Fall Krems – Die Geschichte von der Notwehr

Der Fall Krems – auch durch Webmaster Pedros Beitrag „Gedanken zum Todesfall in Krems“ sind die Fakten den Bohnelesern hinlänglich bekannt – hat nun eine neue, fast möchte ich sagen, pikante Wendung genommen. Die Geschichte von der „Notwehr“, mit der die beiden Beamten in der Causa versucht hatten, ihre offensichtlichen Verhaltensfehler zu bemänteln, lässt sich nun nicht mehr länger aufrecht halten. Nach dem Lokalaugenschein werden die Opferanwälte und der Sprecher der Staatsanwaltschaft in einer APA-Aussendung zitiert: die Sicht in jener Nacht im Merkur-Markt war gut und durch den Treffer in den Rücken des jugendlichen Verbrechers stand die Behauptung der Polizisten von Anfang an auf wackeligen Beinen. Notwehr sieht anders aus…

Dieser Kriminalfall hat von Anfang an die Meinung der Öffentlichkeit polarisiert. Ich bezweifle gar nicht, dass man als Mitglied der Exekutive keinen einfachen Job tut und sich durch unpopuläre Maßnahmen oder etwa auch bei Alko- oder Geschwindigkeitskontrollen nicht unbedingt den Nimbus eines „Freund und Helfers“ erwirbt. Amtshandlungen bei übel beleumundeten Familien in desolaten Verhältnissen, Streitereien mit Betrunkenen aber auch immer wieder Fälle, in denen Gefahr, wenn nicht sogar Lebensgefahr herrscht – so sieht der Alltag eines Polizeibeamten, eines „Kieberers“ aus. Ein nicht übermäßig gut bezahlter Posten, schlechte Arbeitszeiten und Schwierigkeiten, ein halbwegs intaktes Privatleben aufrecht zu halten – damit muss man oder frau sich als Mitglied der Exekutive von Anfang an auseinandersetzen. Honiglecken ist der Job also sicher keiner, und manch einer büßt im Zuge seiner Laufbahn jede Menge Idealismus ein, stumpft ab und macht Dienst nach Vorschrift – weil er eh nichts ändern kann.

Soll also keiner behaupten, dass ich nicht versucht habe mich in das Berufsfeld „Polizist“ zu vertiefen. Andererseits wurde, und das muss ganz klar gesagt werden, bei jenem Einsatz im Merkur-Markt Krems ein Routinefall ziemlich verbockt. Angesichts des tödlichen Treffers in den Rücken trotzdem von Anfang an auf Notwehr zu plädieren, war meiner Meinung nach nicht klug. Vielmehr wäre es sinnvoll gewesen, wenn der unglückliche Schütze (und ich tippe dabei auf die Beamtin) gleich Farbe bekannt hätte. Für mich hat sich von Anfang an aufgedrängt, dass da einer der beiden Polizisten (oder beide)die Nerven weggeworfen hat(ben), der Situation nicht gewachsen war(en) und die Schüsse – vermutlich weit eher als Schreckschüsse gedacht – gar nicht treffen hätten sollen. Zumindest nicht letal – man wollte die Einbrecher wohl in erster Linie von der Flucht abhalten…

In der öffentlichen Meinung wurde im Zusammenhang mit dieser Causa den beiden Exekutivebeamten durchaus zahlreich der Rücken gestärkt. Gerade im Hinblick auf die kleinkriminelle Vergangenheit der beiden Burschen gab es verzichtbare Wortspenden. Dieb hin oder her, und ich bezweifle nicht, dass die zwei Teenager vor einer „viel versprechenden“ kriminellen Karriere gestanden sind: aber ich kann nicht zwei Einbrecher einfach erschießen bzw. krankenhausreif verletzen, die niemanden bedrohen sondern einfach davonlaufen. Das desolate Elternhaus und auch das interessante Vorstrafenregister der beiden sind dabei völlig irrerelevant. Als Polizist sollte mir in so einer Situation eigentlich bewusst sein, dass ich nicht planlos schießen kann. Ich bezweifle gar nicht, dass der Tod des besagten Vierzehnjährigen nicht gewollt war. Aber in welchem Rechtssystem leben wir, wenn ein minderjähriger Kleinkrimineller quasi zum Abschuss freigegeben wird und woanders Aktionen unreifer „Wiederbetätiger“ als „Lausbubenstreiche“ bagatellisiert werden?

In jener Nacht in Krems ist eine schlimme Sache vor sich gegangen, eine Nacht, die keiner der Beteiligten je vergessen wird. Der bewusste Polizeibeamte muss mit seiner Schuld leben, die ihm niemand abnehmen kann, während sich der überlebende jugendliche Einbrecher vielleicht in seiner neuen Rolle als Opfer gefällt. Vielleicht nimmt er die Nacht aber auch zum Anlass, über sein Leben nachzudenken und über den Freund, den er verloren hat. Dann war dessen Tod vielleicht nicht völlig sinnlos. Das hoffe ich auch im Hinblick auf die Exekutive, die ihre Leute noch besser (vor allem psychologisch) schulen und vorbereiten könnte auf schwierige Situationen wie diese. Wenn einem die Übersicht fehlt, kann man leicht falsch reagieren, und manches lässt sich unglücklicherweise nicht wieder rückgängig machen. Dann sollte man aber auch offen dazu stehen – und die Konsequenzen tragen. Mit Ausreden oder Beschönigungen des Verlaufs einer derart tragischen Geschichte erreicht man dann oft genau das Gegenteil…

© Vivienne

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