„Wut“ – Ansichtssache

In den Beiträgen meiner beiden Rubriken „Reflexion“ und „Geschichten aus dem Cafe Steiner“ habe ich oftmals versucht verschiedene Verhaltens- und Denkmuster in unserer Gesellschaft zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang wurde ich auf ein neu erschienenes Buch aufmerksam, welches ich mittlerweile auch gelesen habe und heute kurz vorstellen möchte.

Die Autorin, Dr. Heidi Kastner, ist Chefärztin der forensischen Abteilung der Landes-Nervenklinik in Linz. Als anerkannte Expertin war sie unter anderem als Gerichtsgutachterin im Fall Josef Fritzl tätig, wo sie in zahlreichen Gesprächen die Abgründe jenes Mannes hinterfragen konnte, dessen Taten die Öffentlichkeit zutiefst erschütterten. Auf Youtube findet sich eine Video-Doku, in welcher unter anderem auch Kastner ihre Erkenntnisse aus diesem Fall sehr anschaulich darstellt.

Schon in der Vergangenheit hat die forensische Psychiaterin in ihren Büchern Einblicke in das Täterverhalten und andere Themen gewährt. Das im Herbst 2014 erschienene Sachbuch beschäftigt sich nun mit dem persönlichen Umgang mit einer sehr heftigen Emotion und trägt den spannenden Titel „Wut – Plädoyer für ein verpöntes Gefühl“.

Die Wut wäre in unserer Gesellschaft sehr negativ bewertet. Die Autorin weiß aber aus ihrer Arbeit als Gerichtspsychiaterin nur allzu genau, wohin unterdrückte Wut führen kann und versucht dies anhand von Fallbeispielen zu verdeutlichen. Das Buch solle ein Plädoyer für die Geradlinigkeit des Ausdrucks und die Anerkennung der eigenen Emotionen – der „guten“ wie der „bösen“ – sein.

Einen kurzen Einblick möchte ich in jene Stelle des Buches geben, wo der Unterschied zwischen Wut und Zorn aufgezeigt wird. Umgangssprachlich würden wir diesen beiden Begriffen eine ähnliche Bedeutung zumessen. Kastner verdeutlicht aber, dass der Zorn als ehrenvolle Aufgabe gegen offenkundiges Unrecht abziele. Im Gegensatz zur Wut, die sich selbst erschöpft, hat der Zorn einen definitiven Schlußpunkt.

Ich gebe gerne zu, dass ich es sehr spannend finden kann der tieferen Bedeutung und den Hintergründen von mehr oder weniger alltäglichen Begriffen näher auf den Grund zu gehen. All jenen die dies ähnlich empfinden und die menschliche Gefühlswelt hinterfragen wollen kann ich dieses Buch durchaus empfehlen.

Mit diesem Beitrag werde ich mich aus meinen Kolumnen in der Bohnenzeitung bis auf weiteres wieder zurückziehen. Vom Schreiben werde ich mich bestimmt nicht abwenden, aber neue Ideen brauchen auch einfach etwas Zeit, die ich mir gewähren möchte …

Pedro


Informationen zum vorgestellten Buch
wut

Wut Plädoyer für ein verpöntes Gefühl
von Heidi Kastner
gebundene Ausgabe, 128 Seiten
Verlag Kremayr & Scheria

1 Gedanke zu „„Wut“ – Ansichtssache“

  1. Tu das, Pedro! Nur, vergiss nicht, dass „Wut“ auch immer nur ein „Lebensgefühl“ auszudrücken imstande ist! Wenn wir die Wut heutzutage als etwas völlig Falsches/Schlechtes darstellen, so ist das auch nur unserer „sehr friedlichen“ Kultur zu verdanken, was diesen Begriff aber wohl nur zur Hälfte trifft! Wo aber bitte, bleibt die Wut über Unterdrückung, Versklavung und Meinungsunfreiheit? Oder die, über unsere Kirche die Sekt schlürft und Wasser predigt?

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