Senta starrte aus dem Fenster.
Die Lichter der Stadt gingen an.
Daniel würde bald heimkommen.
Vielleicht in einer halben Stunde schon.
Ihr Daniel…
Senta lächelte verstohlen.
Unerwartet war die Liebe in ihr Leben getreten.
Heftige Gefühle.
Und jemand, der lieb zu ihr war.
Der es verstand, ihr Selbstbewusstsein zu heben.
Sie fühlte sich endlich wieder als Frau.
Verstanden.
Geliebt.
Mehr als das.
Begehrt…
Senta schüttelte den Kopf.
Löste ihren Blick von der Straße.
Sie ging in die Küche.
Mechanisch wärmte sie das Essen für ihren Freund.
Deckte den Tisch für ihn.
Stellte eine Flasche Bier für ihn kalt…
Senta rührte in ihrem Tee.
Daniels Firma eröffnete eine Filiale in der Steiermark.
Sein Chef wollte ihn beim Aufbau dabei haben.
Eine große Karrierechance.
Daniel konnte nicht ablehnen.
Nicht einmal daran denken…
Ich habe schon eine Wohnung in Kapfenberg gefunden.
Daniels Stimme hatte zärtlich geklungen.
Fertig eingerichtet.
Und du kommst natürlich mit.
Ich will keine Wochenendbeziehung mit dir führen.
Ich will in deinen Armen einschlafen.
Jede Nacht.
Ich will, dass du da bist.
Wenn ich aufwache.
Ich liebe dich!
Wunderbare Worte.
Senta seufzte.
Daniel war ein Romantiker.
Hoffnungslos.
Und er wollte, dass sie mitkam.
Senta stellte die Teetasse hin.
Im Grunde hatte er auch völlig Recht.
Wochenendbeziehungen?
Die hielten selten.
Irgendeiner der Partner verliebte sich meistens.
Gelegenheit macht Liebe…
Senta verkrampfte die Hände.
Was ihr Chef wohl sagen würde?
Sie kannte ihn nach bald fünfzehn Jahren in der Firma gut.
Er würde den Kopf schütteln.
Frau Stumptner.
Wollen Sie das wirklich?
Sie geben hier eine sichere Position auf.
Ich zähle auf Ihren Einsatz.
Und ich war immer zufrieden mit Ihnen.
Ich verstehe ja, dass Ihre Beziehung wichtig ist für Sie.
Aber gibt es keine andere Lösung für Sie beide?
Gab es wirklich keine andere Lösung?
Sie hatte nachgedacht.
Schon öfter.
Die meisten Kollegen kannte sie schon eine Ewigkeit.
Lange Zeit war ihr die Firma Familienersatz gewesen.
Wenn der Singleblues sie quälte.
Oder eine Beziehung von ihr unerfreulich wurde.
Wie so oft.
Sie fühlte sich wohl hier.
Glücklich.
Gut aufgehoben.
Seit dem Lehrabschluss war sie hier angestellt.
Sie war mit der Arbeit bestens vertraut.
Und mit den Kollegen.
Ein neuer Job in Kapfenberg wäre wie ein Sprung ins kalte Wasser…
Aber musste sie den nicht wagen?
Trotz alledem?
Trotz der Überraschung ihres Chefs?
Trotz ihrer eigenen Bedenken?
Senta ballte die Faust.
Noch nie zuvor war sie so glücklich gewesen.
Wie das letzte halbe Jahr mit Daniel.
Endlich ein Mann, der sie wirklich liebte…
So sehr, dass er mit ihr ein neues Leben anfangen wollte.
In der Steiermark.
Wo sie noch nie zuvor gewesen war.
Berge.
Schilcher.
Knödel-Dialekt…
Senta fröstelte.
All das schien ihr momentan bedrohlich.
Sie war sich nicht sicher.
Was sie tun sollte.
Aber sie fühlte sich zerrissen.
Sie musste mit Daniel gehen.
Sonst würde sie ihn verlieren.
Daran hatte sie keinen Zweifel…
Senta stand auf.
Plötzlich empfand sie Angst.
Eine Art komischer Verzweiflung befiel sie.
Konnte in ihr Leben einfach keine Ruhe einkehren?
Durfte sie einfach nicht unbeschwert glücklich sein?
Ein einziges Mal in ihrem Leben nur?
Seit einem halben Jahr war sie mit Daniel beisammen.
Nur knapp sechs Monate.
Und schon wurde diese Beziehung einer Belastung ausgesetzt.
Würde sie sich an die Leute in Kapfenberg gewöhnen?
Neue Freunde finden?
Einen guten Job bekommen?
Senta hörte Daniel an der Tür.
So viele Fragen.
Keine Antworten.
Und in sechs Wochen sollten sie schon in Kapfenberg leben.
Daniel und sie.
Und Daniel ahnte nichts von ihrem Zwiespalt…
Vivienne