Die Rettung

Nun begann es auch noch zu regnen. Thur hatte langsam genug. Vielleicht war er in den letzten Wochen verweichlicht, weil er ein Dach über dem Kopf gehabt hatte. Er hätte sich dran gewöhnen können. Bei seiner Durchreise durch den Ort Aruman hatte er am Brunnen Alina getroffen. Sie war etwas zu klein und mollig für seinen Geschmack, aber sie hatte ihm eine Zimtwaffel geschenkt und ihm eine lustige Geschichte erzählt. Bevor er sich versah, war er ihr nachgelaufen wie ein Hündchen und hatte ihren Korb für sie bis zu ihrer Haustür getragen. Auch Alina schien Gefallen an ihm gefunden zu haben, denn sie bat ihn zu warten und redete so lange auf ihre Eltern ein, bis diese ihm erlaubten, in ihrer Scheune zu übernachten.

Das hatte sie sicherlich einige Mühe gekostet, denn den Söldnern aus dem dritten Krieg gewährte keiner gern Obdach. Vor fünf Jahren hatte König Dagwar junge Männer mit einem hohen Eintrittsgeld in sein Söldnerheer aufgenommen. Alle mussten sich das königliche Wappen in die linke Wange brennen lassen, damit keiner desertieren konnte. Der Eroberungskrieg gegen das Nachbarland Marant um deren Goldminen wurde lang und hart. Zehntausende fielen, bevor nach drei Jahren der Befehl zum endgültigen Rückzug gegeben wurde. Die Söldner zogen zurück und belagerten das königliche Schloss, um ihren schon lange ausstehenden Sold einzufordern. Über Monate sträubte sich der König, bis er schließlich zugeben musste, dass sein Vermögen durch den Krieg geschwunden war und er ihnen nichts würde zahlen können. Die meisten der hintergangenen Söldner zogen daraufhin wutentbrannt wie eine Heuschreckenplage über die Lande. Sie raubten, brandschatzten, vergewaltigten und glaubten sich so holen zu können, was ihnen zustünde.

Viele hatten so gehandelt, aber nicht alle. Thur hatte sich nur eine Zeitlang als Landarbeiter verdingen wollen, bis er genug Geld gespart hätte, um ein kleines Wirtshaus zu eröffnen. Dann wollte er sich eine nette Frau mit warmem Herzen suchen, die ihn zum Lachen brachte.

Aber er hatte merken müssen, dass das Brandmal auf seiner Wange ihn von einer solchen Zukunft ausschloss. Egal, wo er hinkam, niemand sprach mit ihm, niemand wollte ihm Arbeit geben. Zu viele Söldner hatten das Land verwüstet und die Menschen ins Unglück gestürzt. Als Alina ihm begegnet war und er die erste Nacht in der Scheune ihrer Eltern verbracht hatte, hatte er daran geglaubt, dass sich das nun ändern würde. Die Menschen im Dorf würden erkennen, dass er ein netter Kerl war, er würde Arbeit bekommen, Geld sparen, ein Häuschen bauen, Alina heiraten. Alina könnte sich hinter dem Haus ein Gärtchen für ihre Kräuter anlegen, abends würden sie zusammen beim Essen sitzen und sich Geschichten vom Tage erzählen.

Am nächsten Tag war er zum Schmied gegangen, denn er hatte dem Feldschmied einige Male ausgeholfen. Dieser schickte ihn gleich weg, er hätte keine Arbeit für Leute wie ihn. So ging es in den nächsten Wochen überall im Ort. Einige Male ließen ihn ein Handwerker oder ein Bauer ein paar Tage ohne Bezahlung zur Probe arbeiten, um ihn dann mit ein paar höhnischen Bemerkungen wegzuschicken.

Auch Alinas Eltern machten immer mehr Probleme. Alina brachte ihm immer Reste von ihrem eigenen Essen und das, was sie ungesehen im Haus mitnehmen konnte. Wenn sie morgens im Hühnerstall die Eier einsammelte, legte sie ihm immer eines vor die Tür. Wenn ihre Eltern beschäftigt waren, stahl sie sich zu ihm, dann hielten sie Händchen und redeten und küssten sich. Ihre Eltern würden ihn nur akzeptieren, wenn er Arbeit hätte und sie versorgen könnte. Noch einmal ging Thur zu allen Leuten im Dorf, bettelte um Arbeit, um schließlich erkennen zu müssen, dass er hier nie eine Chance haben würde. Er hatte sich von Alina verabschiedet, sie hatte geweint und ihm war das Herz zerbrochen.

Thur musste sich jetzt einen Lagerplatz suchen. Ein paar hundert Meter weiter lag ein kleines Wäldchen. Er zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und beschleunigte seine Schritte. Er fand am Rande des Wäldchens einen kleinen Felsvorsprung, der genug Schutz bot, damit er ausgestreckt im Trockenen schlafen konnte. Thur schüttelte seinen Mantel aus und setzte sich unter den Felsvorsprung. Aus seinem Bündel packte er den Beutel mit Proviant aus, den Alina ihren Eltern zum Abschied noch abgetrotzt hatte. Sie hatte ihm so viel eingepackt, dass er seit drei Tagen davon aß und es würde für weitere drei Tage reichen.

Die Luft war schwül, so dass er sich die Mühe sparte ein Feuer zu machen. Er konnte nicht sagen, dass er sich in diesem Wald wohl fühlte. Es war stiller, als es in Wäldern im Frühling normalerweise war. Die Geräusche stammten alle von dem Regen, der auf den Boden und die Blätter der düsteren alten Bäume prasselte.

Plötzlich fuhr Thur erschreckt auf. Er musste durch das Prasseln ein wenig eingenickt sein. Er hatte im Traum eine Frau schreien gehört. Er schloss die Augen wieder. Bei diesem Wetter konnte er ohnehin nicht weiter ziehen, also konnte er genauso gut schlafen. Aber dann wieder ein Schrei. Er war wach, diesen Schrei konnte er nicht geträumt haben. Er sprang auf, warf sich seinen Mantel über, schnappte sich sein Schwert und rannte in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Nun hörte er noch mehr Geräusche, fluchende Männerstimmen und weitere Schreie der Frau, dann nur noch ihr Wimmern. Thur kannte diese Geräusche, er musste sich beeilen, wenn er der Frau noch rechtzeitig helfen wollte.

Als er auf die Lichtung stürmte, sah er ein anderes Bild als er erwartet hatte. Zwei Männer mit dem Wappen auf der Wange hielten eine bildschöne gefesselte nackte Frau fest und versuchten sie in die Knie zu zwingen. Sie hatten ihr einen Knebel in den Mund gesteckt und die Augen verbunden. Thur hielt inne. Normalerweise mochten es diese Kerle, wenn die Frau zuschauen musste, was man ihr antat. Aber egal, es war klar, was bevorstand.

Thur hatte die Überraschung auf seiner Seite. Noch bevor einer der beiden das Schwert gezogen hatte, hatte Thur dem größeren der beiden seine Klinge durch die Brust gerammt. Der andere ließ die Frau los, die sich auf die Füße rappelte und begann, an ihren Fesseln zu zerren. Sie würde noch kurz auf ihre Befreiung warten müssen, denn inzwischen hatte der dickliche kleine Söldner sein Schwert gezogen und ging auf Thur los. Thur musste sich eingestehen, dass er den Kleinen unterschätzt hatte, denn der reagierte wendig und brachte ihn einige Male in Bedrängnis. Und während des Kampfes schrie er auf Thur ein. „Bruder, du siehst das falsch. Das ist keine Frau, die du retten musst. Rette du dich.“ Und vieles mehr, aber Thur hörte nur mit halbem Ohr zu, denn der Kleine wollte ihn nur ablenken. Als er schließlich einen Angriff von oben ansetzte, lenkte Thur seinen Schlag ab, nutzte die fehlende Deckung und hieb ihm das rechte Bein fast ab. Der Kleine stürzte und begann zu wimmern, aus dem Bein strömte Blut. In einigen Minuten würde er verblutet sein. Im selben Moment hatte sich die Frau von ihrem Knebel befreit und begann um Hilfe zu schreien. Thur überzeugte sich, dass der Söldner keine Gefahr mehr darstellte und kam der Frau zu Hilfe. Er redete beruhigend auf sie ein, während er ihre Fesseln löste. Der Kleine hinter ihm schrie wie am Spieß, er solle aufhören, wenn ihm sein Leben lieb sei, aber Thur ignorierte ihn. Während die Frau nun selbst die Augenbinde löste, warf Thur ihr seinen Mantel über. Er versicherte ihr, dass ihr nun nichts mehr geschehen würde und blickte auf. Sie lächelte und schaute ihn an. Ihre Augen waren rot und ließen ihn erstarren. Sie legte zart eine Hand auf seine Brust und sagte mit sanfter Stimme: „Du hättest auf deinen Freund hören sollen.“

Und im selben Augenblick fühlte es sich an, als ob sich ihre Finger in Thurs Herz gruben. Er konnte seinen Blick nicht von ihren Augen wenden, diese roten Augen machten ihn bewegungsunfähig, während er durch ihre Hand in seinem Herzen schwächer und schwächer wurde. Seine Seele schien durch ihre Finger aus ihm heraus zu fließen. Ihm wurde schwarz vor Augen und mit seinem letzten Atemzug hörte er, wie sie sagte: „Danke, dass du mir den einen noch am Leben gelassen hast. Mit Toten kann ich nichts anfangen.“

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