Der Tanz (3)

Weil er das Nahe so schrecklich fand, kletterte er oft auf Bäume, um in die Ferne zu schauen. Er erkannte jeden Baum an der Rinde und schmiegte sich an seine Haut. Selbst wenn er auf einem Ast einschlief, hatte er nie Angst zu fallen, denn die Bäume hielten ihre Arme schützend um ihn. Wenn er auf die Bäume kletterte, sah er anfangs noch das Blau des Himmels, Wälder, Berge, Täler und viele Farben. Mit der Zeit musste er immer höher klettern, um noch etwas davon zu sehen. Dann waren die grauen Gebäude zu hoch gewachsen. Und schließlich kam er eines Morgens zu den Bäumen und sie waren gefällt worden. Ein kleiner Zweig seiner Lieblingsbuche lag noch auf dem nackten Boden. Er hob ihn auf, steckte ihn in die Tasche und ging.

Der Junge hatte verstanden, dass es keinen Sinn hatte zu hoffen und zu träumen. So wurde er zum Mann. Er begann zu lernen, wie man Zahlen so berechnet, dass sie sich vermehren und die Auftraggeber zufrieden sind. Schneller und härter rechnete er als all die anderen. Dann rief man ihn in ein großes graues Gebäude. Man setzte ihn in ein großes Büro mit kleinen Verschlägen, in denen Männer und Frauen rechneten. Ein Fenster gab es nicht. Wenn er einmal aufblickte, starrte er auf die Wand seines Verschlages. Also rechnete er schneller und härter, so dass er jedes Jahr ein Stockwerk höher stieg. In jedem Stockwerk saß er mit weniger Menschen im selben Raum. Das gefiel dem Mann, deshalb rechnete er noch schneller und noch härter. Irgendwann war er weit oben. Er hatte ein Büro für sich. Er hatte ein Fenster. Wenn er aus dem Fenster sah, schaute er auf ein anderes Fenster im Gebäude auf der anderen Seite der Straße. Wie sein eigenes Fenster war es verspiegelt, so dass er nicht sah, was dahinter war. „Wahrscheinlich ein Mensch wie ich, der sich fragt, ob ein Mensch wie er auf der anderen Seite sitzt“, dachte der Mann. Dann rechnete er weiter, aber egal, wie schnell und hart er rechnete, er stieg nicht mehr höher im Haus. Denn alle höheren Plätze waren von Menschen besetzt, bei denen es nicht mehr darauf ankam, ob sie schnell und hart rechneten. Er stellte einen Antrag, um sein Büro grün streichen zu dürfen. Der Antrag wurde abgelehnt, denn Grün war als Wandfarbe nicht erlaubt. Man stellte ihm Beige, Sand und Granit zur Auswahl, aber der Mann verzichtete.

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1 Gedanke zu „Der Tanz (3)“

  1. Für den Energiehunger der Welt
    Werden ganze Wälder gefällt!

    MENSCHEN UND BÄUME

    Ohne Bäume in Wald und Flur
    Wär die Erde ein öder Planet nur.
    Wir sehnen uns nach diesem Grün,
    Der Zeit, wenn wieder Bäume blüh’n.
    Wir wollen wandeln durch Alleen,
    Das Blätterdach so wunderschön.

    Zu viele Buchen und Eichen
    Mussten schon der Kohle weichen.
    Retten wir den heimischen Wald,
    Bewahren die Artenvielfalt.
    Mit jedem Baum der sinnlos fällt,
    Wird etwas ärmer uns’re Welt.

    Rainer Kirmse , Altenburg

    Herzliche Grüße aus Thüringen

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