Töten als Augabe, nur eine Betrachtung zur Lage

In einem Land, in dem sportlicher Betätigung eine besonders große Anzahl von Zuschauern, die Ehre ungeteilter Begeisterung zukommen lässt, muss die Erschütterung wohl auch besonders groß sein.
Die Erschütterung, die durch eben dieses Land geht, wenn bekannt wird, dass eben solche Betätigung auch ganz andere Ergebnisse zeitigen können, als von den Zuschauern gewünscht.

Ich habe töten gelernt! Ich war eine ganze Zeitlang, sozusagen der verlängerte Arm der Politik, die wie schon Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz argwohnte, nur diesen einen Arm zu haben schien.
Politik als Fortsetzung des Krieges, nur mit anderen Mitteln?

Nun gut, ich habe nicht behauptet, ich hätte getötet. Ich habe nur zugegeben, es gekonnt zu haben, wenn es denn von mir erwartet worden wäre. Gottgelobt waren die Politiker von Damals gescheiter als die von Heute. Diese Aussage gilt aber nur für die Staaten, die sozusagen die Hauptlast des Zweiten Weltkrieges zu tragen hatte. Mit einer Ausnahme, oder derer Zweie oder Dreie?

Die, die mir das Kriegshandwerk beigebracht hatten, waren Veteranen, „die noch im Kampf hatten Blut fließen gesehen“, wie mir mal einer dieser WK II-Teilnehmer in trauter Runde gestand. Dieser alte Kämpe hatte dabei so ein eigentümliches Leuchten in seinen Augen, dass ich mir schon damals meiner Berufswahl nicht mehr ganz so sicher sein konnte.

Dass es nicht zum Kriegseinsatz mit meiner Beteiligung gekommen war, lag sicherlich nicht an der von mir beschworenen Intelligenz von Politikern, die, solange die Menschheit existiert, niemals Kriegshandlungen zur Durchsetzung ihrer Ziele ausschlossen.
Also doch wohl eher Krieg als Fortsetzung der Politik?

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob es die immer beschworene „besondere Verantwortlichkeit des Deutschen Volkes“ war, die uns vor der Anwendung unseres abgeguckten Handwerkes bewahrte.
Ein einziger Befehl hätte mich ohne Augenzwinker in die Lage versetzt, innerhalb von Sekunden ein ganzes großzügig bemessenes Stadtviertel inclusive dessen Bewohner, in Schutt und Asche zu legen.

Eine etwas großzügiger bemessene Befehlskette hätte ausgereicht, diese Zerstörung auf eine ganze Millionenstadt auszudehnen.
Zusammen mit ein paar Kameraden wäre es mir sogar gelungen, einen ganzen Erdteil in einen Albtraum zu verwandeln und für die nächsten mindestens zwanzigtausend Jahre zu verwüsten und über diese Zeitspanne hinaus, weitestgehend unbewohnbar zu machen.
Also, das Ziel all unserer Bemühungen war damals, damit ganz klar zu erkennen!
“Sie werden sehen, Erfahrung durch Übung, lässt die Struktur des Tötenwollens zu einem Teil der eigenen Persönlichkeit werden“, war nicht etwa Clausewitz geschuldet, sondern einem meiner Ausbilder.

Wobei wir bei einem weiteren Erfolg guter Übearbeit sind.
Wenn es einer Sportschützin gelingt, innerhalb von zehn Jahren, so lange dauert es ungefähr in die Spitze vorzudringen um Medaillen und Ruhm zu sammeln, mehr als Eine Million Schüsse auf eine harmlose Pappscheibe abzugeben, so genügt für einen eher durchschnittlich Begabten, schon ein Bruchteil dieser Munitionierung, um ein Ergebnis zu erzielen, wie es nun schon wieder im Falle eines Schul-Amoklaufes zu beklagen gilt.

Hier von, wie im Falle der Sportschützin, von einer sportlichen Betätigung zu sprechen, wäre mehr als zynisch. Doch das Umfeld des Täters lässt für mich schon so etwas, wie eine Seelenverwandtschaft erkennen. Ein Vater, ausgerüstet mit mehr als zehn funktionierenden Handfeuerwaffen und ein zum Erfolg verdammter Sohn, der, wie es literarisch ausgedrückt wird, dereinst die Fußstapfen des Vaters auszufüllen hat.

Ein Land, das zu den weltweit größten Waffenexporteuren gehört und das, seit dem Zweiten Weltkrieg, mehr als zweihunderttausend bestbewaffnete Soldaten im Auslandeinsatz hat, kann es mit Ernst verwinden, einige Schüler oder auch Lehrer durch einen solchen Gewaltakt zu verlieren!

Nicht dass mir nun jemand unzulässige Bosheit und Verknappung vorwirft, dieser Zynismus ist mir allzu bekannt. Nur mir fehlt einfach ein Werkzeug, das es mir erlaubt auf die Verhältnisse in diesem, meinem Lande, zu reagieren.

Waffengebrauch ist in jedem Falle mit Zerstörung verbunden. Im Falle der Sportschützin, die der kleinen Pappscheibe, oder wie in meinem Falle, einer Panzerattrappe in der Heide oder einem Betonzielkörper in Neufundland.

Übunghalber Waffengebrauch dient der Zerstörung von „harten oder weichen“ Zielen, wobei mit „weich“ die Konsistenz menschlicher „Ziele“ gemeint ist.

Die Sportschützin übt eigentlich nur ihre Zerstörungskraft, wenn auch sicherlich nicht bewusst und aus Bosheit. Aber eine Gesellschaft, die sich selber als human versteht, muss sich schon angesichts dieser Schreckenstat fragen lassen, wozu ein Sportschütze mehr als 4500 einzeln absolut tödlicher Projektile hortet, wenn nicht um derer Zerstörungskraft willen?

Der Deutsche Bundespräsident Köhler hat ganz Recht mit seiner Annahme, dass solche Taten auf gar keinen Fall auf die innere Befindlichkeit eines ansonsten ganz gesunden Volkskörpers schließen lassen und wir und auch die Welt sich davor hüten solle, hier vorschnell zu urteilen!

Nur, wie lässt sich der gesunde Volksgeist ergründen? Ist es nicht schon ein Alarmzeichen, wenn es einer Industrie gelingt, angesichts einer solch schwerwiegenden Tat eines vermeintlich Verwirrten, direkt auf eine andere Industrie zu zeigen und dort die „Buhmänner“ auszumachen?

Interessant auch das Verhalten der Bundesdeutschen Medienlandschaft! Waffengesetz? Kein Thema, höchstens so am Rande! Zehn Millionen Waffen in Privatbesitz? Ach ja? Etwa 50 Millionen Stück Munition in Privathand! „Sportmunition“ und Munition von Armee und Polizei nicht gerechnet.

Der Bundespräsident hat mit seinem Vortrag ganz Recht. Wir sind gefordert! Wir sind sogar ganz hart gefordert. Wir müssen wirklich anfangen damit, Ernst zu machen!

Nur der Bundespräsident irrt ganz gewaltig, wenn er nur an das Gute im Menschen appelliert, anstelle jetzt endlich mal Klartext zu sprechen und die wahren Schuldigen zu benennen. Es sind zwar, wie schon mal von dem Hollywoodstar Charlton Heston in seiner Eigenschaft als oberster Waffenlobyist der USA bemerkte und seither immer gerne genommen, Menschen und nicht Waffen die töten. Doch ohne Waffe tötet es sich nicht so leicht, Herr Bundespräsident.

Doch wo kämen wir wohl hin, wenn wir der Erziehung zum Frieden die gleiche mediale Aufmerksamkeit schenkten, wie den Erfolgen der oben erwähnten Sportschützin, die noch einige hunderttausend Übungsschüsse bis zum Ende ihrer Karriere vor sich hat?

Und wie kitzeln wir schlussendlich das Killerpotential aus unseren Jugendlichen heraus und sei es auch nur für weitere „Einsätze für den Frieden“?

Antoine Susini 22. März 2009

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