Modder – Lit-Split

Nordseewogen. Möwengekreische. Grauverhangener Himmel. Knirschender Sand zwischen den Zehen. Weit draußen ist ein Nebelhorn zu hören. „Die See im Winter?“, hatte sie gefragt und dabei ziemlich ungläubig geschaut. Er hatte keine Antwort gegeben, einfach nur weiter gepackt. Später, als sie nicht aufhören wollte mit ihrem Geplapper, hatte er ihr versichert, dass es nur für ein paar Tage sein würde, sein müsse! Sie würden den ICE und dann die Hindenburgbahn nehmen.
Sylt konnte schön sein. Selbst im Winter konnte dieses Nordfriesland schön sein

Ebbe. Der Kadaver einer Kegelrobbe zieht ihn in Bann. Sie dürfte hier noch nicht allzu lange liegen, denkt er. Der Moddergestank hielt sich noch in Grenzen.
Wann, noch einmal, tritt eigentlich nach dem Tod die Verwesung ein? Nach Tagen, Stunden, schon Minuten? War doch wohl nur von der augenblicklichen Kälte der Luft abhängig.
Beim Gedanken an stinkend Verwesendes schüttelt es ihn ein wenig.

Dabei, er hat tote Körper schon so oft gesehen. Früher, bei der Mordkommision in Hamburg beinahe täglich.
Tote Körper und ihre finsteren Geschichten hatten ihn schließlich erst zu dem gemacht, was er heute war.
Ja, durch die Umstände, in denen sie verblichen waren, hatten sie ihn zu einer beachteten Respektsperson gemacht. Es waren zahlreiche Tote und zahlreiche Schicksale.

Nun lag hier ein Tier um das sich wohl nur die Seehundaufzuchtstation Gedanken machen müsste.
Um den Kadaver eines Mannes und einer Frau in den besten Jahren, würde sich hingegen ein Kommissariat vom Festland kümmern müssen.
Weder Kegelrobbe noch die Frühverstorbenen würden von deren Bemühen wirklich Nutzen ziehen. Eher schon die damit Befassten. Und diese auch nur in beruflicher Hinsicht.

Mit den nackten Füßen, Schuhe und Strümpfe in den Händen, berührt er mehrmals den leblosen Kolloss. Professionelle Neugierde erfasst ihn nun.
Der Körper dürfte etwa 300 Kilogramm wiegen. Das Tier hatte wohl etwas über zwei Meter. Eigentlich doch kein Jüngling? Todesursache und Todeszeitpunkt? Ein Schiffspropeller wohl sehr viel eher als ein Geschoss aus einer Handfeuerwaffe. Und bestimmt länger her als nur ein paar Stunden.

Möwen hatten sich schon an ihm bedient, hatten doch kräftige Schnäbelhiebe tiefe Spuren in der Haut hinterlassen. Er hatte die frechen Vögel wohl durch sein Nahen erst verjagt.
Mit Robben oder Vögeln kannte er sich nicht so sehr aus, obwohl er kurz nach der Beförderung zum Anwärter auf den gehobenen Dienst, in den Norden versetzt worden war und dann bis zur Beförderung zum „Ersten-Kriminal-Hauptkommissar“dort auch noch weiter seinen Dienst beim Morddezernat versah.
Ganz plötzlich, für ihn allerdings nicht unerwartet, seine Ernennung zum Kriminal-Direktor. Und ein geräumiges Dienstzimmer im Präsidium.
Seine Parteizugehörigkeit hatte sich neben seiner auch ganz oben wohl nicht zu übersehenden Diensteifrigkeit, doch noch ausgezahlt.

Der Nebel hatte sich nicht wirklich gelichtet. Die Sonne nur ein heller Fleck. Sehr seltsam, so denkt er, wenn sich der Horizont nicht als schmaler Strich abhebt, eine wirkliche Linie nicht zu sehen ist, spielen einem die Sinne doch tatsächlich einen Streich. Alles wird auf einmal so unwahr, so phantastisch, unendlich leer.
Die tote Robbe hatte ihn aber doch nochmal ins Hier und Jetzt zurück gebracht.

Tote Robben wie diese hier, liegen wahrscheinlich jetzt täglich am Strand. Ja, Seehundstaupe hatte der Tagesschausprecher wohl gemeint. Würde dieses Virus auch auf den Menschen überspringen können?
Auf einmal hat er das Gefühl, dass seine Zehen langsam absterben. Im Januar einen Barfußgang den Strand entlang? Wohl doch ein ziemlich blöder Einfall.
Aber wohl nicht so sehr blöd, wie Biggys Erklärung.

Rolf hatte nur gelacht. Ihn ausgelacht. Ihn einen verknöcherten Polizistenarsch genannt. Dem seine Karriere über alles ging. Sogar über die eigene Familie. Vielleich hatte er ja sogar Recht damit gehabt. Und auch mit der Bemerkung Biggys konnte er doch eigentlich gut leben. Das Dingelchen wäre noch lange kein Beweis. Und dass er es gefunden hatte, ausgerechnet in Rolfs Auto?

Dieses Dingelchen hatte sie ja nun getragen, aber zu glauben, sie hätte es mit Rolf im Auto getrieben? Ob er wohl spinne? Ja, warscheinlich sponn er und spinnt auch noch jetzt. Wie kam ein Genitalschmuckstück von Biggy in Rolf s Auto? Und warum musste ausgerechnet er es dann auch noch finden? Im Benz seines besten Freundes, den er sich nur mal kurz zur Fahrt nach Hörnum ausgeliehen hatte?

Sie hatte noch gemeint, dass sie es Rolf nur mal zeigen wollte. Rolfs Frau Hanne wäre sicherlich auch an einem solchen Dingelchen interessiert. Bloss, warum sie es dann nicht nur Rolfs Frau zeigen konnte, hatte er sie gefragt.
Hanne kam einfach partout nicht aus ihrer Praxis weg. Eine Überraschung sollte es auch noch sein, hatte sie gemeint. Rolf wollte Hanne damit überraschen. Sie konnte ihm beinahe alles erzählen, doch ihr eigensinniger Blick hatte sie dann doch noch verraten.

Rolf hatte bei seiner Größe wohl gute 20 Kilo Übergewicht. Im Vergleich mit dieser Robbe da, ein Leichtgewicht. Biggy hatte sich trotz ihrer nun auch schon Fünfzig Lenze, ihre Kleidergröße 38 beinahe sprichwörtlich erhungert.

In drei Stunden würde die Flut einsetzen. Die Robbe würde in der Dünung dümpeln, wenn sie nicht schon vorher geborgen würde. Jedoch war von den Strandaufsehern oder der Aufzuchtstation noch nirgendwo etwas zu sehen.

Langsam, beinahe bedächtig geht er zu dem Reetdachhäuschen zurück, das Rolf noch zu Zeiten der normalen Verhältnisse auf der Insel von einem pensionierten Kapitän zu einem absoluten Freundschaftspreis erworben hatte. Und vor dem nun ein blaublinkender Streifenwagen und die beiden Leichenwagen stehen. Beiläufig nimmt er nun Hanne`s Mini und auch Hanne selber vor diesem wahr. Gerade sie hatte er heute nicht erwarten können.

Einer von mehreren dort lauernden Polizisten spricht ihn sofort scharf an, fordert gar seine Dienstwaffe. Und der kennt doch ihn und seinen Namen.

© chefschlumpf 03.04.2021

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