Ich sehe dich an.
Deine Tränen fließen.
Du schüttelst den Kopf.
Enttäuschung in deinem Gesicht.
Mehr als das.
Auch Ungläubigkeit.
Du kannst es noch immer nicht glauben.
Oder verstehen.
Nein.
Wie solltest du auch!
Wie…?
Ich wende mich ab.
Du hattest keine Ahnung.
Nicht wahr?
Hätte ich es dir nicht sagen müssen?
Viel früher schon?
Wahrscheinlich.
Nein.
Sicher sogar.
Ich vergrabe die Hände in meinen Jackentaschen.
Ich fühle mich schlecht.
Alles andere wäre gelogen.
Ich wollte dir nicht wehtun.
Das sicher nicht.
Aber was musst du glauben?
Jetzt.
Wo ich es dir endlich gesagt habe.
Weil es nicht mehr anders ging…
Ich stehe nicht auf Frauen.
Nein.
Ich bin schwul.
Ich liebe Männer.
Und ich schlafe mit ihnen.
Das ist nicht schlimm.
An sich.
Aber für dich doch.
Du bist verliebt in mich.
Und du hast geträumt.
Geträumt von mir.
Und dass wir…
Ja.
Ich habe es gemerkt.
Aber ich wollte nicht reden darüber.
Darüber, dass ich anders bin.
Dass ich nichts für dich bin.
Aber ich traute mich nicht.
Weißt du…
Ich habe dich wirklich gern.
Du bist echt nett.
Ein toller Kumpel.
Zum Pferde stehlen.
Wir haben so viel Blödsinn gemacht.
Miteinander.
Und ich liebe dein Lachen…
Als wärst du meine Schwester!
Warum bist du kein Mann geworden!
Ein paar Mal habe ich es mir schon gewünscht.
Ich gebe es zu.
Du bedeutest mir viel.
Mehr als andere Frauen.
Aber…
Die Weichen sind bei mir gestellt.
Die Augen würden dir aufgehen.
Wenn du alles ahntest.
Was ich schon mit anderen Männern gemacht habe…
Du würdest dich von mir abwenden.
Ich habe es mir ein paar Mal gedacht.
Dass du mich vielleicht verachtest.
Deswegen.
Oder gar…
Darum sagte ich kein Wort.
Darum allein.
Ich wollte dich nicht verletzen.
Ich wollte dich nicht verlieren.
Ich wollte, dass alles so bleibt, wie es ist.
Mit uns.
Aber jetzt habe ich wohl eine Katastrophe ausgelöst.
Wirst du noch mit mir reden?
Ich drehe mich zu dir um.
Die Hände zu Fäusten verkrampft.
Aber du siehst mich nicht an.
Du schluchzt.
Dein Körper zuckt.
Schmerz und Leid.
Ich spüre wie es von dir ausgeht…
Leise flüstere ich deinen Namen.
Immer wieder.
Es dauert, bis du dich umdrehst.
Deine Augen sind gerötet.
Dein Blick ist vorwurfsvoll auf mich gerichtet.
Und verzweifelt.
Ich spüre Tränen in meinen Augen.
Unmöglich, sie zu unterdrücken.
Das wollte ich nicht.
Noch einmal flüstere ich deinen Namen.
Es tut weh, dich leiden zu sehen.
Ich öffne meine Arme.
Mache ein paar kleine Schritte auf dich zu.
Zaghaft.
Fast ängstlich.
Du hast zu weinen aufgehört.
Und siehst mich an.
Ich weiß nicht, was du denkst.
In diesem Augenblick.
Minuten später liegst du aber in meinen Armen.
Dann weinen wir beide.
Lauthals.
Aber befreit.
Ich bin nicht mehr dein Liebster.
Aber immer noch dein bester Freund…
Vivienne