Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  April 2004



Die letzte Rasse

Nein, ich möchte an dieser Stelle keine ausländerfeindlichen Parolen loswerden. Nichts steht mir ferner als das. Ich möchte heute über eine andere Spezies sprechen, die man in jedem Land, in jeder Nation zu einem gewissen Prozent ausgeprägt findet. Mit minderwertigem Charakter und ohne Rückgrad ausgestattet: ich spreche von den Opportunisten, den Schleimern und den Zuträgern, die man in jeder größeren oder auch kleineren Firma antrifft und das meist in gar nicht schlechter Position: Wer gut schleimt und es sich richten kann, macht nämlich leichter Karriere!

Zu allererst einmal ein paar anschauliche Beispiele aus dem realen Alltag: eine junges Mädchen in einem Unternehmen im Mühlviertel wird des Diebstahls verdächtigt. Der Chef der Tischlerei fackelt nicht lange. Er hält ein paar Mitarbeiter an, in Zukunft dem Mädel auf die Finger zu schauen. Mitarbeiter, die nicht nur blind gehorchen sondern (zumeist in voraus eilendem Gehorsam) nicht davor zurückschrecken, den Spint der Mitarbeiterin immer wieder heimlich zu öffnen, um einen Beweis zu finden. Als der Verdacht plötzlich wie ein Kartenhaus zusammenbricht und das Mädchen begreift, was ihr da die ganze Zeit unterstellt wurde, schiebt sie der Chef „einvernehmlich“ ab. Seine „Mithelfer“ hingegen bleiben in Amt und Würden, denn von denen weiß der Unternehmer, dass er wieder auf sie bauen kann – beim  „nächsten Mal“…

Das zweite Exempel liefert wieder der schon berüchtigte Linzer Großhandelsbetrieb, der trotz Betriebsrat für arbeitsrechtliche Auswüchse schon schlichtweg ein Synonym darstellt: Eine langjährige Mitarbeiterin befindet sich etwas in negativem Fahrwasser. Im letzten Sommer brach sie sich den Arm und war deshalb längere Zeit notgedrungen im Krankenstand. Das Pech bleibt ihr treu: eine Grippe wirft sie vor Weihnachten zusätzlich aufs Krankenbett, und spätestens seither haben sie Geschäftsführer und Betriebsleiter auf der Schaufel.

Die Frau merkt, dass man sie loswerden möchte. Wenn sie mal mit einem Kollegen eine Zigarette rauchen geht, „verpetzt“ sie ein feiner Kollege, der als Zuträger verschrien ist, damit der Betriebsleiter sie dabei „ertappen“ kann. Sozusagen auf frischer Tat. Als sie ein wichtiges Telefonat mit einem Kunden geführt hat, schikaniert sie der Geschäftsführer, weil er sie in der Zeit nicht erreichen konnte, angeblich. Die Mitarbeiterin weiß aber genau, was gespielt wird: Da sie fast 15 Jahre in der Firma ist, möchte man sie mit dieser Mobbing-Variante veranlassen, die Firma genervt selber zu verlassen um sich die Abfindung zu sparen.

Ich habe dergleichen Geschichten schon des Öfteren erzählt um sie von der Seite des Arbeitsrechtes und der Zahnlosigkeit von AK und Gewerkschaft zu beleuchten. Heute ist mir ein anderer Aspekt wichtiger. Der jener „Charakterschweine“ – man verzeihe mir den Ausdruck, ich habe keine noblere Bezeichnung für diese Spezies gefunden – die sich nicht entblöden, in solchen Fällen die Zuträger, die Verleumder oder die „Ausrichter“ zu spielen: zum eigenen, zum persönlichen Vorteil. Denn dass diese „Hilfe“ von willigen, „allzeit bereiten“ Mitarbeitern nicht unbelohnt bleibt, liegt doch wohl auf der Hand.

Asozial sind diese Menschen und sie untergraben dabei jenes Arbeitsrecht, das seit der ersten Republik in Österreich in Zeiten, als die Kammern beider Vertreter noch konstruktiv zusammenarbeiteten, mühevoll aufgebaut und geschaffen wurde. Napoleon sagte einmal: „Ich liebe den Verrat, doch hass ich den Verräter!“ Der große französische Imperator, der selber wenig Skrupel im Umgang mit seinen Untergebenen an den Tag legte, gibt mit diesen Worten sehr offen zu, dass sich jenes Schwert, um es blumig zu formulieren, mit dessen Hilfe man Helfer rekrutiert, die ohne zu zögern unliebsame Personen ans Messer liefern, auch einmal selber gegen diese Werkzeuge richten kann. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“

Die meisten Opportunisten, die sich billig nach der Decke strecken und willfährig zu jeder Schandtat bereit sind, auch wenn es dabei mal in illegale Bereiche geht, denken selten so weit, dass sich die Geschicke gegen sie ändern könnten. Prostituierte des Charakters sind sie und sie verkaufen im Grunde ihre Dienste jedem Chef, jedem Abteilungsleiter, je nach dem wie der Wind weht, und sind im Charakter eng verwandt mit jenen Nazis, die nach dem Zusammenbruch des dritten Reiches geschickt die Märe verbreiteten, sie wären immer im Widerstand gewesen.

Zweifellos muss es sie wohl geben: diese Wendehälse, Zuträger, Opportunisten, Papageien, etc. um den Unterschied zu den anständigen Charakteren zu verdeutlichen. Jeder hat in seinem Leben die Chance zu entscheiden, den geraden und anständigen Weg oder den hinterfotzigen und verlogenen. Manch einer entscheidet sich dabei für den vermeintlich leichteren Weg, einen Weg, der aber neben beruflichen Vorteilen auch die Isolation bringen kann. Vertreter dieser Gruppe werken gerne halb im Verborgenen, aber wenn der Verdacht erst mal offenkundig  wird und die Runde macht, ist es meist vorbei mit der „verdeckten Arbeit“. Die meisten aufgedeckten Zuträger in einem Betrieb werden schnell geschnitten, weil auch der Dümmste irgendwann durchschaut …

Bleibt nur ein Fazit: man muss wohl mit dieser „entarteten“ Spezies leben, weil man es nicht jedem auf dem ersten Blick ansieht, wes Geistes Kind er ist. Aber Trau, schau, wem! Und bei Verdacht ist es wohl am besten, sich auf Smalltalk zu besinnen. Vorsicht ist in jedem Fall geboten, gerade in einer Arbeitswelt, in der der Mensch immer weniger wert wird.

Vivienne

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