Der verlorene Sohn – Die bunte Welt von Vivienne

 In der Arbeit stand ich vor dem Faxgerät, ein riesiger Kasten, ein Wunderding mit Multifunktionen. Manchen Kollegen war das Gerät, das auch kopieren, scannen und drucken konnte, noch immer ein Buch mit sieben Siegeln, während ich darauf wartete, dass mein Fax durchging. Verstohlen blickte ich auf die große Uhr – ich freute mich auf den Feierabend. Das Aprilwetter machte müde, nicht nur mich und meine bessere Hälfte Ali hatte mich, als wir vorhin telefonierten, mit einem Gähnen begrüßt. Aber wunderte mich das? Albert wurde von Natur aus oft erst abends richtig munter…

 Abgesehen davon hatte Ali Neuigkeiten aus seiner Firma für mich gehabt. Eine junge Angestellte, gerade erst ausgelernt, hatte Knall auf Fall gekündigt. Dass sie deswegen für einige Wochen ihr Arbeitslosengeld verlieren würde, war der jungen Frau dabei völlig egal. Und Rossecker war der Grund gewesen, der Geschäftsführer wurde immer cholerischer und bösartiger. Und am liebsten nahm er sich die Lehrlinge zur Brust, führte sie vor und brachte sie gerne zum Weinen. „Weißt du, Vivi“, hatte mein Mann gemeint. „Ich kenne Rossecker jetzt so lange. Und besonders umgänglich war er nie. Aber was er seit ein oder zwei Jahren aufführt, ist wirklich nicht mehr okay. Er quält mit Bedacht alle Angestellten und am liebsten die Lehrlinge.“

Ali hatte eine lange Pause gemacht. Ich wurde stutzig. „Steckt da vielleicht etwas anderes dahinter? Etwa gesundheitliche Probleme?“ Ali hatte leise gelacht. „Gut kombiniert, Vivi, aber obwohl er so ungesund lebt, das ist es nicht…“ Albert spannte mich nicht lange auf die Folter. „Der Grund ist sein Sohn, der junge Mann, den er mit der Abteilungsleiterin Neumeier hat.“ „Richtig. Und was passt nicht mit dem Sohn?“ Im ersten Moment konnte ich mir nicht vorstellen, was da großartig los sein sollte. Obwohl Rossecker mit einer anderen Frau verheiratet war und mit ihr eine Tochter hatte, die fast genauso alt wie sein unehelicher Sohn war, hatte er es auch diesem Kind finanziell nie an etwas mangeln lassen. Aber Ali war natürlich besser informiert…

„Der junge Mann macht Probleme. Schon eine Weile. Voriges Jahr hat er das Gymnasium geschmissen, nachdem seine schulischen Leistungen schon eine Weile ziemlich im Keller waren.“ Ali war leise geworden. „Der Albtraum aller Eltern. Der Sohn war in schlechte Kreise geraten, schwänzte die Schule, trieb sich herum und sprach alkoholischen Getränken in Massen zu. Rossecker spürt wohl, wie ihm der Sohn entgleitet. Die Lehrlinge in der Firma sind da nur ein Ventil. Mit dem Sohn will er dem Vernehmen nach nicht schreien oder schimpfen, er steckt ihm trotz allem immer wieder Geld zu und bügelt seine Schwierigkeiten aus. Anstandslos. Aber das Dilemma frisst ihn auf, immer mehr, innerlich…“

Ich dachte nach während Ali ein paar Details ausführte. Eine Tragödie, wenn das eigene Kind an falsche Freunde gerät. Während Ali erzählte, dass die Neumeier jedes Mal mit versteinerter Miene in die Arbeit kam, wenn der Sohn wieder etwas ausgefressen hatte. Ich erinnerte mich. Die Neumeier war ja seinerzeit die Dauerfreundin von Rossecker gewesen, obwohl er verheiratet war. Beide Frauen hatten im Abstand von ein paar Monaten ein Kind von ihm zur Welt gebracht. Während seine eheliche Tochter letztes Jahr ganz normal maturiert hatte und nun in Wien studierte, bescherte dieses „Kind der Sünde“ seinen Eltern nur Schwierigkeiten…

Das Multigerät piepste und druckte eine Faxbestätigung aus. Ich zuckte zusammen und das Telefonat mit Ali von vor einer dreiviertel Stunde war wieder weit weg. Ich ging zurück zu meinem Schreibtisch und setzte meine Arbeit fort. Schließlich wurde es 17:00 Uhr, ich packte meine Sachen zusammen und marschierte mit ein paar Kollegen zum Lift. Als ich draußen war, rief mich Ali noch einmal an. „Möchtest du heute Eispalatschinken, Liebes?“ Ich musste lachen. „Was für eine Idee! Aber warum nicht…“ Doch Ali wechselte schnell das Thema. „Die Polizei war heute in der Firma, Vivi, bei der Neumeier. Der Filius hat letzte Nacht mit ein paar Kumpanen ein paar Autos beschädigt. Dabei sind sie erwischt worden…“

 Ich ließ das Ganze auf mich wirken, als ich mit der Straßenbahn heimfuhr. Ein Lehrling würde diese schlechte Nachricht wohl wieder büßen müssen, ging mir durch den Kopf. Vielleicht lieferte sich aber Rossecker auch ein Schreiduell mit seiner früheren Geliebten, weil sie den Sohn so schlecht erzogen hatte. Um zu übertünchen, dass er selber nie da gewesen war für ihn… Statt sich sachlich Gedanken zu machen, was man tun konnte, um den Teenager aus dem Einflussbereich seiner sogenannten Freunde zu befreien. Aber wen trifft wirklich die Schuld, wenn ein Kind in schlechte Gesellschaft gerät? Vater, Mutter? Das ganze Umfeld? Oder…ist es einfach nur Pech? Schwierig. Die meisten Eltern möchten einfach nur das Beste für ihren Nachwuchs. Aber kann man wirklich alles Schlechte fernhalten von seinen Kindern? Ich drückte den Halteknopf und stand auf. Man kann es nie sagen…

Vivienne

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