Der Fall Helmuth Zilk

Gestern Abend (21.03.09) kam im ORF, in der „Zeit im Bild“ etwas unerwartet ein neuer Bericht über Helmut Zilks angebliche Spionagetätigkeit in den 60er Jahren für die damalige CSSR (es gilt die Unschuldsvermutung). Das Profil widmet sich in seiner Ausgabe vom 23.03.09 dieser alten Geschichte und will diesmal Beweise liefern: unterschriebene Quittungen für erhaltene Geld- und Geschenkleistungen. Sein Deckname dabei soll „Holec“ gewesen sein. Die Anschuldigungen sind wie gesagt nicht neu und wurden, als Zilk noch lebte, alle paar Jahre aufgewärmt. Der Zeitpunkt für die jetzige Offensive zur „Demontage des Denkmals Helmut Zilk“ ist klug gewählt. Fast genau fünf Monate nach dem Tod des Wiener Altbürgermeisters soll nun endgültig bewiesen werden, dass das „Musterbeispiel eines integren Politikers in der öffentlichen Meinung“ auch dem Reiz des schnöden Mammons und edler Geschenke (etwa einem teuren Luster) verfallen wäre. Und der Betroffene kann sich nicht mehr zur Wehr setzen…

Wie kann man diese jetzigen Vorwürfe bewerten? Zilk war Fernsehjournalist als die angebliche Tätigkeit begonnen haben soll, ein Hang zu schönen Frauen und zum Geld ausgeben war ihm immer nachgesagt worden. Lässt sich das Bild des väterlichen Zilk, der im Fernsehen und bei der Kronenzeitung für die Rechte Benachteiligter eingetreten ist, vereinen mit einer möglichem Spionagetätigkeit? Schwer einschätzbar, das Profil wird morgen sicher seine Auflage enorm steigern, damit der Interessierte sich ein Bild machen kann, das womöglich wieder viel offen lässt. Wie auch immer, ich habe in einigen Beiträgen der Bohnenzeitung meinen Respekt und meiner Achtung gegenüber dem früheren Unterrichtsminister und Attentatsopfer Ausdruck verliehen. Vorab möchte ich aber eines festhalten: Spinonage war das auch im schlimmsten Falle keine, sondern einfach Spitzeldienste. Spionage spielt sich in anderen Kreisen ab, dazu ist Österreich letztlich zu unbedeutend in der Maschinerie der Weltpolitik und Zilks Kenntnisse dürften damals auch eher rudimentär gewesen sein.

Natürlich gefällt mir der Gedanke nicht, dass Zilk ein „Spion“ gewesen sein könnte. Das wäre eine Illusion mehr, die stirbt, denn Politiker, denen man offen Respekt entgegenbringen kann, sind dünn gesät. Das Haus- und Hofblatt Zilks, die Kronenzeitung, schweigt zur Zeit noch. Ich nehme an, man wird die (angeblichen) Beweise im Profil erst einmal prüfen, bevor man sich eine Strategie überlegt, wie man den Anschuldigungen entgegentritt. Dem ORF war die Sache gestern Abend immerhin einen längeren Bericht Wert. Ob Zilk zu solchen „Spitzeldiensten“ wirklich fähig gewesen wäre, vermag ich schwer einzuschätzen. Ich war ein Kind, als mir in den 70er Jahren die ersten Fernsehsendungen mit ihm in Erinnerung geblieben sind. Man möge sich nur ja nicht der Illusion hingeben, dass Zilk sich in einem vergleichsweise jungen Alter, als von einer späteren politischen Karriere noch keine Rede war, in keinem Fall dazu überreden ließ, „Banalitäten“ gegen gutes Geld weiterzugeben… Dieses „jugendliche Alter“ soll außerdem nichts entschuldigen, aber wenn wir uns erinnern: was haben wir am Anfang des Lebens nicht an Törichtem begangen?

Vor kurzem ist mit fast 97 Jahren die österreichische Schriftstellerin Gertrud Fussenegger verstorben. Fussenegger war Zeit ihres langen Lebens immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, die aus ihrer Jugend stammen. Die spätere bekannte Autorin engagierte sich als junge Frau offen für den Nationalsozialismus und begriff erst später, welcher verderblichen Ideologie sie verfallen gewesen war. Trotzdem: würde man nach ihrer Läuterung ihr Werk heute schmälern? Natürlich würde es mir auch nach diesen oder ähnlichen Beispielen nicht ins Bild von Helmut Zilk passen, wenn ihn das Profil als den „Landesverräter“ überführen könnte als den es ihn beschuldigt. Wie ich weiter oben schon anklingen ließ, denke ich an einen gezielten Schritt des Nachrichtenmagazins. Die Beweise – so ferne wirklich schlüssige vorliegen – hat es sicher schon früher gegeben, aber einem lebendigen wenn auch greisen Zilk wollte man sich nicht aussetzen. Auch das lässt einigen Spielraum für Vermutungen offen…

Harren wir also der „Beweislast“, die den Lesern des Profils morgen geboten wird. Ich habe mich heute Morgen auf derstandard.at über die Causa nochmals informiert und habe mir auch die Zeit genommen, die Postings unter dem Artikel zu lesen. Die Meinungen sind wie üblich geteilt, von gehässig bis überrascht und abwartend. Einen der Kommentare möchte ich allerdings hervorheben. Sinngemäß meinte da eine Person, sie wolle gar nicht wissen, was andere Politiker nebenbei getan haben und tun würden. Die Branche wäre einfach scheußlich… Dem Statement kann ich mich nur voll und ganz anschließen. Dieses üble Fazit ist nämlich das Allerschlimmste, das man aus dieser „Spionagegeschichte“ ziehen kann…

© Vivienne

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