Gesunder Egoismus – Blickwinkel

Von Freunden wurde mir in Zusammenhang mit meiner psychischen Verfassung vereinzelt das Fehlen eines „gesunden Egoismus“ nachgesagt. Kann da etwas dran sein …?

Der Begriff des Egoismus ist aus meiner Sicht keinesfalls positiv belegt und betitelt die Charaktereigenschaft von Menschen, die nur auf sich selbst bezogen leben und die Bedürfnisse der anderen nicht ausreichend berücksichtigen wollen. Es gibt aber keine exakte Definition ab welchem Zeitpunkt zu viel oder zu wenig auf sich selbst geachtet wird, da diese Beurteilung auch Ermessenssache ist. Dann trifft man fallweise auf Zeitgenossen, die verkünden dass sie stolz darauf wären sich als Egoisten bezeichnen zu können. Jene Menschen sind mir seit jeher suspekt, sollen aber auch nicht das Thema dieses Beitrages sein.

Ich habe in einem ersten Schritt den Versuch unternommen im Internet herauszufinden, was die Psychologie denn unter dem sogenannten „gesunden Egoismus“ verstehen würde.

  • „An sich selbst zu glauben und das Leben zu führen, das man führen will, ist eine Form von gesundem Egoismus.“ (lt. psychotipps.com)
  • „Immer wach und aufmerksam sein, was die eigene Motivation angeht. Mache ich etwas, weil ich einen Vorteil für mich erhoffe? Dann ist das der falsche Egoismus.“ (lt. evidero.de)
  • „Manchmal ist es aber sehr hilfreich, einen gesunden Egoismus zu entwickeln, denn wer nie an sich selbst denkt, sondern immer nur an andere Menschen, läuft Gefahr, irgendwann auf der Strecke zu bleiben.“ (lt. paradisi.de)

Den vorgestellten Botschaften möchte ich eigentlich grundsätzlich nichts entgegenhalten. Ansprechend empfinde ich vorallem die Aussage, dass eine Gesellschaft das Vorhandensein sozial gesunder Individuen erfordert.

Wie kommen nun aber Menschen, die mich durchaus gut kennen, darauf bei mir einen fehlenden gesunden Egoismus zu erkennen? Es gibt natürlich keinerlei exakte Abgrenzung innerhalb des egoistischen Spektrums. Im Grunde genommen meine ich sogar, dass dies jeder auf seine Art ein wenig anders sehen wird. Ich glaube zwar nicht, dass ich „nur für andere“ lebe, aber ich bin nicht in der Lage einen Konflikt auszutragen und ziehe mich aufgrund meines friedvollen Wesens oftmals sehr rasch zurück. Weiters gestehe ich ein, dass es mir wichtig ist wie ich in der Gesellschaft wahrgenommen werde. Durchaus problematisch könnte es bei der Frage werden, wiesehr ich zu „meinem Ich“ stehe und welche Hintergründe sich hinter den sozialen Mankos verbergen. Die von mir ungewollt nach Außen gelebte Fassade des vermeintlich selbstsicheren Pragmatikers entspricht keinesfalls der Realität.

Natürlich war ich in meinem Leben schon des öfteren mit Menschen konfrontiert, die in selbstverliebter und narzisstischer Form ihren eigenen Vorteil auf ein Podest gestellt haben. Dazu gehört oftmals auch das ausnützen anderer Menschen und rücksichtloses agieren. Nur allzu gerne werden von den handelnden Personen dabei die Fakten verdreht um sich selbst keinen Vorwurf ausetzen zu müssen. Nicht selten habe ich mitgespielt, wenn andere ihre Interessen durchgesetzt und die meinen negiert haben.

Auch wenn mich ein solche Verhalten innerlich wütend macht und meine Gedankenwelt belastet habe ich dies selten bis gar nicht zum Ausdruck gebracht. Um den Frieden zu wahren wird dann auch in Kauf genommen, dass man selbst den Kürzeren zieht. Hatte ich es in diesem Fall mit Egoismus oder gesundem Egoismus zutun? Ich denke wohl doch, dass es eindeutig ersteres war …

Ich verstehe die Aussage meiner Freunde durchaus und möchte mich mit der Frage des gesunden Egoismus im Zuge der Psychotherapie auseinandersetzen. Es kann und darf nicht darauf hinauslaufen, dass ich dann jene Charaktereigenschaften annehme, die ich derzeit verurteile. Aber es ist wichtig die soziale Balance wieder herzustellen. In einem ersten Schritt wird es notwendig sein auf die Unstimmigkeiten hinzuweisen und zu ihnen zu stehen.

Pedro

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Ein Kommentar

  • Vivienne

    Man kann durchaus davon sprechen, dass es dir an „gesundem Egoismus“ fehlt – auf dich schaust dich wirklich zuletzt und ich habe deine Hilfsbereitschaft schon oft schätzen gelernt. Berechnend bist du nicht wirklich oder wohl nur in dem Maße, unangenehmen Gesprächsentwicklungen aus dem Weg zu gehen… Manche Leute würden ganz schön schauen, wenn du dein Verhalten diesbezüglich ändern würdest – was aber gar nicht so einfach ist, da du es verinnerlicht hast!

    LG Silvia

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