Die Grenzen eines Menschen

An diesem ersten richtigen Frühlingswochenende war ich in der Straßenbahn Richtung Innenstadt unterwegs und telefonierte am Handy angeregt mit meiner Schwester. Wir hatten eine Menge zu bereden, als ich plötzlich spürte wie mir jemand seine Hand auf den Oberarm legte. Ich schrak im Gespräch hoch und sah einen weißhaarigen Pensionisten vor mir, wie er auf eine Plakette in der Straßenbahn deutete, die auf das Handyverbot in dieser Straßenbahn hinwies. Momentan schluckte ich, aber nicht weil ich das (im Übrigen meiner Meinung nach völlig verzichtbare) Handyverbot übersehen hatte. Nein, ich war einen Moment ziemlich verärgert, weil mich dieser alte Mann einfach angefasst hatte: mich, quasi eine ihm völlig fremde Frau. Ich tat dann das, was in dieser Situation als Einziges angebracht war. Ich setzte mein Telefonat keck fort und ging einem Streit mit diesem komischen Senior aus dem Weg. Fraglos keine wirklich dramatische Situation, aber zweifellos eine „Grenzverletzung“, die ich mir nicht bieten lassen muss…

Grenzverletzungen – wir sind ihnen in unserem Leben immer wieder ausgesetzt. Von Kindesbeinen an ist es notwendig sich von manchen Menschen abzugrenzen: weil wir sonst verletzt werden und das manchmal massiv. Den Leuten in unserem Umfeld, die nicht in der Lage sind unsere Privatsphäre zu respektieren, ist es im Grunde völlig egal, dass unsere persönlichen Bereiche schützenswert sind. Sie fahren oft laufend und auf die penetranteste Art und Weise „Angriffe“, gegen die man sich zweifellos wappnen muss. Vertrauensseligkeit, Offenheit und eine gewisse Naivität erweisen sich oftmals als große Hindernisse beim Schutz unserer persönlichen Grenzen. Ich will hier nicht zur Lüge oder zur Isolation aufrufen, aber jeder muss die Intimitäten des eigenen Lebens nun wirklich nicht wissen. Man sollte sich seine Freunde also gut aussuchen, aber wem sage ich das? Selber habe ich auch schon meine blauen Wunder erlebt mit Leuten, die ich für echte Freunde hielt und mit denen ich nun kein Wort mehr rede: weil sie nicht aufhören, sich in mein Leben einzumischen und meine Privatsphäre zu missachten…

Menschen, die sich in das Leben anderer drängen, verschaffen sich nach und nach ganz gezielt Einblick in wichtige Bereiche von deren Leben. Nach meinen Erfahrungen kann ich nur sagen, dass es sich für Verletzbare wie mich empfiehlt, einen kleinen aber feinen Freundeskreis zu pflegen. Auf keinen Fall sollte man sich auf Dauer mit Leuten abgeben, die sich nur Macht über einen verschaffen wollen um einen dann knallhart auszunutzen. Diese Leute sind letztlich sehr einfach zu erkennen: sie stellen immer wieder oft auch sehr private und intime Fragen, horchen einen aus und verstehen es geschickt daraus Rückschlüsse zu ziehen, durch die man nach und nach manipuliert wird und es teilweise gar nicht merkt – bis dann manchmal Kleinigkeiten reichen, das Fass zum Überlaufen zu bringen…

Aber wie mit jenem dreisten alten Mann aus der Geschichte weiter oben kann es einem auch außerhalb des eigentlichen Privatlebens passieren, dass Grenzen verletzt werden. Schikanen am Amt, Mobbing am Arbeitsplatz oder Belästigungen aller Art stellen selbstverständlich auch Grenzverletzungen dar. Aber ob privat oder nicht: manche Menschen wie ich sind anfällig für diese Grenzverletzungen und um schmerzhafte oder unangenehme Situationen zu vermeiden ist es notwendig dass man lernt abzuwehren, wenn einem jemand zu nahe tritt. Das heißt nicht gleich einen Streit provozieren aber zu unterscheiden, wem man vertrauen darf und wem nicht. Und sich nichts gefallen lassen – sei es nun eine freche Anmache oder eine unzulässige Bevormundung. Mit einem Wort: lernen, NEIN zu sagen, das geht dich nichts an. Ich denke, die meisten Leute, die unter stetigen Grenzverletzungen leiden, tragen einen Schuldkomplex mit sich herum und sind extrem harmoniebedürftig. Und da fällt es besonders schwer sich abzugrenzen, weil man es allen Leuten Recht machen will – ich weiß das aus eigener durchaus leidvoller Erfahrung.

Der Punkt ist: die Leute, die einem ständig auf den Schlips treten, die werden sich nicht ändern und die werden nicht dazulernen. Mit ihrer Masche fahren sie meistens ganz gut und sehr erfolgreich. Fast instinktiv haben sie es von Kindesbeinen an verstanden sich mit Tricks und mit wiederholten Grenzverletzungen Vorteile zu verschaffen oder bestimmte Ziele zu erlangen. Und sie wissen genau, bei welchen Leuten derartige „seelische Defekte“ vorliegen, so dass sie leichtes Spiel haben beim Erreichen ihrer Wünsche. Dabei wird auch ganz gezielt in Wunden gestochert – ist mir selber passiert, als ich vor einiger Zeit verkuppelt werden sollte. Man ließ nichts aus um mir mein armes, bedauernswertes Singleleben zu vergegenwärtigen… Allerdings erfolglos, denn der „Kandidat“ war völlig uninteressant für mich und ich ließ mich nicht überzeugen… – Um solche besonders perfiden Grenzverletzungen zu verhindern hilft nur Abgrenzung und Konsequenz. Das bedeutet: man muss sich selber verändern und begreifen, dass man sich nichts gefallen lassen muss, was die ureigensten Bereiche betrifft. Ein schmerzhafter Lernprozess, aber man härtet ab und vor allem: der Freundeskreis schrumpft sich gesund, was nur von Vorteil sein kann.

Zurück zu jenem alten Mann, der sich zu dieser fast vertraulichen wie unangebrachten Geste mir gegenüber hinreißen ließ. Als ich ihn ignorierte und weiter telefonierte wuchs sein Unmut sichtlich bis er ziemlich grantig aus der Straßenbahn ausstieg – ohne sein Ziel erreicht zu haben. Hätte ich ihn auch noch zurechtgewiesen, wäre er wohl vor Empörung explodiert, „weil das doch gar nicht böse gemeint war“. Empfindlichkeit – ein Merkmal der Grenzverletzer, die pausenlos andere brüskieren und beleidigt aufschreien, wenn sich jemand ihnen gegenüber vermeintlich unverschämt benimmt. Dabei bekommen sie in so einem Fall nur die Medizin, die sie verdienen, meine ich. Mancher Grenzverletzer braucht einige solcher Dämpfer um zu erkennen, dass er zu weit gegangen ist. Der eine oder andere begreift es nie, auch wenn er längst kein Leiberl mehr hat – aber solche muss man sich vom Leib halten. Eisern…

© Vivienne

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