Die beste Vivienne – Gedankensplitter

Es ist Jahre her.
Nicht gerade die glücklichste Zeit meines Lebens.
In einem Job in der Provinz.
Einer üblen Chefin ausgeliefert.
Die Zuckerbrot und Peitsche austeilte.
Nach Belieben.
Und deren Mistkübel ich war.
Und Prellbock.
Eine schlimme Phase.
Und doch erst die Ouvertüre zu noch mehr Leid…

Ich erinnere mich gut.
Ich vergesse nie, was mir getan wurde.
Nie.
Nicht im Guten.
Nicht im Schlechten…
Ein junger Mann kam eine Woche in die Firma.
Er hieß Sebastian.
Mitarbeiter eines befreundeten Unternehmens.
Er war sehr erfolgreich auf seinem Gebiet.
Und sollte uns unterstützen.
Ich verstand mich gut mit  ihm.
Sehr gut sogar.
Die Chemie stimmte.
Ich unterhielt mich gern mit ihm.
So wie ich mich mit jungen Leuten immer besser verstand.
Als mit älteren.
Das war schon immer so gewesen…
Ich konnte mich nicht mehr von ihm verabschieden.
An seinem letzten Tag.
Er musste früh weg.
Und ich war einige Zeit auswärts.
Aber er hinterließ mir einen Brief…

Ein langes Schreiben.
Handgeschrieben.
Voller netter Worte.
Und voller Motivation.
Er verstand es mich am Nerv zu treffen.
Mit glühenden Worten.
Er erzeugte Begeisterung in mir.
Und Feuer.
Er schloss mit den Worten.
Werde die beste Vivienne, die es je gab…!
Die beste Vivienne…
Ich konnte diese Worte nie vergessen.
Obwohl ich den jungen Mann nie mehr sehen sollte.
Und die Firma bald darauf verließ.
Die Chefin war zur Heimsuchung geworden.
Und sollte es bleiben.
Obwohl ich ihr den Rücken zuwandte.
Sie gab sich nicht damit zufrieden.
Dass sie mich fertig gemacht hatte.
Sie bemühte sich mein Leben zu zerstören.
Ich ging am Abgrund.
Fast eineinhalb Jahre lang.
Und ahnte doch lange so wenig…

Ich entkam der Hölle.
Ein gütiges Geschick bewahrte mich vor Üblerem.
Ich fasste wieder Fuß im Leben.
Und im Beruf.
Und seltsam…
Jahre später scheint es.
Als hätten sich Sebastians Worte bewahrheitet.
Auf geradezu verblüffende Art und Weise.
Die beste Vivienne…
Selten war ich in meinem Job ähnlich erfolgreich wie jetzt.
Nie hatte ich das zu hoffen gewagt.
Nicht vor einem Jahr.
Aber ich bin aus dem Schatten hervorgetreten.
Die beste Vivienne…
Ich darf stolz auf mich sein.
Habe ich doch hart gearbeitet.
Und einiges bewegt.
Und doch fällt mir jetzt noch etwas ein.
Was mir damals passiert war.
Nachdem ich den Brief von Sebastian gelesen hatte.
Plötzlich befiel mich tiefe Wehmut.
Und ich begann zu weinen.
Einige Minuten schluchzte ich laut…
Das weiß ich noch genau.

Und wenn ich mich heute erinnere.
Dann spüre ich wieder diese Wehmut.
Den tiefen Kummer.
Und die Einsamkeit.
Die beste Vivienne…
Kann sein.
Durchaus.

Aber was ist das alles im Vergleich zur Liebe?
Nichts!

Vivienne/Gedankensplitter

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