Wo bleibt die Zeit? – Gedankensplitter

Nein.
Ich habe keine grauen Haare.
Noch nicht.
Der Nachwuchs.
Meiner blond gefärbten Haare.
Er lässt keine Zweifel offen.
Ich müsste sie nicht färben.
Meine Haare.
Aber ich will es so.
Der Eitelkeit wegen.
Und vielleicht auch.
Weil ich mich jünger fühle.
Blond.
Denn wenn ich ehrlich bin.
Ich fühle mich alt.
Oft.
Wenn ich mein Gesicht betrachte.
Im Spiegel.
So sehr.
Hat es sich gar nicht verändert.
In den letzten Jahren.
Meine ich.
Versichert man mir.
Doch es tut weh.
Zu altern.
Auch wenn ich für mich selbst stehe…
Und nicht für Äußerlichkeiten…

Als ich dreißig war…
Ist es nicht hundert Jahre her?
Da wollte ich nie mehr zwanzig sein.
Nie mehr.
So unfertig.
So pausbäckig.
So konturlos…
Ich gebe gerne zu.
Zwanzig wollte ich nicht mehr sein.
Auch heute nicht.
Aber dreißig…
Ja.
Das würde ich gerne wieder sein.
Dreißig.
Unbeschwert.
Hübsch.
Und ein wenig naiv…
Das stünde mir nicht schlecht.
Aber das Leben.
Hat mich anderes gelehrt.
Man sollte nicht zu viel vertrauen.
Denn die Menschen.
Sehen nie auf dich.
Nur auf sich selbst.
Versuchen.
Dir ihren Vorteil.
Als dein Plus zu verkaufen.
Und heute weißt du das…

Geblieben sind mir nur.
Die blitzblauen Augen.
Strahlend schön.
Wie eh und je.
Das.
Was meine Persönlichkeit erst ausmacht.
Und meine Erscheinung…
Das Leben ist endlich.
Mit vierzig weiß man das.
Wenn die Verwandten um einen sterben.
Oder auch Bekannte…
Wenn man ängstlich in sich hineinhorcht.
Bei kleinen Wehwehchen.
Was könnte das sein?
Die große Krankheit.
Mit dem kleinen Namen.
Wir fürchten sie doch alle!
Und sie kann immer auftauchen.
Aus dem Nichts.
Scheinbar.
Das Leben ist endlich.
So endlich, dass es Angst macht.
Vorbei.
Vielleicht.
Und was dann?
Die Zeit.
Wo ist sie geblieben?

Vivienne/Gedankensplitter

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