DIE BUNTE WELT VON VIVIENNE
von Vivienne – November 2003
Die Achtung vor dem Leben
Ich könnte keiner Fliege was zu leide tun! ist einer meiner Standardsätze, wenn gleich ich mich auch in einem anderen Augenblick man braucht es nur im Bohne-Forum nachlesen darüber ausgelassen habe, wie gern ich jemand bestimmten das Genick brechen würde, wenn er mir wieder über den Weg liefe. Natürlich würde ich nicht, keine Frage, aber dieses unbedachte Posting war Anlass genug für mich, über die Gewaltbereitschaft von uns Menschen nachzudenken, zu philosophieren darüber, wie stark die Gewaltbereitschaft schon in unserer Sprache vertreten ist: diktiert von Gewalt- und Brutalszenen im Fernsehen, im Kino, in Computerspielen, ja, in allen Medien. Von Gewaltbereitschaft, die sich über unsere Sinne in unsere Gehirne schleicht und Sätze wie Ich bring den Kerl um!, wenn man einfach wütend ist, zu einer Selbstverständlichkeit werden lässt, die zumindest mir Angst macht.
Was heißt eigentlich Achtung vor dem Leben? Nie wurde mir das schöner vor Augen geführt als vor ein paar Jahren im Frühsommer. Ich war bei einer Freundin, Anita, die ich nur sehr selten sehe, und ihrem damaligen Freund in dessen Wochenendhaus in einem Waldstück in der Nähe von Freistadt eingeladen. Der Geschäftspartner von Anitas Freund war auch da, gemeinsam mit seiner Frau und dem Kind, einem etwa zweijährigen Mädchen. Es war wunderschön dort, die Aussicht war herrlich und ich genoss es, einfach auf der Wiese zu sitzen und die Strahlen der Sonne aufzufangen. Die Gattin des Geschäftspartners spielte ein paar Schritte von mir entfernt mit ihrer Kleinen, als diese zu weinen begann.
Und dort wurde ich Zeuge eines Gesprächs, in dem diese Mutter ihre Tochter liebevoll tröstete, weil sie sich vor einer kleinen Laus gefürchtet hatte. Als das Mädel die Laus schließlich verjagen wollte und sie dabei beinahe zerdrückt hätte, erläuterte die junge Frau mit einfachen wie berührenden Worten ihrer Tochter, dass die kleine Laus auch Angst hätte und auch gern leben würde so wie das Mädchen selber. Ich werde diese Szene nie vergessen, sie brachte mich zum Nachdenken über mich selber, ob wirklich jede Gelse mit dem Spray bekämpft werden muss und jeder Schnecke im Garten Schneckenkorn gebührt, weil halt die Einstellung zu solchen Kleinstlebewesen in diesen Zeiten lautet: Was dir nicht nützt, das braucht auch nicht leben.
Falls Sie sich denken, die gute Vivienne wird jetzt ein bissl wunderlich, weil sie sich über Insekten und Läuse den Kopf zerbricht, so sei Ihnen gesagt: ich sehe nicht nur diese winzigen Tiere, ich versuche vielmehr den Gesamtkontext zu betrachten. Der Mensch hat im Laufe der Jahrhunderte nie wirklich einen Gedanken daran verschwendet, welches Unheil er zum Teil in der Natur anrichtet, aus einem bequemen Denken heraus, das nicht über die eigene Nasenspitze hinaus geht. Man macht sich allgemein viel zu wenig Gedanken, wie viele Tiere seit der Weltherrschaft der Primaten ausgestorben sind und die noch leben könnten, wenn sich die Menschheit mehr Respekt vor dem Leben bewahrt hätte, nicht nur vor dem der eigenen Spezies sondern auch vor dem der Tiere, die – so banal es vielleicht klingen mag ebenfall Geschöpfe Gottes sind und ohne die auch der Kreislauf der Natur mehr und mehr gestört wird und schon gestört worden ist.
Aber wenden wir uns in weiterer Folge dem Homo Sapiens zu. Im Sommer konnte man in der Welt der Frau einen Artikel nachlesen, in dem anerkannte Ärzte zum Thema Früherkennung von Behinderungen beim Ungeborenen referierten. Details wurden angeführt, wie man speziell das Down-Syndrom (Mongolismus) schon relativ früh durch Fruchtwasseruntersuchungen erkennen kann und wie den betroffenen Schwangeren frei nach dem mehr als fragwürdigen Motto Keine Frau braucht ein behindertes Kind zur Welt bringen! als wirkungsvolle Therapie natürlich die Abtreibung nahe gelegt wurde. Ich will hier keine Grundsatzdiskussion über die Abtreibung selbst heraufbeschwören, jede Frau soll in ihrem speziellen und einzigartigen Fall nach dem Gewissen entscheiden, aber ich persönlich finde, dass derartige Präventionen und Empfehlungen genau genommen schon ins dritte Reich gehören oder sonst in einen totalitären Staat, in dem nur schöne Menschen mit geraden Gliedern ein Recht zu leben haben.
Ganz abgesehen davon, dass durch die beschrieben Fruchtwasseruntersuchungen durchaus auch schwerwiegendere Chromosomenanomalien oder überhaupt andere Behinderungen übersehen werden können und ein Befund nie wirklich hundertprozentig sein muss. Der Mensch spielt sich in solchen Fällen auf geradezu menschenverachtende Weise als Herr über Leben und Tod auf. Und der Terminus vom unwerten Leben liegt für mich förmlich in der Luft. Nicht dass Sie mich missverstehen, ich selber habe keine Kinder, Gott allein weiß, ob ich je welche haben werde, aber eine Abtreibung kann nie Therapie sein, wie in der Welt der Frau angeführt, sondern allenfalls der letzte Ausweg in einer sehr persönlichen Situation. Ich werfe daher sicher nicht den ersten Stein, aber es geht mir einfach darum zu erläutern, dass das Recht das Leben anderer zu bestimmen grundsätzlich nicht uns Menschen obliegt. Ob man nun an Gott glaubt oder nicht.
Besonders deutlich wird jedem wohl die Achtung des menschlichen Lebens anschaulich vor Augen geführt, wenn im Fernsehen über einen Krieg berichtet wird, speziell wie im Frühjahr, als die USA zum xten Mal den Irak bekämpften. Wenn die Sache irgendeiner großen und mächtigen Nation oder fundamentalistischen Organisation dienlich ist, erlangt eine Auseinadersetzung schnell den Status eines Heiligen Krieges. Jede Menge Blut wird vergossen, wobei die eigenen Verluste immer in Medienberichten herausgestrichen werden, wie viele Gegner schon von eigener Hand erledigt wurden, darüber wird der Mantel des Schweigens gebreitet oder die Verluste des Gegners werden gleich als gerechtfertigt dargestellt. Soldaten sind wie Figuren auf einem Spielfeld, die bereitwillig von beiden Seiten geopfert werden um die eigenen hehren Ziele zu erreichen.
Töte einen Menschen, und du bist ein Mörder, töte tausend, und du bist ein Held. Dieser Spruch charakterisiert perfekt das Wesen des Krieges, in dem für Achtung vor dem Leben kein Platz ist. Unsere Gesellschaft zeigt auch keine Tendenzen, dass sich dieses grausige Phänomen je ändern könnte, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Wie der Frieden beginnt auch die Achtung vor dem Andern im kleinsten Kreis, wie man mit anderen umspringt, darin liegt auch der Schlüssel zur eigenen Bereitschaft dem Umfeld mit Achtung oder Missachtung zu begegnen. Vom aggressiven Spruch zur aktiven Aggression führt nur ein kurzer Weg, oft liegt es nur am Mangel an Gelegenheit, dass sie nicht früher zutage tritt. Denken Sie doch an jene Schüler, die in ihren Schulen, bei uns und anderswo, schon ein Blutbad anrichteten, oft aus dem Nichts, unvorhersehbar.
Wer sein eigenes Leben nicht achtet, dem ist auch das Leben anderer unbedeutend, meint
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