft ihr, das Trauma zu verarbeiten, jede/r denkt nur an sich und wie es für ihn/sie weitergeht…

 

Ein bemerkenswerter Kurzroman, der uns allen, als Mensch, als Mann, als Frau vor Augen führt, wie verloren ein Leben sein kann, wenn man nicht als Individuum wahrgenommen und akzeptiert wird, sondern nur als Person, die keine eigenen Vorstellungen und Träume leben darf – nie selbstbestimmt, immer nur in Erfüllung der Erwartungen rundherum…

 

 

Vivienne

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