Du wolltest nie… – Gedankensplitter

Wenn du dein Leben betrachtest.
Dann hast du Dinge gemacht.
Immer.
Die du nie wolltest.
Schon als Kind.
Den Brei essen.
Der so ekelig schmeckte.
Du hast ihn doch gegessen.
Ein paar Ohrfeigen später.
Mit verweintem Gesicht.
Und ausgespukt.
Das hast du ihn nicht mehr.
Danach…
Du hast Stefan geliebt.
Deine erste große Liebe.
Er wollte schlafen mit dir.
Aber du…
Du wolltest nicht.
Noch nicht.
Du hattest noch  nie.
Es war dir zu früh…
Als er meinte.
Er würde dich verlassen.
Für Anna.
Wenn du es nicht tust.
Da hast du deine Beine geöffnet.
Auf seinem schmalen Bett.
Und laut mitgestöhnt.
Obwohl es wehgetan hatte.
So weh.
Dass du am liebsten geschrieen hättest…

Eigentlich.
Wolltest du nur.
Dass sie dich lieben.
Alle.
Und dafür.
Hättest du alles getan.
Dafür hast du.
Viel getan.
Und als du schwanger wurdest.
Von deinem nächsten Freund.
Da schickten dich deine Eltern ins Spital.
Abtreiben.
Die Schule.
Die Matura.
Das willst du doch nicht aufs Spiel setzen?
Wegen dieses Kindes?
Du bist noch jung.
Du kannst noch viele Kinder haben…
Das mochte schon stimmen.
Aber dieses Kind.
Von dem du schon geträumt hattest.
Das fehlt dir dann.
Wie ein Stück von dir selber.
Auch später.
Als du dein erstes Kind bekamst.
Da konntest du nur weinen.
Die Strapazen.
Sagen sie.
Und legten dir das Baby auf die Brust.
Aber du sehntest dich nur.
Nach deinem toten Kind.
Das du nie  haben durftest…

Es wurde nicht anders.
Beim zweiten Kind.
Und manchmal.
Da träumtest du von deinem Baby.
Das man dir genommen hatte.
Mit Gewalt.
Dein Mann.
Er war ja so verständnisvoll.
Und du durftest daheim bleiben.
Wegen der Kinder.
Und als du zum Psychiater musstest.
Weil du nicht mehr schlafen konntest.
Weil du nicht mehr lachen konntest.
Da war er so mitfühlend.
Du musst nur deine Tabletten nehmen.
Dann wirst du wieder gesund.
Die Tabletten waren schlimm.
Sie machten dich müde.
Sie tauchten dich in Nebel.
Aber dass eine Kollegin deinen Mann liebte.
Weil du es nicht mehr konntest.
Das hast du doch gemerkt.
Und das wolltest du nicht…
Geh doch!
Sagte er.
Geh doch!
Du bist nichts ohne mich!
Gar nichts!
Du hast das alles nicht gewollt.
Das du tun musstest.
Dein ganzes Leben…
Auch dass du dich erschossen hast.
Weil du nicht mehr konntest.
Das hast du nicht gewollt.
Nicht wirklich.
Aber irgendwie hat dich nie jemand gefragt.
Irgendwie hattest du nie eine Wahl…

Vivienne/Gedankensplitter

Schreibe einen Kommentar