Friedhofs-„Lärm“ – Buchtipp von Harry Popow

Aus dem Buch „Der Mensch im Teufelskreis – Dr. Faustus Auferstehung“

Von Harry Popow
Diese Geschichte begab sich, sagen Zeitzeugen, als sich in jüngster Zeit (2020/2021)
über Land und Leute, gar über den ganzen Planeten, eine unheimliche Stille
ausbreitete – eine tödliche. Ein Virus ging um, und die Menschen verschanzten sich
hinter Mundmasken und hinter den Mauern ihrer Häuser. Wie so oft in
Gefahrensituationen beschlich den einen oder anderen diese oder jene Erinnerung,
als es noch menschengemachte tödliche und maschinell betriebene Abschlachtungen
gab.
Als der Lärm der Spatenstiche während der Beerdigungen auf den Friedhöfen wegen
der Überfülle der heran zu karrenden Toten enorm zunahm, da kam auch einem
gewissen Dr. FAUSTUS, der sich schier in seiner Gruft umdrehen wollte vor Wut,
das Grübeln. Wer wagt es, ihn, den großen von Goethe geschaffenen Literaturhelden
in seiner nahezu 200-jährigen Stille zu stören? Was ist zu tun? Wie sich zu wehren?
Gegen wen richte sich der Protest?
Noch bevor die Stille auf dem riesigen Friedhof am Nachmittag für´s erste Ausklang,
erinnert sich der hellhörige Dr. FAUST in seiner Gruft an den Urfaust, seinem
Vorgänger. Im Gegensatz zur orthodoxen Kirche, die sich durch Urfaust in ihrer
Machtposition bedroht fühlte, stärkte Goethe dem Urfaust den Rücken. Rebellieren
sei gut und richtig, aber es müsse dem auch Taten folgen. Und so schuf der Dichter
ihn, den Dr. FAUST, der stärker als der Urfaust den Herrschenden tüchtig in die
Parade fahren würde, als moderner Mensch, der dem Menschenrecht Genüge tun
sollte. Aber es hilft ihm, dem Grufti, kein nachträgliches Klagen. Schuld habe
schließlich der Teufel. Er, der Mephisto, habe ihn immer wieder abgelenkt von
seinem Streben, ein moderner Mensch zu werden. Gewiss, FAUST wurde dadurch
angehalten, im Menschen jedwegen Zweifel, jeglichen erdenklichen
Widerspruchsgeist zu nähren. Warum? Der strebende Mensch solle nicht erschlaffen,
solle wach bleiben, Fragen stellen, neugierig bleiben, sich nicht durch Tricks und
Betrügereien von seinem Bemühen um Menschlichkeit ablassen.
FAUST wird in seiner Gruft sehr nachdenklich. Überflüssiges Denken? Das ins
Nichts führt? Was könne denn er, der Alte Grufti heute noch bewirken? Und warum?
Vorsichtig öffnet er den Deckel über seiner Gruft. Tief atmet er durch. Öffnet ganz
behutsam die Augen. Sieht sich bewundernd um: Bäume, Gräber, leichter Wind in
den Baumkronen. Eine liebliche Melodie. Vogelgezwitscher. Plötzlich fahren Autos
vor. Laden Särge ab. Will kein Ende nehmen. Jemand, der Friedhofswärter wohl,
brüllt über ein Sprachrohr: „Keine Kapazität mehr. Bringt die Leichen woanders hin.“
Doch weitere Autos mit Särgen halten vor dem Friedhofstor. Männer in schwarzen
Kapuzen und mit Masken vor Mund und Nasen schleppen sie zu einem bereits
vorbereiteten größeren Grab. Der Friedhofswärter erneut, er habe keinen Platz mehr,
der stille Ort sei bereits überfüllt… Doch Polizei hält ihm den Mund zu, er solle sich
bitte der Obrigkeit fügen, denn sie habe alles fest im Griff.
Die Auferstehung eines Grufti bleibt nicht unbemerkt. Ein Polizeiauto mit Sirene.
Platz da für einen hohen Beamten. Ohrenbetäubender Lärm. In einer plötzlichen
Ruhe ist ein lautes Stöhnen zu hören. Die Obrigkeit sieht mit Erschrecken: Eine Gruft
öffnet sich. Ihm entsteigt eine alte Figur mit sehr langem Bart. Schaut sich neugierig
um.
Ein Chor erklingt: „Thränen des Vaterlandes“. Einige Grableute glauben, Goethes
FAUST in dem Alten entdeckt zu haben. Sie schreien auf: „Was willst Du denn hier?
Wir haben andere Zeiten. Geh ins Grab zurück.“
Andere wieder: „Lasst ihn gewähren. Er musste sterben, weil Mephisto ihn dazu
getrieben hat.“
FAUST, sehr leise: „Ich will Euch alle Erdenkinder vor Unheil schützen. Bin
aufgewacht, um Euch zu sagen, hütet Euch vor den Teufeln.“
Zwischenruf eines Arbeiters: „Die gibt es nicht mehr. Dafür aber ein Virus, der uns zu
schaffen macht und uns alle einsperren will, ne richtige Knechtschaft.“
FAUST: „Beruhigt euch, alles hat seine Ursachen. Man muss nur herauskriegen,
woher der Wind mit dem Unheil kommt. Das zu erkennen, dazu reicht nicht euer
sinnloses Staunen und Begaffen der Symptome.“
Ein Arbeiter: Kommt alle, dem Alten ist nicht zu helfen. Machen wir besser weiter
wie bisher… Und sie graben weiter an zusätzlichen Gräbern, denn es kommen immer
mehr Frachten mit Särgen. Werden auf dem Feld bestattet, da der Friedhof überfüllt
ist. Der Bauer flucht.
Jetzt deutlich hörbar: Ein unsichtbarer Chor:
Thränen des Vaterlandes / Anno 1636.
Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!
Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun
Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun /
Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.
Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret.
Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun /
Die Jungfern sind geschänd’t / und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.
Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt.
Dreymal sind schon sechs Jahr / als vnser Ströme Flutt /
Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fort gedrungen.
Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /
Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth
Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.
(Sonett von Andreas Gryphius)
Während es über der Gruft im Friedhof – wo sonst nur Totenstille herrscht – nach wie
vor ein Scharren und Schippen und Fluchen zu hören sind, wendet sich der Zeitzeuge
an Dr. FAUSTUS, der seit 1831 hier in der Gruft in Frieden ruht, und flüstert ihm zu:
„Herr Doktor, wenn ich nicht irre, dann scheint die Ruhe dahin. Über uns in den
Weiten des großen Friedhofes scheinen sich Dinge abzuspielen, die für recht
ungewöhnlich gelten. Bei ihrer sprichwörtlichen Wissbegier, was das Menschliche
und Göttliche betrifft, ihrem Streben, allwissend zu sein und den Dingen auf den
Grund zu gehen, dürfte das derzeitige Geschehen an der Erdoberfläche durchaus von
Interesse sein.“
FAUST, stöhnend: „In meiner Erinnerung bin ich gerettet worden und trage keinerlei
Verantwortung mehr für das Irdische.“ Lasst mich weiter ruhen in Frieden und in
Gottes Schoß.“
Zeitzeuge: „Sie haben ja so Recht, verehrter Dr. FAUST, aber nunmehr wirft man
Ihnen im modernen Zeitalter des 21. Jahrhunderts Mord- und Totschlag vor, den sie
auf Geheiß des Teufels begangen haben. Also ließen Sie Ihren Drang nach Wissen
und Bildung zugunsten einer euphorischen Bindung an Liebesbetäubung und
Lustbarkeit in den Himmel fahren, um nur Ihrer persönlichen Begierde zu folgen.
Glaubten Sie wirklich, dass dies Verhalten einem edlen Menschen gut zu Gesicht
steht? Ist es nicht deutlich genug: Wer sich mit dem Teufel einlässt, sei unrettbar
verloren?“
FAUST: „So unrecht ist das nicht. Man muss überlegen, auch wenn es, so scheint es,
für nachträgliche geistige Einkehr viel zu spät ist. Ich habe wohl egoistisch mein
Streben, Göttliches zu erreichen, bedenkenlos andere Menschen zugrunde gerichtet.
War ich nur Schuld? Oder waren es die Umstände, die mich zu dem frevelhaften Pakt
mit dem Teufel getrieben haben? Ich will herausfinden, ob mich die Schuld alleine
trifft.“
FAUST stutzt. Ganz in seiner Nähe hat sich offenbar eine Bestatterin in Position
gebracht. Was sie da offenbart, lässt ihn im Innersten erschüttern:
1. Rede:
Und doch leben wir in schwierigen Zeiten… Staatliche Zwangsmaßnahmen wegen
einer Pandemie unterdrücken jedes Lebensgefühl. Und es ist völlig unverständlich,
wieso gerade dieser letzte Abschied von einem geliebten Menschen, diese wertvollen
letzten Stunden und Minuten im Leben eines Sterbenden, unter dem Vorwand einer
Corona-Pandemie so herzlos, so mitleidlos und mit einer unmenschlichen Kälte durch
die Regierung dieses Staates behindert, ja unmöglich gemacht werden. Und es ist
eine Schande, dass die Toten, auf deren Totenschein „infektiös“ oder „Covid“ steht,
in einem Plastiksack wie Unrat beseitigt werden und die Nahestehenden sich nicht
einmal mehr von ihren Angehörigen verabschieden können.
Eine Gesellschaft, die so mit den Menschen umgeht, wie wir es heute erleben, ist es
wert, daß sie zugrunde geht. Diese Gesellschafsformation ist der Kapitalismus. Sie
beruht auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und auf der Ausbeutung
der Lohnarbeiter. Der Kapitalismus stürzt von einer Krise in die andere. Millionen
und Abermillionen Menschen werden an den Rand gedrängt, sind nutzlos, werden
ausgespien und sterben verfrüht. Kinder verhungern, alte Menschen siechen dahin,
bis der Tod sie abholt.“
2. Rede
Kliniken, die aus allen Nähten platzen. Schwerstkranke, die sich vor Intensivstationen
stauen und elendig auf ihren Tod warten. Ärzte, die notfalls auswürfeln müssten,
welchem Patienten sie helfen und welchem nicht. Im Zuge der Corona-Krise haben
sich Bilder wie diese tief im kollektiven Bewusstsein eingegraben. Seit über einem
Jahr beschwören Politiker, Wissenschaftler und Medien das Szenario eines
Gesundheitssystems vorm Kollaps: Steigende Infektionszahlen, steigende
Krankenzahlen, steigende Todeszahlen – wird man dem Virus nicht Herr, sind
italienische Verhältnisse programmiert. Selbst bei sinkenden Zahlen dräut es aus allen
Kanälen: Lassen wir heute den Lockdown schleifen, erleben wir morgen unser
Bergamo.
Warnungen nach diesem Muster sind unser täglicher Begleiter und mit wachsenden
Inzidenzen ereilen sie uns mit noch größerer Häufigkeit. „Durch die Mutationen
werden die Krankheitsverläufe auch länger und schwerer.
FAUST bereut nicht, seine Gruft verlassen zu haben. Er ist wütend und ratlos
zugleich. Der Zeitzeuge hat recht. Er wird der Gruft endgültig den Rücken kehren.
Zumal er mit Schrecken und Neid soeben vernommen hat, der Urfaust in der Gruft
nebenan hat längst sein unterirdisches Gefängnis verlassen. Wie FAUST oft von ihm
gehört hat, wird er wohl aufs große Austoben aus sein, ohne Sinn und Verstand. Das
hält FAUST nun vollends nicht davon ab, selbst das irdische Paradies erneut zu
betreten und zu durchforsten. Und ob auch Mephisto erwacht ist? Vorsicht ist
geboten. Noch kann FAUST nicht einmal ahnen, dass die Sterbe-Statistik seit Beginn
der Pandemie bis Juli 2021 nicht einmal die normale Höhe überschritten habe.
Der Zeitzeuge:
Es geht um die Hinwendung zu Erkenntnissen über Leben und Welt. Während
Urfaust für einfaches Rebellieren ist gegen Ungemach der Kirche usw., ist FAUST
nach dem Motto „Es irrt der Mensch, solang er strebt“ für die Anerkennung der
ewigen Veränderungen und der stets neuen Widersprüche, denen sich der Mensch
stellen muss, will er vorwärtskommen. Ziele und Motive der beiden sind sehr
unterschiedlich, trotz ihrer hohen wissenschaftlichen Bildung. Das heißt für
HEUTIGE: Erkennst du nicht den Ursprung des Strebens nach Macht und Geld und
Besitz, dann kannst du noch so viele Wünsche und Illusionen haben, auch
Versprechen der Oberen, es wird alles beim Alten bleiben, verdeckt unter einem
Riesenmantel an Schwindel, Heuchelei, Lügen – der großen Schutzmauer um das
Profitstreben herum.
Das sich stets wiederholende WIR und andere EINHEITSFLOSKELN“ täuschen die
Massen und führen sie – statt zur Lieben zum Leben und zum Planeten – zur leblosen
Hinnahme, zum bloßen Vegetieren. Das Menschsein aber erfordert Liebe und
Sättigung aller Bürger, ohne dass sie vom Nachbarn und Besitzern ausgebeutet
werden.
In diesem Augenblick, bevor Dr. FAUSTUS sich richtig umsehen konnte auf diesem
Friedhof, tritt – wie erwartet, Mephisto an ihn heran und spricht:
[Ich bin] ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. …
Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist
wert, daß es zugrunde geht; drum besser wär’s, daß nichts entstünde. So ist denn alles,
was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element. (Johann
Wolfgang von Goethe, 17491832, deutscher Dichter)
FAUST winkt ab: Er denke nicht mehr daran, auf Leichtsinn und Betrug
hereinzufallen. Im Gegenteil: Er sei auf der Spur von Widersprüchen, die, einmal
erkannt, zu Lösungen dringend Anlass geben. Hatte nicht Goethe bereits von der
Dialektik der Widersprüche geschrieben, ohne deren Kenntnis man eins ums andre
Mal auf die Nase fallen kann?
Nun will er dem entgegenwirken, was dieser Mephisto ihm immer wieder durch
teuflische Ablenkungen verwehrt hat: Mensch zu sein. Stattdessen schob er ihn auf
Nebengleise wie Lustbarkeiten, auf kaufmännisches Gebaren, sogar auf´s Morden.
Auf diese Art habe dieser Teufel ihn entmündigt. FAUST sinnt nicht nach Rache, aber
er ahnt, da stecken noch ganz andere Probleme dahinter. Zumal es ihn stutzig machte,
dass die Grabreden, die er soeben vernehmen musste, offensichtlich einem
herrschenden Pack gewidmet waren, denn die Ehrfurcht vor diesem schien bei
einigen Grableuten so tief zu stecken, dass die Bücklinge vor den Obrigkeiten nicht
tiefer sein konnten.
Kurz, er will dem Ansinnen Goethes für eine gerechte Menschenwelt auf die Spur
kommen… Er will sich mit seinem langen Oberrock auf den Weg machen…
Doch Mephisto lässt sich nicht so schnell aus dem Feld schlagen. „Eine letzte
Bemerkung sei gestattet, lieber FAUST! Ich versprach dir, lieber FAUST,
Lebensglück. Dich wollte ich mit Gott vom rechten Weg abbringen.“
Heute sehe es anders aus, das wisse er aus sicherer Quelle, einer Festung, hinter deren
Mauern und in den Verliesen sich der reale Teufelspakt unserer Zeit versteckt halte.
Aber jedermann wisse von deren Existenz. Für die Menschen, soviel stehe fest, sei
die Phase des versprochenen Lebensglücks abgelaufen. Man sei dabei, die Menschen
von ihrer Seele loszusagen. Heute schon sei ein Land der Richter und Henker gegen
Querulanten und Verschwörer im Aufblühen, auch Dank der Pandemie, die den
Ausweg hin zu mehr Zwang von oben nach unten weise. Dazu sei es erforderlich, die
Bildung der Bevölkerung stark zu reduzieren.
Gleichzeitig seien große Teile des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens
weiter von Privatinteressen durchseucht worden, statt sie endlich zu kappen…
Das habe man kommen sehen. Seit einer sogenannten Notvereinigung von zwei
Teilen in Deutschland haben die Machthaber der Zuschauerdemokratie – ohne das
Volk zu fragen – alles getan, um die Bildung der Bevölkerung zu reduzieren.
„Woher schöpfst du diese Weisheiten?“, fragt provokativ FAUST den Teufel.
Mephisto: „Mein Pakt mit dir sollte dich abhalten vom Streben nach Macht und
bloßer Gier, denn das führt schließlich bis in die heutige Zeit zu einem Teufelskreis,
in dem alle Menschen – so oder so oder hier und dort – gefangen sind, abhängig vom
Geld und von den Verbrechen der Machterweiterung. Daraus folgt doch: Erkenne die
ewigen Veränderungen und die stets neuen Widersprüche an, denen sich der Mensch
stellen muss, will er ungeschoren und kultiviert vorwärtskommen. Das heißt doch für
alle Zeiten: Erkennst du nicht den Ursprung des Strebens nach Macht und Geld und
Besitz, dann kannst du noch so viele Wünsche und Illusionen haben, es bleibt stets
beim Alten ohne Veränderungen, verdeckt unter einem Riesenmantel an Schwindel,
Heuchelei, Lügen – der großen Schutzmauer um das Profitstreben herum.
Man täuscht wohl stets das Volk. Statt zur Liebe zum Leben und Natur und zum
Planeten anzuhalten treibe man die Menschen -so befürchte ich bereits jetzt – zur
leblosen Hinnahme, zum bloßen Vegetieren, zum Kaufen und Gehorchen an. Das
Menschsein aber erfordert Liebe und Sättigung aller Bürger, ohne dass sie vom
Nachbarn und Besitzern ausgebeutet werden. Gerade deshalb braucht wohl jeder
Erdenbürger so einen kleinen Teufel in sich, um das Zweifeln nicht zu verlernen…“

 

Harry Popow: „DER MENSCH IM TEUFELSKREIS“, Sprache: Deutsch,
ISBN: 9783754166666, Format: DIN A5 hoch, Seiten: 384,
Erscheinungsdatum: 18.09.2021
https://www.epubli.de/shop/buch/MENSCH-IM-TEUFELSKREIS-Harry-
Popow-9783754166666/118378
Exposè
Nach nahezu 200 Jahren völliger Stille in der Gruft von Dr. Faustus, den Goethe als
den modernen Menschen darzustellen versuchte, erwacht Faust durch ungeheuren
Lärm. Neue Särge werden in den Friedhof verbracht und neue Gräber geschaufelt.
Bis das Getöse und Gedonner immer aufdringlicher wird. Er hält es nicht mehr aus –
der Greis im Oberrock des 18. Jahrhunderts. Klettert aus der Grube und will es
wissen: Was passiert in der Welt? Manche schreien außerhalb des Friedhofs das Wort
„Pandemie“, andere wieder „Klima“, andere wieder „Krieg“, daneben immer zu
hören: „Vorsicht vor einem Linksruck, da soll der Mensch ja erzogen werden.“ Dazu
fuchtelt die Politik hilflos mit den Armen und jagt den Völkern Angst ein. Grauer
Himmel über dem Planeten statt ein „Himmel auf Erden?“ Dem Alten wird übel:
„Sind denn alle des Teufels?“
Im Streben nach Erkenntnissen will er ein Mensch bleiben, ein moderner, der stets
von sich aus bejaht oder verneint, ohne einen Teufel befragen zu müssen. Um Abhilfe
zu schaffen? Nein, dazu ist er nicht befugt, aber für Wißbegier nicht zu alt.
In dieser 382 Seiten umfassenden Lektüre bemüht sich Dr. Faustus – gemeinsam mit
seinen gleichgesinnten Freunden – um die Dialektik der Widersprüche, wie es Goethe
und alle fortschrittlichen deutschen Dichter und Denker bereits vor ihm getan haben.
Sie stoßen auf Konflikte, lösbare und unlösbare. Und auf eine bodenlose Ignoranz,
die in der Marktwirtschaft ihr Zuhause hat. Erschrocken wird er sich fragen, ob sein
Ausstieg aus der Gruft nicht zu einer neuen und sehr „modernen“ führt? Erst tot und
dann noch toter? Wer lässt sich das schon gefallen in diesem Teufelskreis?
In diesem zwischen Wahrem und Fiktivem gesellschaftskritischen Buch geht es
weniger um Handlungsabläufe als um Treffen von Gleichgesinnten, die an
verschienene Orten – zum Beispiel in Berlin „Zur Letzten Instanz“ und in Leipzig im
„Auerbachs Keller“ über Geschichte und Philosophie debattieren. Die Protagonisten
sind Freunde eines gewissen Buchnarren, der wirklich existiert und den „Faust“ von
Goethe bereits als junger Mensch eifrig gelesen hatte. Alle Freunde, die sich um
Faust zusammenschließen gab es und gibt es noch heute. Ein gewisser Michel dient
lediglich als Symbolfigur für einen Bürger aus der einstigen Bundesrepublik.
Die Dialoge zwischen den Gleichgesinnten, dabei die Stadt Berlin und andere
interessante Orte besuchend, markieren eine tolerante und wissbegierige
Gemeinschaft von Menschen, die oft auch sehr unterschiedlich in ihrem Fühlen und
Denken sind. Sie vereint mit Faust das Entsetzen über eine Gesellschaft, die zum
alleinigen Maßstab das Profitstreben stellt und nichts mit der Geschichte
Deutschlands, speziell den Vordenkern, den deutschen Dichtern und Denkern der
Aufklärung, der Zeit des Sturm und Drangs, der Renaissance zu tun haben will. Denn
schon im IV. und V. Akt zeige Goethe, „dass die europäische Kultur, die seit der
Renaissance im Licht der Antike stand, sich am Ende seines Lebens zu verdunkeln
begann.“ Zu Beginn des IV. Aktes werde die „barbarische Zeit“ sichtbar. (Siehe Rosa
Luxemburg) Faust werde vom Schönheitssucher zum Tatendurstigen. Gewonnen
hinsichtlich, den Menschen zu helfen, verloren aber, denn ohne Mephisto gehe es
nicht. (Johann Wolfgang Goethe, Faust II, Walter Schaschafik, Reclam S. 68)
Faust lässt es keine Ruhe, in die Tiefe der gesellschaftlichen Zusammenhänge zu
dringen. So lernt er nicht nur das verlogene Menschenbild des Imperialismus, (siehe
im Kapitel “Pfundsachen“) sondern auch in der „Festung“ im Verlies den Ursprung
der Profiteure der Marktwirtschaft kennen.
Im Kapitel „Das Gespenst“ beschäftigen sich die Freunde des Dr. Faustus mit den für
Faust noch unbekannten Philosophen Marx und Engels kennen. Und sie begreifen,
dass es seit der Pariser Kommune und mit dem „Kommunistischen Manifest“ bei den
Völkern – trotz technischer Fortschritte, die auch dem Gemeinwohl dienen –
angesichts des „Gespenstes“ dem Geldkapital nach und nach an den Kragen geht und
sie alles zusammenraffen, um diesen „Menschenrechtsverletzern, Querdenkern und
Verschwörern“ und den „Verfassungsfeinden“, wie es heutzutage in den bürgerlichen
„Qualitätsmedien“ heißt, Paroli zu bieten.
Auf dem Berliner Fernsehturm versuchen die Freunde ein wenig mehr Aussicht für
die Zukunft zu gewinnen, werden aber angesichts des Missbrauchs der
Digitalisierung im Sinne der Marktwirtschaft bitter enttäuscht.
Der Autor ist wegen der Ernsthaftigkeit des Strebens nach Aufklärung und
zahlreicher notwendiger Zitate aus wissenschaftlichen Büchern und Beiträgen aus
linken Zeitungen, die u.a. auch ein gewisser „Zeitzeuge“ den Freunden vermittelt,
auch um Ironie und Satire bemüht, sich dessen bewusst, dass das Buch „Der Mensch
im Teufelskreis“ kein Krimminalroman ist und noch weniger Anspruch auf
Wissenschaftlichkeit erhebt
Gleichwohl kann es jungen Leuten dazu dienen, intensiver über den fortwährenden
Klassenkampf zwischen den Industriemächtigen, den Banken, den Marionetten des
Polittheaters und dem arbeitenden und unter neuen Kriegsdrohungen leidendem Volk
nachzudenken.
Faust allerdings, der sich am Ende zeitweilig zur „Erholung“ in einer Klink
wiederfindet, erschrickt bei dem Gedanken, hier auf Erden seine Rolle als moderner
Mensch nur in Ansätzen erfüllen zu können. Deshalb kehrt er nicht in die Gruft
zurück. Von einer Gruft in die nächste zu steigen, das bringt nichts. Er wird weiter
wirken wollen… Raus aus dem Teufelskreis.
Der Leser, so er interessiert genug ist, wird also – so wie Faust – Bekenntnisse von
Autoren, Publizisten, Politikern und Usern begrüßen, die sich diesem nahezu
totgeschwiegenen Thema widmen. Mögen die Gedankensplitter, dieser bunte Kessel
an streitbaren Texten, zu weiterem Nachdenken anregen, zur mentalen Flucht aus
mitunter vorgegebener geistiger Enge, verbunden mit Fragen nach dem eigenen Tun.
Ein Mix von Belletristik, Ironie, Satire und fundamentalen Erkenntissen, damit
verbunden ein Dank an gleichgesinnte Autoren, deren kluge Aussagen sich in
treffenden Zitaten wiederfinden.
Vita des Autors:
Der Autor: Geboren 1936 in Berlin-Tegel, erlebte der Autor noch die letzten
Kriegsjahre. Ab 1953 war er Berglehrling im Zwickauer Steinkohlenrevier und ab
Herbst 1954 Offiziersschüler in der KVP, später NVA. Dort diente er bis 1986 als
Zugführer, später als Militärjournalist. Den Titel Diplomjournalist erwarb er sich im
fünfjährigen Fernstudium. Nach Beendigung der fast 32-jährigen Dienstzeit arbeitete
Harry Popow bis Ende 1991 als Journalist und Berater im Fernsehen der DDR. Er
betreibt als Rentner einen Blog, schreibt Buchrezensionen und Erinnerungen vor
allem für die „Neue Rheinische Zeitung“ und für die „Linke Zeitung“. Er ist
glücklich verheiratet seit 60 Jahren.
Online-Flyer Nr. 777 vom 22.09.2021
(Erstveröffentlichung NRhZ)

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