Er sieht dich an.
Kopfschüttelnd.
Ungläubiges Staunen in den Augen.
Eben noch.
Hielt er dich im Arm.
Tröstete dich.
Während du geweint hast.
Lauthals.
Nun sind die Tränen getrocknet.
Und er zeigt dir die Tabletten.
In dem Fläschchen.
Er hält sie vor dich hin.
Unerbittlich.
Und schließlich fragt er.
Warum?
Warum?
Verzweiflung liegt in seiner Stimme.
Nichtverstehen…
Wieder ein paar Tränen.
Du blickst zu Boden.
Schuldbewusst.
Wie sollst du es ihm erklären?
Wie?
Dass du sie nehmen wolltest?
Alle auf einmal?
Es liegt nicht an ihm.
Er war ja gut zu dir.
Nicht wahr?
Wie sollst du es sagen?
Dass du dich alleine gefühlt hast?
Immer?
Auch in seiner Gegenwart?
Dass das immer schon so war.
Fast immer.
Seit du ein Kind warst.
Und du dir vorgestellt hast.
Du würdest aus dem Fenster springen.
Im vierten Stock.
Und wie das wohl wäre.
Wenn du aufhören würdest.
Zu sein…
Wie sollst du es sagen?
Dass ein alter Onkel dir weh tat?
Wie man einem Kind nur weh tun kann?
Dass er das Vertrauen tötete.
In dir.
Und den Glauben an das Gute.
Oder dass deine Eltern dich beschützen.
Immer.
Sie konnten es nicht.
Sie ahnten nichts.
Was der alte Mann gemacht hat.
Mit dir.
Bis er starb…
Und da warst du so froh!
Die Kälte hielt dich fest.
Dennoch.
Du hast die Liebe gesucht.
Und nie gefunden.
Liebe und Wärme.
Und auch wenn er dich hielt.
So wie eben jetzt.
Spürtest du die Kälte in dir.
Und den Tod.
Das Schweigen des Todes.
Du durftest nie schreien.
Wenn dir der Onkel weh tat.
Und du hast verlernt zu reden.
Zu reden.
Was du fühlst.
Zu reden.
Was dich schmerzt.
Zu reden.
Dass du sterben möchtest.
Manchmal.
Oft…
Und auf einmal.
Beginnst du zu sprechen.
Ohne Zusammenhang.
Zuerst.
Wie ein Kind.
Stockend.
Ängstlich.
Als wäre der Alte noch immer da…
Vivienne/Gedankensplitter