Markenkult – Aus dem Leben

Ich fahre in die Arbeit. Jeden Morgen. Mit der Straßenbahn. Und ich höre gerne zu. Wenn die Leute telefonieren. Oder reden. Ehrlich. Schon manche meiner Geschichten hatte ihren Ursprung in einem Gespräch, das ich in der Straßenbahn oder im Zug belauschte. Zuhören, das ist spannender als fernsehen. Und viel reeller…

Diese Woche frühmorgens stiegen auf der Strecke zwei feine Damen zu. So Anfang vierzig. Die Kleidung perfekt aufeinander abgestimmt. Die Brünette ergriff das Wort. Ihre Markenhandtasche fiel sogar mir auf. Sie schilderte ein Urlaubserlebnis: ein Shop, in dem nachgemachte Handtaschen aller namhaften Modehäuser anzufinden waren. Empört war die feine Dame vor allem deswegen, weil dort sogar Louis-Vuitton-Handtaschen in rauen Mengen feilgeboten wurden. Und die – schnaubte die Dame empört – würde sie nie nehmen, selbst wenn sie ihr gefallen würden!

Das Gespräch der Damen der Hautevolee ging noch länger weiter und drehte sich vorrangig um die Einkaufstouren in den besseren Modeboutiquen des Landes. Ich konnte mir ein Grinsen kaum verbeißen, wenn ich ehrlich bin. Muss wirklich schlimm sein, wenn man ständig auf der Jagd nach dem Besten vom Besten ist, dachte ich mir. Adel verpflichtet, und mit einem No-Name-Kleid bei H&M kann man nun mal keinen Staat machen. Auch wenn es passt wie angegossen und hübsch aussieht, oder? Wenn man zu diesem exklusiven wie auserwählten Kreis der Menschheit angehört, muss man immer darauf achten, wie man auftritt. Schließlich ist man ja nicht irgendwer, oder?

Arm, wirklich arm, dachte ich mir. Selber komme ich sehr gut ohne Marken aus. Ganz besonders auch was Kleider, Handtaschen oder Schuhe betrifft. In eine große Familie hineingeboren wo Schmalhans Küchenmeister und gebrauchte Kleidung von Verwandten zu tragen ganz normal war, plagten mich ganz andere Sorgen. Es war schon toll, sich einmal selber neue Kleidung kaufen zu können, auch wenn es keine italienischen Modelle waren. Der Anspruch steigt mit dem Besitz, aber Markensachen wurden nie wirklich heimisch bei mir… Ein Nike-Rucksack, den ich billig im Ausverkauf erstand, wäre da hervorzuheben. Ein LG Flachbildschirm lädt mich daheim zum Fernsehen ein, nachdem ich ihn bei einem Wettbewerb in der Arbeit gewonnen habe.

Meine Handys (darunter ein Diensthandy) kommen alle vom gleichen ehemaligen finnischen Marktleader. Von den wahren Statussymbolen in dem Bereich bin ich meilenweit entfernt. Für viele geht es nicht ohne, da stellt man sich auch Nächtens vor dem Handyshop an und wartet in der Schlange… Denn das Angebot ist limitiert, da muss man schnell sein. Ich frage mich da immer, ob man sich nicht auch zum Sklaven macht von den neuesten Trends. Macht Status glücklich? Gewiss sogar, aber wie bei einem Junkie. Immer mehr, immer mehr! Und das Glücksgefühl wird schal, man ist ja schließlich ständig auf der Suche nach dem neuesten Überding… Wer wäre man denn mit einem alten Handy oder mit der Handtasche vom Vorjahr? Eine Schießbudenfigur! Ist ja alles längst wieder megaout heuer…

Nicht dass Sie jetzt glauben, ich wäre neidisch und grämte mich deswegen. Kein bisschen, weil ich das alles nie hatte. Und ich strebe auch nicht danach, denn diese Kultobjekte sind einfach nicht finanzierbar für mich. Ich habe, ehrlich gesagt, ganz andere Ziele und Träume und die habe ich auch im Fokus. Ob Menschen beneidenswert sind, deren Sorgen sich vorrangig um das chicke Abendkleid aus der Nobelboutique oder um den neuesten Mercedes drehen, kann ich nicht beurteilen. Ein wenig habe ich das Gefühl, dass das wahre Leben ein wenig an ihnen vorbei läuft. Vom Überlebenskampf in einer krisengeschüttelten EU wissen die sehr wenig, frei nach Marie Antoinettes berüchtigten Worten: „Was, die Leute haben kein Brot? Dann sollen sie Kuchen essen!“

Mein früherer Chef, mit dem ich im Dauerclinch lag, belächelte mich einmal mitleidig und meinte spöttisch, ich würde nie reich werden. Natürlich war das eine gezielte Provokation um mich zu ärgern, aber so weit dürfte sein böser Ausspruch nicht von der Realität entfernt liegen. Nein, wie sollte auch der Reichtum zu mir kommen, bei dem dürftigen Verdienst im damaligen Unternehmen? Etwa in Form eines Lottogewinns? Aber eines ist auch klar: im Gegensatz zu diesem fragwürdigen Gentleman kann ich mich damit sehr gut arrangieren. Ich muss nicht reich sein, der feine Herr würde daran zerbrechen, wenn er ohne seine Statussymbole leben müsste – ein echter Markenjunkie eben.

Im Grunde gewichtet jeder sein Leben anders und jeder ist auch in sein eigenes, individuelles Dasein hineingeboren. Als Philosoph sehe ich diese Dinge in einem weiteren Kontext, denn nichts ist ohne Sinn. Mag sein, dass ich mich als eine andere nach iPhone oder iPad verzehren würde – aber, ich werde es nie wissen. Und darum lebe ich sehr gut ohne Markenkult…

Vivienne

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