Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  Mai 2004



Auslaufmodell Songcontest?

Zum 49. Mal ging gestern der Eurovisions Songcontest über die Bühne. Ich war wie die meiste Zeit in den letzen 25, 30 Jahren live dabei und gewissermaßen feierte ich gestern eine Premiere. Zum ersten Mal seit Menschengedenken drückte ich einem deutschen Beitrag die Daumen. Max, der unter den Fittichen von Blödelstar Stefan Raab die deutsche Ausscheidung für sich entschieden hatte, Abiturient und mit einer Stimme vom Kaliber eines Joe Cocker gesegnet, hatte mich überzeugt, mehr als der österreichischen Beitrag von Tiebreak aber auch weit mehr als die anderen Interpreten.

Bedingt durch die neuen Staaten in Europa, was die teilnehmenden Nationen auf 36 hochschnellen hatte lassen, musste Titelverteidiger Türkei erstmals auch ein Semifinale austragen, damit der eigentliche Bewerb nicht zu einer „Neverending Story“ geraten konnte. Vierundzwanzig Staaten bestritten gestern Abend zur  Primetime den Finalbewerb und die Ukraine setzte sich schließlich mit Punkterekord durch. Frech, schrill und freizügig war gestern gefragt, die griechischen Vertreter entblößten sich ohnedies weitestgehend (und das sehr erfolgreich!), so dass man sich die Frage stellen musste, ob der gestrige Bewerb vielleicht auch den Auftakt zu einer künftigen Strip-Show darstellen sollte.

Wie auch immer. In der Heimatsprache trug kaum jemand mehr sein Lied vor, außer uns Österreichern oder Frankreich fällt mir im Rückblick niemand mehr ein. Englisch war die vorherrschende Sprache unter den Songs der Finalstaaten, was, nachdem vor einiger Zeit die ursprüngliche Sprachregelung für jedes Land gefallen war, auch niemanden wirklich überraschte. Der Eindruck eines Einheitsbreis, der einem da vorgesetzt wurde, verstärkt sich von Jahr zu Jahr mehr. An die Siegertitel in den letzten Jahren kann ich mich nicht erinnern, auch der Versuch, mir den Siegersong aus dem Vorjahr ins Gedächtnis zu rufen, gibt meinem Gedächtnis eine kaum lösbare Aufgabe auf.

Johnny Logan hingegen taucht in der Geschichte des Songcontest immer wieder auf, der Ire ist der einzige Sänger, der bisher zwei Mal gewann. Immer mit derselben Masche, aber sehr erfolgreich und romantisch. Dass die Schweiz 1988 mit dem späteren kanadischen Superstar Celine Dion sogar einmal – knapp aber doch – den Sieger stellen durfte, daran dürften sich die wenigsten erinnern. Da ist den Köpfen schon deutlicher verhaftet, dass im gleichen Jahr der Oberösterreicher Wilfried mit „Mona Lisa“ mit Null Punkten einen gewaltigen Bauchfleck hinlegte.

In den letzten Jahren gab es also wirklich wenig bemerkenswerte Titel, die dem interessierten (?) Fernsehzuseher in Erinnerung blieben. In der Steinzeit des Songcontest war das aber völlig anders. Von Cliff Richard über Schlagerstar Vicky Leandros bis hin zu Abba scharten sich auch durchwegs bekannte Gruppen und Interpreten im Songcontest, der damals noch überschaubar war, und jedes Jahr wieder interessante Hitparadensongs lieferte. Und außerdem den einzigen österreichischen Sieger bisher, Udo Jürgens. Ob man nun zu den (vorwiegend weiblichen) Fans zählt oder nicht – der in die Jahre gekommene Charmeur ist nach wie vor dick im Geschäft.

Was man von den anderen österreichschen Vertretern nicht unbedingt sagen kann. Kurt Ostbahn, 1976 mit den „Schmetterlingen“ eher im unteren Drittel der Ergebnislisten angesiedelt, sticht da noch positiv heraus. Er hat wahrlich Karriere gemacht, trotz oder wegen des Songcontest, und zieht sich nun nach dem Tod von Autor Günther Brödl von der Bühne zurück. Thomas Forstner, einmal Top („Ich singe nur ein Lied“, von Dieter Bohlen…) und einmal Flop („Regen in Venedig“) hat die Branche gewechselt und werkt im EDV-Bereich, angeblich recht erfolgreich.

Waterloo und Robinson, mit der „Kleinen Welt“ 1975 ausgezogen um den respektablen 5. Platz zu erobern, dürften irgendwie übersehen haben, wann es Zeit ist, Schluss zu machen. In den letzen Jahren haben die beiden wiedervereint einige Mal versucht, noch einmal Österreichs Fahnen beim Songcontest hoch zu halten. Ein gütiges Geschick hat uns jedoch vor dieser Blamage bewahrt. Tiebreak haben ihre Sache heuer recht gut aber glücklos gemacht und ich fürchte fast, dass wieder ein origineller Kabarettist vom Schlage eines Alf Poier anrücken muss, damit erneut eine Top-Ten-Platzierung für Österreich realistisch scheint.

Der Siegertitel 2004 kommt also aus der Ukraine, aber ich vermute fast, das weiß in drei Wochen ohnedies keiner mehr. In Erinnerung wird Max bleiben, der ein Opfer jenes Happy Sounds wurde, der sich in großem Stil durchsetzte. Ein 8. Rang ist trotzdem ein Achtungserfolg, und ich hoffe, dass sich die markante Stimme des jungen Mannes mit der leichten Stirnglatze trotzdem im Business durchsetzt – denn, auch wenn man es vorher fast nicht geglaubt hätte: Stefan Raab kann tatsächlich Songs schreiben, die weit über Blödelniveau hinausgehen…

In diesem Sinn: die Schlacht um den Songcontest 2004 ist geschlagen, wir freuen uns auf 2005: Autriche, douze points! Hoffentlich…Aber sicher ist im Moment nur, dass der Songcontest im nächsten Jahr in der Ukraine stattfinden wird. Sollen sich andere Leute den Kopf darüber zerbrechen, nach welchem Modus gesungen werden wird, und wer weiß, ob ich dabei sein werde… und nicht eine gepflegte Nacht im Bett vorziehe!

Vivienne

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