Ein Fall aus dem wahren Leben…

Teils spöttisch, teils aber auch todernst habe ich in den letzten Wochen und Monaten beleuchtet, wie schnell man als „brave“ Ehefrau in die Abhängigkeit geraten kann. In einer Ehe etwa, die nur mehr zusammenhält, weil es der Frau an den finanziellen Möglichkeiten fehlt, den Schlussstrich zu ziehen – falls sie nicht selbst abserviert und durch eine Jüngere ersetzt wird. Und quasi auf der Straße steht. Vom „Zusammenraufen“ halte ich nicht so viel, meist macht man sich da etwas vor: wegen der Kinder, wegen des Hauses, und, und, und… Mag sein, dass mancher Leser der Meinung ist, dass ich zu extreme Ansichten vertrete, aber gerade heute in meinem „richtigen“ Job bekam ich durch einen glücklichen Zufall eine Stimme „aus dem Volk“ ans Telefon, die mir ihre Lebensgeschichte erzählte – einen Fall aus dem wahren Leben…

Die Frau, eine Niederösterreicherin, mit der ich beruflich zu tun hatte, war in einer gewissen Redelaune und es ergab sich, dass sie begann, mir von ihrer geschiedenen, immerhin dreißigjährigen Ehe zu berichten, in der sie wie ein unglücklicher Vogel im goldenen Käfig saß… Arbeiten gehen durfte sie – ich nenne sie der Einfachheit halber Helga – in der Ehe nicht. „Das musst du nicht!“ meinte der Göttergatte. „Ich verdiene genug und du sollst ein schönes Leben haben!“ Wie fragwürdig schön das Leben, das sie tagsüber mit Putzen und Kochen verbrachte, war, wurde Helga schnell bewusst. Bei Entscheidungen aller Art ließ sie ihr Mann nicht zu Wort kommen. „Ich bringe das Geld heim, ich bestimme, was passiert!“ Ob der Urlaub nun nach Caorle oder in die Berge ging, irgendwann nervte Helga, dass sie sich so gar nicht einbringen durfte, und dass sie sich in gewisser Weise nicht nur im Ehealltag langweilte sondern ihr Tagewerk auch unbefriedigt verrichtete…

„Ich wurde beneidet! Stellen Sie sich das vor!“ konnte Helga auch heute im Telefonat mir gegenüber nur den Kopf schütteln. „Ein schönes Haus mit Garten hatte mein Mann im Lauf der Jahre geschaffen. Aber was wussten die Leute schon, ich war unglücklich, sehr unglücklich. Und wäre nicht meine Tochter gewesen, hätte ich viel früher den Hut drauf gehaut!“ Sie begann sich ein wenig eigenes Geld auf Flohmärkten und mit so genannten „Partys“ für Spezialprodukte zu verdienen. Mit diesem Geld machte sie ohne Wissen des Mannes den Führerschein – ihr Mann befand sich in der Zeit häufig auf Geschäftsreisen, darum konnte sie das geheim halten. Als Helga ihm schließlich stolz den Führerschein präsentierte, spöttelte er: „Wo hast denn den gekauft?“ Als sich der rosa Schein aber trotz genauer Kontrolle als echt erwies, meinte er nur lakonisch: „Nutzt dir ohnehin nichts, denn mit meinem Auto fährst du nicht!“

Dass Helga trotzdem ihren Führerschein bald nutzen konnte, hatte sie ihrer Mutter zu verdanken, die ihr ein Billigfahrzeug um damals 18.000,– Schilling schenkte. So konnte sie die nötige Fahrpraxis erwerben, und heute ist Helga eine geübte Fahrerin. Als die Tochter das Studium abgeschlossen hatte, zog sie den Schlussstrich unter ihre schlechte Ehe. Aufgrund ihrer „Emanzipation“ war das Klima daheim beständig schlechter geworden und ihr Mann drohte Helga immer wieder, er würde ihr jeden Neuanfang kaputt machen. Mit Hilfe von Freunden machte sie ihm aber einen Strich durch die Rechnung. Sie zog in einen anderen Bezirk, und kam zu einer kleinen Wohnung. „Jetzt nannte ich endlich etwas mein eigen! Jetzt konnte ich einmal nach meinem eigenen Gutdünken verfahren: einrichten, ausmalen,… Ich war so stolz!“ Mit Recht, denn Helga hatte hart kämpfen müssen dafür. Nach einer Reihe von Prozessen musste ihr Ex-Mann Unterhalt zahlen. Er entzog sich dieser Pflicht, in dem er kündigte und stempeln ging. Wegen seines unantastbaren Privatvermögens konnte er sich das auch leisten…

Helga ging trotzdem nicht unter. Mit einer Reihe von Nebenjobs (hauptsächlich Putzen und Bügeln) hielt und hält sie sich über Wasser. Und auch die Liebe ist wieder eingekehrt in ihr Leben. Wobei Helga im Gespräch mit mir eines hervorhob: „Jetzt gibt es ein „Wir“ und nicht mehr wie in meiner Ehe ein „ICH“ – ich bestimme, denn ich habe das Geld. Wichtig ist mir, dass mein Freund und ich getrennte Wohnungen haben und dass wir alle Entscheidungen gemeinsam treffen. Jeder gibt ein wenig nach.“ – Diese Geschichte könnte fast von mir erfunden worden sein, so sehr trifft sie den Kern meiner Philosophie. Aber ich habe nichts überzeichnet oder verändert sondern im Wesentlichen die Worte der Niederösterreicherin in eine leserliche Form gebracht.

Natürlich muss es nicht immer so laufen, der eine oder die andere wird vielleicht meinen, dass es Helga nur falsch angestellt hat und dass sie vielleicht gar nicht gewusst hat, wie gut es ihr eigentlich geht. Aber nicht jede Pflanze verträgt dasselbe Klima und genau aus dem Grund wurde Helga in dieser Ehe auch nicht glücklich. Unabhängigkeit und ihr eigenes Geld zu verdienen und auszugeben waren ihr wichtiger als teure Urlaube und schicke Kleider, die der Mann bezahlte. Und der durch das Geld auch das Diktat an sich riss… Wenn sie mich fragen, ist Helgas Mann auch nur ein Komplexler, der seine eigenen Minderwertigkeitsgefühle durch die „Unterdrückung“ seiner Frau kompensieren wollte. Im Grunde durchaus nur eine arme Sau, das stimmt schon, aber gerade so einem sollte man sich nicht ausliefern – nicht für den Rest seines Lebens. Sonst bleibt man auf der Strecke…

© Vivienne

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