„Harry Potter, Teil 6“ – Buchkritik

Dieses Buch ist absolut empfehlenswert! Im Gegensatz zu Teil 5 ist es weniger verwirrend und umfangreich (etwa 400 Seiten weniger), jedoch fast genau so spannend. Der Inhalt ist klarer, man kann ihm besser folgen. Die Autorin besticht durch sehr gute Phantasie bis ins kleinste Detail, die sich durch alle Teile zieht, so dass man die Erinnerungen und das ‚Wissen’ immer in den nächsten Band mitnehmen kann. Auch hier sind scheinbar unwesentliche Situationen bis ins Kleinste beschrieben, was aber weniger langweilt, als das eigene Vorstellungsvermögen gewaltig anregt, quasi im Kopf schon den Film vor sich ablaufen zu sehen. Man wird fast eins mit Harry, der in diesem Teil beruhigender Weise weniger leidet als in Teil 5 und sich lediglich auf seinen – und den des Schulleiters, seines größten Helfers – großen finalen Kampf mit dem Bösen Voldemort vorbereitet.

Ziemlich am Anfang wird man – fast enttäuschend, weil die Spannung etwas genommen wird, und etwas ungewöhnlich für die Autorin, die Weltmeisterin darin ist, den Leser fürs erste in die Irre zu führen – damit konfrontiert, dass einer der engsten Vertrauten des Schulleiters, Professor Snape, ein Spion Voldemorts ist. Hier hofft man noch immer, dass er diese Rolle nur spielt und doch auf der guten Seite ist. Obwohl in den beiden Büchern, die ich bis jetzt gelesen habe, dieser Professor Harry absolut verhasst ist, so hatte ich in den Verfilmungen von Teil 1 – 4 doch eher den Eindruck, es mit einem rauen, aber guten Mann zu tun zu haben, in dem Harry immer irrtümlich den Feind sieht.

Man erfährt hier auch schon am Anfang, dass der Sohn des bösen Lehrers und Todessers Malfoy, der inzwischen im Gefängnis von Askaban seine Tage fristet, an die Stelle seines Vaters getreten ist und von Voldemort den Auftrag bekommen hat, den Schuleiter, der in Sachen Zauberkunst die einzige Hilfe für Harry gegen seinen Todfeind zu sein scheint, zu töten, während Snape Malfoys Mutter versprechen muss, ihm dabei zu helfen.

Voldemort ist stärker denn je und mordet mit seinen unzähligen Helfern fleißig durch die Gegend, selbst durch die ‚Muggelwelt’, während alle Guten nur ängstlich darauf warten, die nächsten zu sein. Harry kommt durch Zufall in den Besitz des Buches eines so genannten Halbblutprinzen, dessen Tipps ihm quer durch diesen Band eine große Hilfe sind. Erst am Ende wird die wahre Identität dieses Prinzen geklärt – es ist Professor Snape!

Es kommt hier auch zu 2 kleinen Lovestorys der Hauptdarsteller. Während sich Harry in die Schwester seines besten Freundes Ron verliebt, die jedoch alle möglichen anderen Burschen im Kopf zu haben scheint, sieht er ohnehin keine Chance, weil er nicht an Rons ‚Segen’ zu dieser Beziehung glaubt. Diese Liebe wird ihm jedoch später noch gegönnt, während er sie aber ganz am Schluss selber beendet, um seine Freundin zu schützen, wie er glaubt. Es gibt ein wenig Romantik, gegen die ich zumindest nicht abgeneigt bin.

Gleichzeitig wird klar, dass – wie man vielleicht schon öfter vermuten konnte – Ron und Hermine, die Dritte im Bunde, ineinander verliebt sind. Nur Ron, ein manchmal etwas verdrehter Kerl, kann ihr die Beziehung, zu einem Jungen aus einer anderen Schule in Teil 4 (Der Feuerkelch), von der man laut Film nicht einmal weiß, ob man es überhaupt eine solche nennen kann, nicht verzeihen und beginnt aus Trotz und Rache – zu Hermines größtem Ärger – mit einem anderen Mädchen zu gehen, das selbstverständlich blöd, lästig und zu anhänglich ist. Als Ron die Beziehung endlich beendet, beschränkt er sich aber doch auf eine reine Freundschaft mit Hermine, was beiden trotz Verliebtheit zu genügen scheint.

Harry ist in diesem Band involviert bei Schulleiter Dumbledores Suche nach Voldemorts Vergangenheit, in der der einzige Schlüssel zum Sieg über ihn zu liegen scheint. Sie stoßen auf die beunruhigende Tatsache, dass es quasi mehrere ‚Seelen’ Voldemorts gibt, die jeweils extrem gut versteckt und durch Zauber geschützt sind. Nur müssen alle vernichtet werden, um den Dunklen Lord besiegen zu können. Dumbeldore scheint alt geworden und schwer angeschlagen, durch die aktuelle Aufgabe zusätzlich geschwächt. Harrys ständige Anklagen von Snape und Malfoy ignoriert sein väterlicher Schulleiter, im größten Vertrauen auf Snape – von dem Harry später erfährt, dass er Mitschuld am Tod seiner Eltern trägt. Und Malfoy hält Dumbledore für ungefährlich.

Im großen Finale, wo ein erbitterter Kampf Gut gegen Böse stattfindet, zwingt der Schulleiter Harry mit einem Zauber, der ihn vielleicht schützen sollte, Dumbledore aber gleichzeitig die Möglichkeit zur Verteidigung nahm, seinen Tod mitanzusehen. Ein schwerer Schlag für den Leser, selbst für den erwachsenen. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Tatsächlich hatte Malfoy – wohl doch nicht durch und durch schlecht – nicht den Mut gehabt oder es nicht übers Herz gebracht, dem völlig wehrlosen Schulleiter das Leben zu nehmen, um in Voldemorts Ansehen zu steigen, sodass Snape, wie versprochen, eingeschritten war, es für ihn erledigt hatte und danach mit dem Jungen geflüchtet war. Man – viel mehr ich oder der traurige und enttäuschte Leser – trägt jedoch die Hoffnung weiter, dass alles nur eine Art Abmachung zwischen Schulleiter und Snape ist und der liebe gute alte Dumbledore in Teil 7 wieder auftaucht.

All zu große Hoffnungen habe ich aber nicht, obwohl überraschende Wendungen und hinters Licht geführt zu werden zum Stil der Autorin passen würden. Gleichzeitig hat sie aber auch, wie es scheint, eine Vorliebe für schlechte Enden. Man munkelt sogar darüber, und schließt Wetten ab, dass Harry selbst in Teil 7 – dem letzten laut Autorin – sein Leben lassen muss, was mir gar keine große Lust aufs Lesen macht, um ehrlich zu sein. Wer will schon das Böse siegen sehen? Das belastet nicht nur Kinder. Meiner Meinung nach wäre immerhin genug Stoff da, um Dumbledore wieder ‚auferstehen’ zu lassen, Snapes Namen reinzuwaschen und Harry über Voldemort siegen zu lassen, wenn J. K. Rowling das möchte. Tatsächlich fällt mir allein die Vorstellung schwer, dass alles Gelesene um Harry Potter nicht irgendwo auf der Welt passiert ist, sondern nur dem Gehirn einer außergewöhnlich phantasievollen Frau entspringt, die jetzt gerade, während Sie das lesen, vielleicht noch nicht einmal weiß, ob ‚sie’ Harry am Leben lässt oder wer ihn töten wird. Selbst ihre offenbar bewusste Distanz zu gewünschten Happy Ends scheint ein Zeichen für das tägliche Leben zu sein, indem oft nicht das Gute, sondern das Böse siegt. Ich werde noch eine Weile brauchen, mich wachzurütteln und im normalen Leben weiterzumachen, abseits der Vorstellung von Zauberei….

(C) Sarkastika

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