Tatjanas Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt.
Der Regen wurde immer stärker.
Die Dämmerung hatte eingesetzt.
Und ihre Brillen lagen irgendwo zuhause auf dem Schreibtisch.
Sie bremste leicht.
Kein Risiko heute Abend!
Lieber zehn Minuten später heimkommen.
Als womöglich einen Unfall verursachen.
Sie sah kurz auf die Uhr.
Spät war es geworden.
Sie war länger im Spital geblieben als geplant…
Ferdinand hatte drängend nach ihr verlangt.
Nach seinem Unfall…
Tatjana trat energisch auf die Bremsen.
Die Ampel vorne zeigte rot…
Sie sah wieder Ferdinand vor sich.
Ihren Ex-Mann.
Mit dem gebrochenen Arm und dem Verband um den Kopf.
Er hatte sie unverwandt angesehen.
Fast beschwörend.
Seine Stimme war zu einem Flüstern gesenkt.
Alles wird anders, Tatjana!
Ich schöre es dir.
Ich fange ein neues Leben an.
Sofort.
Und ich mache einen Entzug.
Sobald ich aus dem Spital entlassen bin.
Ich glaube an uns beide, Tatjana.
Und ich liebe dich mehr denn je.
Die Ampel schaltete auf grün.
Tatjana trat auf das Gaspedal.
Ich liebe dich mehr denn je…
Der gute Ferdinand.
Er wollte sie wieder zurück haben.
Wieder einmal.
Und diesmal, obwohl sie schon fast ein Jahr geschieden waren…
Nein, es erstaunte sie nicht.
Szenen wie diese hatte sie oft erlebt.
Mit Ferdinand.
Alkoholiker und Spieler.
Sie waren fast zehn Jahre verheiratet gewesen.
Ein paar Dutzend Mal hatte er ihr solche Versprechungen gemacht.
Vielleicht auch öfter.
Meistens dann, wenn sie ihn gerade verlassen wollte.
Oder wenn er in der Scheiße saß.
Selbstverschuldet.
Und ihre Hilfe brauchte, um wieder herauszukommen.
Sie kannte seinen Dackelblick dabei.
Und die Stimmlage.
Die gebrochen wirken sollte.
Tatjana grinste kopfschüttelnd.
Ferdinand war ein begnadeter Schauspieler.
Er hätte etwas aus diesem Talent machen sollen.
Stattdessen konzentrierte er sich auf unsaubere Geschäfte.
Mit denen er viel Geld machen wollte.
Nichts wirklich Kriminelles.
Aber er kam oft in Turbulenzen damit.
Und sie musste es ausbaden.
Finanzielle Engpässe ausgleichen.
Mit ihren Ersparnissen.
Durch einen Zweitjob bei Bekannten.
Deren Haus sie abends mehrfach in der Woche durchputzte.
Sie glaubte es, Ferdinand schuldig zu sein.
Schließlich war sie viele Jahre selber auf ihn hereingefallen.
Auf seine Masken.
Die er nach Bedarf anlegte.
Wehleidig und hilfsbedürftig.
Oder auch dem Selbstmord nah.
Vermeintlich.
Und bisweilen griff er in den Topf der Leidenschaft.
Du bist mein Ein und Alles…!
Tatjana warf ihre Mähne zurück.
Ja, so war er, der Ferdinand.
Und er würde sich nicht ändern.
Nur eines war auch offensichtlich.
Ferdinand liebte niemanden.
Nur sich selbst.
Und das dafür exzessiv.
Ein Egomane.
Nichts anderes.
Zerfressen von der Sucht.
Unheilbar süchtig nach Bewunderung…
Der Regen wurde stärker.
Tatjana bremste wieder ein wenig ab.
Sie hatte Ferdinand einmal geliebt.
Er sah jetzt noch gut aus.
Obwohl ihn der Alkohol altern hatte lassen.
Und sich die Haare grau verfärbt hatten.
Tatjana zuckte die Achseln.
Männer wie Ferdinand fanden immer eine Frau.
Eine Frau, die sich aufgeben würde.
Für so eine verrückte Liebe…
Sie war nicht anders gewesen.
Und zehn Jahre mit Ferdinand waren eine lange Zeit gewesen.
Viel zu lange.
Sie hatte bis zu letzt gefürchtet, die Scheidung würde nicht durchgehen.
Aber Ferdinand hatte eingewilligt.
Dafür hatte sie auf das Auto verzichtet.
Und auf die Wohnung.
Sie war mit weichen Knien aus dem Amt gekommen.
Fast benommen.
Es ist vorbei!
Mein Gott, es ist vorbei!
Sie konnte gar nichts anderes mehr denken.
Sie war frei.
Endlich.
Obwohl sie mittlerweile mit Armin lebte.
Der sie nicht einengte.
Und natürlich auch nicht trank.
Ein solider Mann mit Herz und Hirn…
Tatjana parkte den Wagen vor dem Wohnblock.
Mist.
Schirm hatte sie auch keinen.
Egal.
In fünf Minuten war sie in der Wohnung.
Wo Armin auf sie wartete…
Unvermittelt musste sie lächeln.
Ferdinands Gesicht tauchte wieder vor ihr auf.
Mit seinen flehenden Augen.
Den gesunden Arm fast nach ihr ausgestreckt.
Es ging ihm nicht schlecht.
Der Arzt hatte ihr alles erklärt.
Eine Gehirnerschütterung.
Und der Oberarmbruch wird heilen…
Natürlich.
Auch im Spital musste sich Ferdinand selber inszenieren.
Und den Sterbenden mimen…
Das durfte man nicht ernst nehmen.
Alles Gute, Ferdinand!
Sie hatte ihm zugenickt.
Aber es ist spät.
Und mein Freund wartet…
Hier bis du ohnedies in besten Händen!
Nein.
Sie glaubte ihm kein Wort mehr.
Natürlich nicht.
Das war nur vergeudete Zeit…
Vivienne