Er braucht dich nicht mehr – Gedankensplitter

Dein Sohn.
Dein einziges Kind.
Du hast ihn großgezogen.
Unter Entbehrungen.
Versorgt von deiner Mutter.
Und du ginst arbeiten.
In der Fabrik.
Dein Freund.
Er hatte dich verlassen.
Bevor der Kleine geboren wurde.
Alimente gezahlt.
Hat er nie.
Arbeitslos.
Weil es so einfacher war.
Für ihn.
Du hast es trotzdem geschafft.
Irgendwie.
Und verliebt.
Hast du dich nicht mehr.
Nein.
Vor lauter Arbeit.
War keine Zeit dafür.
Aber da war dein Sohn.
Musterschüler.
Begabt.
Das einzige männliche Wesen.
Das dein Herz wärmte.

Du siehst in den Spiegel.
Verhärmt siehst du aus.
Und deine Haare sind grau geworden.
Älter wirkst du.
Als du bist.
Dabei.
Wirst du erst 53.
Im Oktober.
Färb dir doch die Haare!
Meinte dein Sohn.
Und schmink dich ein wenig.
Das wirkt Wunder!

Er hat dich angelächelt.
Tu dir doch was Gutes.
Schau einmal auf dich.
In all den Jahren.
Warst du für mich alleine da.
Jetzt.
Spendier ich dir etwas.
Und du wirst dich jünger fühlen.
Und vitaler!

Du könntest schreien.
Und nur mehr weinen…
Dein Sohn.
Er geht ins Ausland.
Nach Berlin.
Ein toller Job.
Erwartet ihn.
Und du.
Wirst ihn lange nicht sehen.
Vielleicht zu Weihnachten…
Vielleicht…

Ein Hoffnungsschimmer.
Du freust dich drauf.
Aber du kämpfst mit den Tränen.
Dein Sohn.
Er braucht dich nicht mehr.
Er hat eine Freundin.
Die ihm folgt.
In sein neues Domizil.
Auch wenn er dich liebt.
Und er sagt.
Ich rufe dich an.
So oft es geht.
Ich denke an dich.
Jeden Tag.

Du wirst mir fehlen…
Jetzt weinst du doch.
Du solltest nicht selbstsüchtig sein.
Und dich freuen für ihn.
Aber du…
Du bist jetzt allein.
Dein Lebenssinn.
Er ist gegangen.
Einsamkeit.
Dein neuer Gefährte.
Aber warst du nicht alleine?
Die ganzen Jahre schon?
Die du dich aufgeopfert hast?
Für deinen Sohn?

Vivienne/Gedankensplitter

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