Sommerabend – Gedankensplitter

Blassblauer Himmel.
Sanfte Wolken.
Purpur.
Orange.
Werden zu Fäden.
Zerrissenem Gewebe…
Und der Horizont.
Verfärbt sich schon blau.
Welcher ein schöner Abend!
Denkt sie.
Und versucht zu lächeln.
Es gelingt sogar.
Ein wenig.
Sogar die Augen.
Sie leuchten kurz.
Die Hände.
Zittern in einander verkrampft…
Sie bleibt stehen.
Am Balkon.
Und es fröstelt sie leicht.
Obwohl der Wind ganz sanft weht.
Ein paar Haarsträhnen.
Sie hängen ihr ins Gesicht.
Verzweiflung.
Sie spricht daraus.
Und Angst.
Dann dreht sie sich um.
Geht hinein.
Als wolle sie davonlaufen.
Vor allem.
Vor sich selbst…

Mein letzter Sommer.
Denkt sie.
Ein paar Tränen im Gesicht.
Vielleicht.
Wahrscheinlich.
Das Leben.
Endlich.
Und es tut weh.
Aus dem Leben gerissen.
Gerade 42 Jahre alt.
Ein bösartiger Tumor.
Metastasiert.
Nicht mehr behandelbar.
Aussichtslos.
Schmerzmittel.
Und ein Mann.
Der die Koffer packte.
Ich drück das nicht durch!
Du musst verstehen…
Nein.
Sie verstand es nicht.
Sie warf seine Fotos weg.
Und als er einmal anrief.
Da legte sie auf.
Nein.
Auf so einen kann sie verzichten.
Der sie im Stich ließ.
Als sie ihn am meisten brauchte.
In die Arme einer anderen floh.
Und seine Schuld.
Mit Alibianrufen zu bemänteln versuchte…
Sie braucht ihn nicht.
Elf gemeinsame Jahre.
Einfach nichts.
Vergeudet an den Falschen…

Schmerzen.
Sie trinkt Tee.
Und die Worte ihrer Freunde.
Du bist so hart.
Zu dir.
Zu ihm.
Verzeih ihm doch.
Dass er ein Schwächling ist!
Bitterkeit tut weh.
Wer kann sie ihr verdenken?
Beide Brüste abgenommen.
Das kann man einem Mann nicht zumuten…
Ganz klar.
Falsche Wahl!
Kommt ihr in den Sinn.
Und sie erinnert sich an einen…
Vor vielen Jahren.
Ob er bei ihr geblieben wäre?
Angesichts der Krankheit?
Wer weiß das schon!
Fehler.
Nicht mehr gut zu machen.
Und letztlich nicht zu ändern…

Sie wird wieder ruhiger.
Der Himmel ist ganz blau.
So sanft und mild.
Und die Schmerzen.
Sie spürt sie plötzlich nicht mehr.
Nein.
Nur der Augenblick ist wichtig.
Und dass es ihr gut geht.
Eine Stunde oder zwei.
Morgen.
Kann es wieder regnen.
Oder es ist so heiß.
Dass sie sich in ihrer Wohnung versteckt.
Sterben ist wie einschlafen.
So sagte ihre Mutter immer.
Du musst keine Angst haben…
Sie seufzt.
Es geht nicht um die Angst.
Nein.
Es geht um Pläne.
Pläne für das Leben.
Das noch so viele Jahre dauern hätte sollen…
Mit dem falschen Mann…
Ironie des Schicksals…
Vielleicht war es dumm zu erwarten.
Er könnte stark sein.
Aber sie möchte ihn nicht mehr sehen.
Sondern nur die.
Die zu ihr stehen.
Die nicht davonlaufen.
Freunde.
Schön und wahrhaftig.
Wie dieser Sommerabend.
Mit dieser Erinnerung zu gehen.
Macht es leichter…

Vivienne/Gedankensplitter

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