Wozu heiraten? – Aus dem Leben

Ich räume den Müll nach unten. Zwei Säcke voll. Ja, es sammelt sich manches an, wenn man ein Wochenende nicht daheim ist. Nicht etwa, weil die Vandalen hausten. Oder die Katze alles auf den Kopf gestellt hat. Nein. Das ist einfach so, ein Naturgesetz. Staub und Mist vermehren sich rasend, denke ich mir… Der Geburtstag ist auch vorbei. Am Wochenende noch gebührend gefeiert, ist er mittlerweile schon vergilbt wie eine alte Zeitung. Ja, die lieben Verwandten. Die Tanten ganz besonders. Die mich immer so vorwurfsvoll und ungläubig anstarren, wenn ich ihnen sage: „Nein, ich bin noch nicht verheiratet!“ Welch eine Katastrophe! Zumindest für die alten Damen. Noch vom ganz eigenen Schlag. Richtig, Frauen, ohne Mann seid ihr nichts!

Ich werfe den Müll in die Tonne und mit ihm die alten Regeln für das Leben einer Frau. Genau genommen wollte ich nie heiraten, schon als Kind nicht. Ich schloss sogar Wetten ab, dass ich mit Mitte Zwanzig noch nicht verheiratet sein würde… Haushoch gewonnen! Ich lache kurz und sperre die Wohnungstür wieder auf. Narreteien eines unreifen Kindes, vielleicht. Heute weiß ich mehr vom Leben und von der Liebe. Und bin noch weit mehr bestärkt darin, nicht zu heiraten. Ich finde mich nicht darin. Kein bisschen. Wozu heiraten? frage ich mich. Wozu heiraten, wenn keiner treu sein kann? Treu sein will? Und es nur vom anderen erwartet?

Ich bin beschissen worden. Schon einige Male. Einmal besonders perfide: Die Ex ging während meiner Abwesenheit in seinem Haus ein und aus. Diese Demütigung prägt, auch wenn es schon etliche Jahre her ist. Trau, schau, wem! Am Ende weiß man nie, ob der Geliebte wirklich treu sein kann. Und ohne Treue ist die Liebe sinnlos. Oder wie sagte ein kluger Mann? Wer liebt, ist gerne treu! Wer auf seine Freiräume pocht und die immer wieder für sexuelle Abenteuer nutzt, hat nichts kapiert. Wie ein früherer Bekannter von mir. Er hatte eine hübsche Freundin und deren Kinder liebten ihn. Aber er musste sich ständig etwas beweisen und baggerte fast jede Frau an, mit der er zu tun hatte. Letztlich sogar mich, obwohl wir uns nie besonders gut leiden konnten. Aber die Aussicht, sonst alleine im Bett zu liegen, ließ ihn unsere gemeinsame Animosität überwinden. Und einen Vorstoß wagen… Als ich ihm – unverblümt wie ich nun mal bin – ins Gesicht sagte, dass ich ganz sicher nicht mit oder bei ihm schlafen würde, traf ihn das hart in seinem männlichen Selbstbewusstsein. Schließlich sagt man doch zu einem Angebot zu Sex nicht nein!

Es liegt natürlich nicht am Bekannten. Es ist die Zeit. Jeder mit jedem und ein Ehering ist ein Grund aber kein Hindernis, oder? Ich setze Kaffee auf und schalte die Kaffeemaschine ein. Das habe ich mir verdient, denke ich mir. Kann man heiraten und hoffen, dass es gut geht? Kann man dauerhaft miteinander leben, wenn jeder immer wieder mal fremd geht? Ich glaube nicht. Das Neue hat ständig seinen Reiz, wird es auch immer haben. Bei einem Paar gehen normalerweise längst alle beide arbeiten. Auch wenn Kinder da sind. In der Arbeit, auf dem Weg zur Arbeit, da warten immer wieder interessante Gesichter. Alle aufregend, verwirrend und anziehend – wenn es nur darauf ankommt. Nicht wahr? Soll Leute geben, die mit dem netten Kollegin oder der netten Kollegin intimere und wichtigere Dinge besprechen als mit dem Partner. Zur sexuellen Versuchung fehlt nur ein Schritt! Das Leben ist zu kurz, um es mit einem Menschen zu verbringen!

Es ist ja so einfach, nicht wahr? Heute gibt es keine verschrobenen Moralregeln mehr, die Seitensprünge als schweres Vergehen verdammen. Nicht Gottes Blitz erscheint, im schlimmsten Fall fliegt die Sache auf. Aber normalerweise – keine Sorge. Die Firma ist weit weg von daheim und er oder sie hat keine Ahnung, was wirklich hinter seinem/ihrem Rücken läuft. Nur die Gewohnheit kittet noch und die verhindert auch oft eine Trennung…

Vertrauen kann man natürlich nicht mehr. Obwohl sich laut gängiger Untersuchungen die meisten Menschen in der Ehe Treue wünschen. Traumtänzer! Wie soll das funktionieren, wenn jeder Männerhintern und jeder Minirock so anziehend wirken? Ich weiß es nicht, was sich Menschen denken, die heiraten wollen. Geht mir durch den Kopf, während ich den Kaffee schlürfe. Ich war nie in der Situation. Aber wenn ich Scheidungsstatistiken studiere, dann meine ich, dass ihre Vorstellungen über die Ehe nicht besonders realistisch sein können. Im Grunde muss jeder und jede ständig damit rechnen, betrogen, benutzt oder sonst irgendwie beschissen zu werden. Furchtbar! murmle ich und mir gruselt ein wenig. Verletzbare Seele, die ich bin, würde mich das brechen. So nach und nach. Nein, das tue ich mir nicht an. Warum denn auch? Ich zucke die Achseln und lächle versonnen. Es geht auch so…

Ich setze mich an den Laptop, schreibe ein paar Zeilen an meinen liebsten Menschen und wünsche ihm eine gute Nacht. Dann streichle ich die Katze, die auf der Couch liegt und mich verliebt ansieht. Liebe an sich ist so unverzichtbar und bisweilen doch auch seltsam und bizarr. Und sie blüht unter den ungewöhnlichsten Verhältnissen. Ist es nicht so? Und ganz bestimmt braucht sie auch keinen Trauschein…!

Vivienne

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