Der Kaffee kostete zwei fünfzig. Für das Geld bekam man früher eine Mahlzeit, wenn man wusste, wo man suchen musste. Heute bekam man dafür eine braune Flüssigkeit in einer Porzellantasse und das Recht, eine halbe Stunde so zu tun, als gehöre einem die Welt.
Ich saß bei Tchibo um die Ecke und betrachtete meinen Kaffee. Er dampfte nicht mehr. Vielleicht hatte er aufgegeben. Ich konnte es ihm nicht verdenken.
„Entschuldigung, ist hier noch frei?“
Ich sah hoch. Ein Mann stand vor meinem Tisch. Grauer Mantel, zerknittertes Gesicht, Augen wie zwei alte Rechnungen.
„Kommt drauf an.“
„Worauf?“
„Ob Sie reden wollen.“
Er dachte darüber nach.
„Eigentlich wollte ich meine Ruhe.“
„Dann sind Sie hier falsch.“
Er setzte sich trotzdem.
Eine Weile saßen wir da und tranken Kaffee. Er war warm und braun. Das waren seine besten Eigenschaften.
„Früher“, sagte der Mann schließlich, „war Kaffee noch etwas wert.“
„Früher war auch Scheiße nicht teurer als ein Stück Kuchen.“
Er sah mich an.
„Sie sind ein Zyniker.“
„Nein. Ich bin nur alt genug, um mich an die Preise zu erinnern.“
Er nickte, als hätte ich etwas Vernünftiges gesagt.
Am Nebentisch telefonierte eine Frau. Sie sprach laut über ihren Mann, ihre Schwiegermutter und irgendeine Operation, die vermutlich billiger gewesen wäre als ihre Scheidung. Die Kaffeemaschine röchelte dazwischen.
„Sehen Sie sich das an“, sagte der Mann. „Keiner kann mehr einfach sitzen.“
„Sie sitzt doch.“
„Sie telefoniert.“
„Vielleicht ist das ihre Art zu sitzen.“
Er verzog das Gesicht.
„Die Menschen haben keine Zeit mehr.“
„Doch. Sie verschwenden sie nur anders.“
Er blickte in seine Tasse.
„Wissen Sie, wann ich zuletzt zwei Stunden einfach so im Café gesessen habe?“
„Nein.“
„Ich auch nicht.“
Das schien ihn zu beschäftigen. Mich nicht besonders. Ich hatte meine eigenen Probleme. Die Miete war fällig, mein Kühlschrank enthielt Senf, eine halbe Zitrone und etwas, das möglicherweise einmal Käse gewesen war. Mit solchen Dingen beschäftigt man sich lieber, als über den Zustand der Menschheit nachzudenken.
Der Mann stand auf.
„Einen schönen Tag noch.“
„Wenn er sich anstrengt.“
Er ging.
Ich blieb sitzen und dachte darüber nach, dass wir alle auf irgendetwas warteten. Auf Geld, auf Liebe, auf eine Diagnose, auf den Tod. Der Unterschied bestand hauptsächlich darin, dass manche Leute dabei Cappuccino tranken.
Am Nebentisch saßen zwei Frauen.
„Irgendwann ist Schluss“, sagte die eine.
„Das sagst du seit drei Jahren, Monika.“
„Weil es seit drei Jahren nicht besser wird.“
„Was denn?“
„Alles.“
Ich nahm einen Schluck. Der Kaffee war inzwischen lauwarm. Das Gespräch dagegen bekam Temperatur.
Monika erzählte von ihrem Mann, der die Garage aufräumen wollte. Sie sprach darüber, dass die Milch teurer geworden war, dass niemand mehr richtig zuhörte und dass früher alles anders gewesen sei.
Früher. Das Wort war ein Altersheim mit unbegrenzten Besuchszeiten.
„Weißt du noch, wie wir nach der Arbeit Kaffee trinken gegangen sind?“, fragte sie.
„Natürlich.“
„Da haben wir manchmal zwei Stunden gesessen.“
„Und danach mussten wir einkaufen.“
„Danach“, sagte Monika. „Erst kam der Kaffee.“
Sie lachten. Zwei Frauen, die wahrscheinlich genug Rechnungen im Briefkasten hatten, um damit eine kleine Papierfabrik zu betreiben. Aber sie lachten. Das war immerhin etwas.
Dann fragte die Freundin: „Und was machst du heute noch?“
„Nichts.“
„Gar nichts?“
„Ich gehe nach Hause und trinke auf dem Balkon Kaffee.“
„Allein?“
Monika sah auf ihre Tasse.
„Ja.“
Die Freundin nahm ihre Hand.
Ich schaute weg. Nicht aus Anstand. Ich hatte nur plötzlich das Gefühl, bei etwas dabei zu sein, für das ich keinen Eintritt bezahlt hatte.
Die Kellnerin brachte zwei neue Kaffees. Monika sagte, man müsse öfter einfach so ausgehen. Ohne Grund.
Die Freundin hob die Tasse.
„Auf den fehlenden Grund.“
Sie stießen an.
Ich trank meinen Kaffee aus. Er schmeckte, als hätte jemand beim Abwasch geschlampt.
Dann kam der Mann mit der abgewetzten Jacke.
„Haste mal ’nen Euro übrig?“
Er stand neben dem Tisch der beiden Frauen. Unrasiert, schmutzige Fingernägel, eine Kappe, die schon bessere Köpfe gesehen hatte.
Monika sah ihn an.
„Einen Euro?“
„Nee, zwei Millionen. Aber ich dachte, ich frag erst mal klein an.“
Die Freundin lachte. Monika nicht.
„Ich hab nur Kleingeld.“
„Das ist meistens der Anfang.“
Sie kramte in ihrer Handtasche und gab ihm zwei Euro.
„Aber versauf sie nicht gleich.“
Der Mann betrachtete die Münze.
„Keine Sorge. Ich wollte heute sowieso mit dem Trinken aufhören.“
Er steckte das Geld ein.
„Vielleicht kauf ich mir ein Brötchen. Vielleicht einen Kaffee. Vielleicht geh ich auch zum Fenster raus und werf das Geld hinterher. Kann Ihnen doch egal sein.“
„So war das nicht gemeint“, sagte Monika.
„Wie war’s denn gemeint?“
Sie schwieg.
Er sah auf die Tassen.
„Zwei fünfzig für einen Kaffee. Nicht schlecht. Dafür muss ich draußen drei Leute anbetteln, und einer davon erklärt mir, dass er selber nichts hat, während er auf seinem Handy die Börsenkurse kontrolliert.“
„Es gibt eben Leute, die arbeiten für ihr Geld“, sagte die Freundin.
„Stimmt. Und es gibt Leute, die verlieren ihre Arbeit. Und dann verlieren sie ihre Wohnung. Und dann verlieren sie die Adresse, an die man ihnen Briefe schicken könnte, in denen steht, dass sie gefälligst ihre Rechnungen bezahlen sollen.“
Er kratzte sich am Kinn.
„Aber vielleicht bin ich auch bloß ein fauler Hund. Wäre ja schön, wenn das alles so einfach wäre.“
Für einen Augenblick sah er müde aus. Nicht dramatisch. Nicht wie einer aus einem Film, bei dem am Ende die Musik einsetzt. Einfach müde. So müde, wie Menschen werden, wenn sie lange genug gegen Türen drücken, hinter denen niemand mehr wohnt.
Monika betrachtete ihn.
„Was haben Sie denn früher gemacht?“
Er lachte kurz.
„Früher? Da war ich ein anständiger Mann.“
„Und heute?“
„Heute fragen mich fremde Frauen, was ich früher gemacht habe.“
Er zog die Kappe tiefer.
„Schönen Tag noch.“
„Warten Sie“, sagte Monika.
Er blieb stehen.
„Warum erzählen Sie mir das alles?“
Er sah sie an.
„Weil Sie gefragt haben.“
Dann ging er.
Die Freundin schüttelte den Kopf.
„Unverschämt.“
Monika rührte in ihrem Kaffee.
„Vielleicht.“
„Du kannst doch nicht jedem Geld geben.“
„Hab ich auch nicht.“
„Aber du weißt doch gar nicht, wofür er es ausgibt.“
Monika legte den Löffel hin.
„Du weißt auch nicht, wofür ich Dir meinen Kaffee ausgebe. Trotzdem fragt mich keiner danach.“
Die Freundin presste die Lippen zusammen.
„Das ist doch etwas anderes.“
„Natürlich“, sagte Monika. „Wir sitzen drinnen.“
Sie schauten eine Weile aus dem Fenster.
Ich hatte alles mitgehört. Das ließ sich nicht vermeiden. In einem Café hört man immer die Geschichten anderer Leute. Manchmal sind sie besser als die eigene, meistens sind sie nur anders schlecht.
Zwei Euro.
Zwei fünfzig.
Der eine bekam Kaffee, der andere bekam Fragen.
Ich dachte an die Männer, die morgens mit sauberen Hemden ins Büro gingen und abends betrunken nach Hause kamen. An die Frauen, die lächelten, obwohl sie ihre Männer nicht mehr liebten. An die Leute, die alles richtig gemacht hatten und trotzdem irgendwann auf einer Bank schliefen. Und an jene, die alles falsch gemacht hatten und sich darüber beschwerten, dass niemand ihnen half.
Die Welt war kein gerechter Ort. Sie war nicht einmal besonders gut organisiert.
Sie war einfach da.
Ich stand auf und ging zur Theke.
„Noch einen Kaffee“, sagte ich.
Die Verkäuferin sah mich an.
„Zum Mitnehmen?“
Ich schaute zur Tür. Draußen schob sich der Verkehr durch die Straße. Ein Mann fluchte, ein Fahrradfahrer zeigte einem Autofahrer den Mittelfinger, und irgendwo weinte ein Kind. Der ganz normale Betrieb.
„Nein“, sagte ich. „Zum Hiertrinken.“
Sie stellte die Tasse hin.
„Zwei fünfzig.“
Ich bezahlte.
Dann setzte ich mich wieder, nahm die Tasse in beide Hände und trank einen Schluck.
Der Kaffee war heiß.
Das Leben war beschissen.
Aber für den Moment musste ich wenigstens nicht so tun, als wäre es anders.
© Chefschlumpf 10 / 2026